Wiener Kongress vor 200 Jahren: Preußen hebt am 30. April 1815 die Provinz Westfalen aus der Taufe
Ein Fest für Nostalgiker?

Münster -

Die Identität Westfalens wird viel beschworen. Ob es diese angesichts seiner heterogenen Gestalt zwischen Münsterland, Ruhrgebiet und Siegerland je gegeben hat, wird bezweifelt. Schub bekommt die „westfälische Idee“ immer dann, wenn die politischen oder kulturellen Weichenstellungen im 1946 geschaffenen Bindestrichland Nordrhein-Westfalen allzu sehr Richtung Rheinland führen. Westfalen wird dann zum viel beschworenen Ideal. Man möchte nicht als bäuerlich-rückständiger Landstrich wahrgenommen werden, sondern im Konzert der Rhein-Metropolen mitspielen. Manchmal wirken dann Marketing-Aktionen Westfalens wie perpetuierte Minderwertigkeitskomplexe.

Mittwoch, 29.04.2015, 17:04 Uhr

Weiß-rote (Westfalen) und schwarz-weiße Fahnen (Preußen) vor Münsters Schloss. Der historische Stich zeigt Repräsentanten und Bürger Münsters, die 1865 den 50. Jahrestag der Gründung der preußischen Provinz Westfalen feierten.
Weiß-rote (Westfalen) und schwarz-weiße Fahnen (Preußen) vor Münsters Schloss. Der historische Stich zeigt Repräsentanten und Bürger Münsters, die 1865 den 50. Jahrestag der Gründung der preußischen Provinz Westfalen feierten. Foto: LWL

Eigentlich wäre in Westfalen heute, am 30. April, ein Feiertag , wenn das Land zwischen Münster und Siegen, Gronau und Bielefeld, das in seiner Gestalt auf den Wiener Kongress vor 200 Jahren zurückgeht, jemals volle Autonomie besessen hätte. Aber als Verwaltungsgebiet war Westfalen in den beiden letzten Jahrhunderten stets Teil eines größeren Ganzen, erst Preußens und dann Nordrhein-Westfalens, wie der Historiker Dr. Karl Ditt es formuliert.

Ist Westfalen also nur ein Relikt, ein Konstrukt, ein Produkt gar für Nostalgiker? Zumindest die Geschichtsschreibung liefert Karl Ditt zwei Begründungen, sich mit Westfalen als Einheit zu befassen. Da ist die politikgeschichtliche Antwort, die das heutige Westfalen auf den Wiener Kongress 1814/15 zurückführt. Nach zwei Jahrzehnten napoleonischer Kriege galt es, Europa neu zu ordnen. Der Übergang mehrerer nordwestdeutscher Territorien an Preußen markierte also die Geburtsstunde Westfalens. Die Westfalen betreffenden Vereinbarungen wurden am 10. Juni 1815, einen Tag nach seiner Schlussakte, bestätigt. Der preußische Staat aber hatte bereits am 30. April 1815 sein Territorium durch die „Verordnung wegen verbesserter Einrichtung der Provinzialbehörden“ in zehn Oberpräsidien (Provinzen) und 25 Regierungen untergliedert. Das von Friedrich Wilhelm III. unterzeichnete Gesetz nahm die Beschlüsse des Wiener Kongresses vorweg und gilt als „Geburtsurkunde“ der Provinz Westfalen. Diese Provinz bestand aus Teilen der ehemaligen Fürstbistümer Münster, Paderborn und Köln, die 1803 mit dem Reichsdeputationshauptschluss säkularisiert worden waren. Aber auch weltliche Herrschaftsgebiete wie Minden-Ravensberg und Mark zählten dazu.

Die kulturgeschichtlichen Antworten auf die Frage nach Herkunft und Gestalt Westfalens reichen über 1200 Jahre zurück. Zur Zeit der Franken wurden die Westfalen als Teil-Gruppe der Sachsen definiert. Vom Hochmittelalter bis zum 19. Jahrhundert galt „Westfalen“ wie eine Sammelbezeichnung für Gebiete zwischen Nordsee und Westerwald. Noch in den 1920er Jahren versuchten Regionalforscher, aus der wechselnden Ausdehnung westfälischer Gebiete ein westfälisches Kernland herauszuschälen.

Für Karl Ditt steht heute fest, dass Westfalen eigentlich „nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung eine relevante Größe ist“. Vor allem für Teile des Bildungsbürgertums und der landschaftlichen Kulturpflege. „Viele Leute können mit Westfalen weniger anfangen als mit ihrer Stadt oder ihrer Teilregion, in der sie leben.“ Für die Arbeiterbewegung sei etwa die soziale und wirtschaftliche Prägung viel bedeutsamer, auch konfessionelle Einflüsse wögen schwerer als rein räumliche.

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Westfalen feiert seinen Geburtstag am 27. Juni beim Westfalentag in Münster. Am 28. August folgt dann eine umfangreiche Ausstellung über Westfalen im Museum für Kunst und Kulturgeschichte in Dortmund.

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