Stefan Dohr ist Solo-Hornist der Berliner Philharmoniker und freut sich auf die Dirigenten-Wahl
Westfalens bester Horn-Export

Münster/Berlin -

„Ich war der zweitbeste Hornist von Essen-Kettwig“, erzählt Stefan Dohr und lacht verschmitzt. Denn für den Solo-Hornisten der Berliner Philharmoniker klingt eine solche Aussage überraschend bescheiden. Aber der in Münster geborene Musiker war ja noch Schüler, als er von seinem ursprünglichen Instrument Bratsche zum Waldhorn wechselte. Und das lag am legendären Hermann Baumann, den er bei einem Kirchenkonzert erlebte. Ihm wollte er nacheifern – dem besten Hornisten (nicht nur) von Essen-Kettwig.

Freitag, 01.05.2015, 15:17 Uhr aktualisiert: 07.05.2015, 17:18 Uhr
Stefan Dohr erlebte als Schüler ein Konzert der Horn-Legende Hermann Baumann – und wurde Hornist.
Stefan Dohr erlebte als Schüler ein Konzert der Horn-Legende Hermann Baumann – und wurde Hornist. Foto: Monika Rittershaus

Schon als 15-Jähriger begann Dohr , dessen Familie von Münster aus nach Spiekeroog und dann nach Essen zog, mit seiner professionellen Ausbildung an der Folkwang-Hochschule. Mit 19 hatte er seine erste Stelle als Solo-Hornist im Frankfurter Opern- und Museumsorchester – und wurde „so richtig“ ins kalte Wasser geworfen. „In der Ära des legendären Opernchefs Michael Gielen musste ich 35 Werke vom Blatt spielen – den ganzen Wagner-Ring, Puccinis ,La Bohème‘ und ,Tosca‘ ...“, erinnert sich Dohr. Die Zeit unter dem Präzisionsfanatiker Gielen, der sich ebenso vehement für die Neue Musik einsetzte, hat Stefan Dohr geprägt, es folgten Stationen in Nizza und beim Deutschen Sinfonieorchester Berlin , ehe es ihn an die Spitze der deutschen Orchesterlandschaft katapultierte: zu den Berliner Philharmonikern. „Dazu gehört natürlich das Glück, dass gerade eine passende Stelle frei ist und man beim Probespiel einen guten Tag hat“, sagt er rückblickend.

Ein „All-Star-Ensemble“ nannte der scheidende Chefdirigent sein Orchester kürzlich noch – sieht sich Solo-Hornist Dohr demnach als Star? „Wann ist man schon ein Star in der Klassik“, sagt er ausweichend, um dann aber einzuräumen, dass die Berliner „schon eine tolle Auswahl an Solisten haben. Und wenn ich mir die Probespiele auch für die Tutti-Stellen anhöre: Von denen müsste eigentlich jeder eine Solo-Karriere machen.“

Stimmt es also, dass die Berliner Philharmoniker das beste Orchester sind – oder sind ihnen die Wiener, die Amsterdamer oder die Spitzenorchester aus den USA nicht mindestens ebenbürtig? „Es kommt darauf an, welche Vorstellungen man hat“, erklärt Dohr. „Den traditionellen, sinnlich-dunklen Klang pflegen vor allem die Wiener und die Dresdner. Wir Berliner haben uns unter den Chefdirigenten Claudio Abbado und Simon Rattle etwas geöffnet und verfügen, wie das Concertgebouw-Orchester Amsterdam, über eine große Bandbreite – auch wenn wir den Karajan-Schmelzklang immer noch abrufen können. Die Amerikaner sind absolut perfekt, spielen genau auf den Schlag.“ Und diese Unterschiede kann man tatsächlich noch hören? „Aber ja“, antwortet Dohr vehement – und erklärt dann mit einem kleinen Lachen: „Wir pflegen ja einen bass-lastigeren Klang: Bei den Einsätzen warten wir einfach, bis die unteren Stimmen anfangen.“

Für die weitere Entwicklung des berühmten Berliner Orchesterklangs fällt am 11. Mai eine weitreichende Entscheidung: An diesem Montag wählt das Orchester einen neuen Chefdirigenten als Nachfolger Sir Simon Rattles. „Und Sie wollen bestimmt wissen, für wen wir uns heimlich entschieden haben“, ulkt Stefan Dohr: Klar, dass die „heimliche Abstimmung“ nichts weiter als ein Running Gag der Orchestermusiker ist. Aber ein wenig hinter die Kulissen schauen lässt Dohr schon. „Wir sind ja mehr als 120 stimmberechtigte Orchestermitglieder, da bilden sich natürlich Lager für einzelne Dirigenten – und jeder will die anderen in sein Lager hin­überziehen.“ Entscheidend seien in erster Linie künstlerische Kriterien wie Klang, Repertoire und Interpretation. Aber auch die Frage, wie sich das Orchester nach außen darstellt, ob etwa die Linie der Öffnung und der Education-Programme, für die Simon Rattle steht, fortgesetzt wird.

Stefan Dohr hat die Ära Claudio Abbados erlebt, vor allem die ganz außergewöhnliche Phase nach dessen schwerer Erkrankung. Er genießt die „tolle Zeit mit Simon“, mit dem er auch als Mitglied des Orchestervorstandes wunderbar zusammenarbeitete. Und schwärmt von all den jungen Dirigenten mit ihrem so großen Können, von Andris Nelsons und Yannick Nézet-Séguin, aber auch Gustavo Dudamel und Daniel Harding. Die Generation darüber wird von Christian Thielemann, Ivan Fischer und Riccardo Chailly repräsentiert: Lauter Kandidaten für das Philharmoniker-Pult. Dass manche der jungen Wilden sehr akrobatisch dirigieren, findet Dohr nicht weiter schlimm: „Schauen Sie sich mal Aufnahmen vom jungen Abbado an, wie der herumwirbelte. Sowas reduziert sich später.“

Klingt so, als hätte er schon einen Kandidaten? „Das darf ich gar nicht sagen“, antwortet Stefan Dohr erwartungsgemäß. Aber er lässt schon durchblicken: Falls „sein“ Favorit es nicht schafft, kann er auch mit zwei, drei anderen gut leben.

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