Jutta Limbach als „Gelehrte im Theater“
Ihr Job ist „moralisches Räsonieren“

Münster -

Die Kommission, der Jutta Limbach vorsitzt, hat einen sehr langen Namen. Deshalb wird die kleine Gruppe kluger Leute, die seit dem Jahr 2003 mit Streitfällen von Nazi-Raubkunst aus jüdischem Besitz befasst ist, kurz und treffend „Limbach-Kommission“ genannt. Und wenn sie sich, wie Jutta Limbach gestern in Münsters Rathausfestsaal erzählte, in Dokumente historischer Geschehnisse einarbeitet, kann es den Kommissionsmitgliedern schon mal an die Nieren gehen.

Sonntag, 19.07.2015, 17:07 Uhr

Jutta Limbach, hier beim Vortrag in Münster, leitet die „Beratende Kommission im Zusammenhang mit der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter, insbesondere aus jüdischem Besitz“.
Jutta Limbach, hier beim Vortrag in Münster, leitet die „Beratende Kommission im Zusammenhang mit der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter, insbesondere aus jüdischem Besitz“. Foto: Matthias Ahlke

Limbach schilderte in der Abschlussveranstaltung der aktuellen Reihe „Gelehrte im Theater“ den Fall des Zahnarztes Hans Sachs . Er war zum Sammler von Plakaten geworden, lange bevor deren Kunst-Charakter allgemein anerkannt war. Sachs’ Sammlung wurde von den Nazis beschlagnahmt, schien in den Wirren des Krieges verloren, und als sie später in einem Ostberliner Museum wiederentdeckt wurde, versuchte der Sammler, juristisch um seinen Schatz zu kämpfen. Tatsächlich bekam er eine Entschädigung zugesprochen; doch erst nach Jahrzehnten, als der Fall vor die Limbach-Kommission kam, wurde dem Museum nachdrücklich empfohlen, sich konservatorisch und wissenschaftlich der Sammlung anzunehmen – was dem 1974 verstorbenen Sammler noch zu DDR-Zeiten ein unerfülltes Anliegen war.

Mit der Sachs-Geschichte illustrierte Jutta Limbach, als ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts eine der hervorragenden Juristinnen Deutschlands , die Arbeit ihrer Kommission. Die wurde zwar von Institutionen wie der Kultusministerkonferenz und dem Kulturbeauftragten eingesetzt, agiert aber unabhängig und hat „nur“ beratende Funktion. Neben Juristen sind Philosophen oder Politiker darunter wie Rita Süssmuth, und es geht nach den Worten Limbachs um „moralisches Räsonieren“, zumal eine juristische Beweiserhebung kaum möglich sei. Die Kommission wird ausschließlich von öffentlichen Einrichtungen, etwa Museen, angerufen und spricht Empfehlungen aus. Und die können durchaus Kritik auf sich ziehen wie im Fall Klara und Julius Freund: Das Ehepaar hatte Bilder in die „sichere“ Schweiz gegeben. Das aber und die Versteigerung eines Bildes, das dann die Nazis erwarben, geschah, weil sie durch die Verfolgung in schwere Not geraten waren. Aufgrund dieser historischen Vorgänge empfahl die Kommission, den Freund-Erben die Bilder zurückzugeben. Zumal nach den „Washingtoner Prinzipien“, die den Zusammenhang von Verfolgung und Konfiszierung festschreiben, diese Kriterien bei den Juden in Deutschland vom Tag der Ernennung Hitlers zum Reichkanzler an gegeben seien.

Limbach schilderte in ihrem freien Vortrag mit vielen Details und launigen Anekdoten, wie schwierig der Kampf um historische Gerechtigkeit ist: „Das Aktenstudium ist so umfangreich! Als ich beim Verfassungsgericht aufhörte, dachte ich noch: Nie wieder packe ich eine Akte an ...“ Und natürlich muss sie sich beim Anhören der Parteien auch andere Geschichten anhören: „Jedes Museum erzählt Ihnen hingebungsvoll, warum das jeweils umstrittene Bild ausgerechnet für die eigene Sammlung ganz besonders wichtig ist.“ Und Jutta Limbachs persönliche Betroffenheit äußert sich in dem Satz: „Was man als Berlinerin feststellt, ist, wie sehr diese Stadt von jüdischen Mäzenen gelebt hat. Dass da keine größere Bevölkerungsgruppe für sie eingestanden ist ...“

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