Ausstellung in Dortmund
Wundertüte Westfalen

Dortmund -

Im Museum für Kunst und Kulturgeschichte in Dortmund zeigen rund 800 Exponate „200 Jahre Westfalen“. Der rote Faden in dieser Jubiläumsausstellung lässt sich nicht so ganz leicht finden, bemängelt unser Redaktionsmitglied Johannes Loy. Bei der Erstbegehung fiel ihm aber auch ein lobenswerter Kniff auf.

Donnerstag, 27.08.2015, 10:08 Uhr

Zeitsprünge: Im Vordergrund ein „Kleinschnittger“. Das Auto aus den 1950er Jahren wurde in Arnsberg konstruiert. Im Hintergrund schaut Annette von Droste Hülshoff (1797-1848) ernst und würdevoll in die Welt.
Zeitsprünge: Im Vordergrund ein „Kleinschnittger“. Das Auto aus den 1950er Jahren wurde in Arnsberg konstruiert. Im Hintergrund schaut Annette von Droste Hülshoff (1797-1848) ernst und würdevoll in die Welt. Foto: Jürgen Peperhowe

Das liegt zum einen an der vielschichtigen Materie, die hier verhandelt wird. Denn wenn in Westfalen , das vor 200 Jahren auf dem Wiener Kongress als preußische Provinz aus der Taufe gehoben wurde, eines wirklich beständig war, dann der stete Wandel. Das liegt zum anderen aber auch an der Anordnung von rund 800 Exponaten in nur drei Räumen im beengten Erdgeschoss des Museums.

Museumsdirektorin und Ausstellungskuratorin Dr. Brigitte Buberl möchte, wie sie im Gespräch mit unserer Zeitung erläutert, zusammen mit ihrer Mitkuratorin Carina Berndt eine Art „ Wundertüte “ bieten, die viele Facetten und Überraschungen bereithält. Daran mangelt es tatsächlich nicht: Der Bogen reicht von der Aktentasche des preußischen Reformers Freiherr vom Stein bis zum Bergmannshelm und von der dichtenden Droste bis zur Schalke-Bettwäsche. Doch es braucht angesichts eines solchen Sammelsuriums Durchblick oder im Zweifelsfall die Bereitschaft, sich mit einzelnen Themen intensiver zu befassen, um nicht im Westfälischen unterzugehen wie der Löffel im Töttchen.

 

200 Jahre Westfalen im Museum

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  • In Dortmund werden 200 Jahre westfälische Geschichte ausgestellt. Foto: Jürgen Peperhowe
  • In Dortmund werden 200 Jahre westfälische Geschichte ausgestellt. Foto: Jürgen Peperhowe
  • In Dortmund werden 200 Jahre westfälische Geschichte ausgestellt. Foto: Jürgen Peperhowe
  • In Dortmund werden 200 Jahre westfälische Geschichte ausgestellt. Foto: Jürgen Peperhowe
  • In Dortmund werden 200 Jahre westfälische Geschichte ausgestellt. Foto: Jürgen Peperhowe
  • In Dortmund werden 200 Jahre westfälische Geschichte ausgestellt. Foto: Jürgen Peperhowe
  • In Dortmund werden 200 Jahre westfälische Geschichte ausgestellt. Foto: Jürgen Peperhowe
  • In Dortmund werden 200 Jahre westfälische Geschichte ausgestellt. Foto: Jürgen Peperhowe
  • In Dortmund werden 200 Jahre westfälische Geschichte ausgestellt. Foto: Jürgen Peperhowe
  • In Dortmund werden 200 Jahre westfälische Geschichte ausgestellt. Foto: Jürgen Peperhowe
  • In Dortmund werden 200 Jahre westfälische Geschichte ausgestellt. Foto: Jürgen Peperhowe

 

200 Jahre Westfalen. Jetzt!

Die Schau „ 200 Jahre Westfalen. Jetzt! “ vereint 800 Exponate von 136 Leihgebern auf rund 1000 Quadratmetern Grundfläche. Sie hat rund 700 000 Euro gekostet und ist als Wanderausstellung konzipiert. Zunächst wird sie nun vom 28. August bis zum 28. Februar 2016 in Dortmund gezeigt. Dann wandert sie ab Mitte 2016 in teilweise abgespeckter Form durch Westfalen. Im Münsterland ist sie in Wadersloh, Lüdinghausen und Gescher zu sehen. Zur Ausstellung ist ein üppig bebilderter und mit prägnanten thematischen Texten versehener Katalog (19.90 Euro) im Verlag Aschendorff erschienen, an dem führende Historiker Westfalens beteiligt waren.

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Der historisch vorgebildete Besucher wird sich tunlichst am chronologischen „Horizont“ und an den historischen Anfängen des modernen Westfalen orientieren. Da trifft er auf Gemälden und Stichen den 1814 fast endgültig geschlagenen und die Hand auf den kranken Magen legenden Napoleon sowie auf die Wiener Kongress-Diplomaten von Metternich bis Talleyrand, die Europa wie ein Kuchenstück neu aufteilen und dabei die Preußen, die eigentlich viel lieber Sachsen haben wollten, mit Westfalen entschädigen. Westfalen wiederum wurde zuvor noch von Napoleons lustigem Bruder Jérôme von Kassel aus wie ein künstlicher Musterstaat regiert.

Reformer, Dichter, Denker und Regierende markieren an der Wand den historischen Zeitstrahl vom 19. bis ins 20. Jahrhundert, von der Romantik über die Revolution 1848/49 bis in die Weimarer Zeit reicht. Wir sehen Johann Joseph Spricks geschöntes Droste-Bild aus dem Jahre 1838 ebenso wie den sich bereits Ende des 18. Jahrhunderts bildenden katholisch-intellektuellen Kreis der Fürstin von Gallitzin auf dem bekannten Gemälde von Theobald Reinhold von Oer (1864).

Allein mit Bildern und papierener Flachware können historische Ausstellungen heute natürlich niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Deshalb haben die Ausstellungsdesigner Ovis Wende und Lukas Kretschmer als Blickfänge im Verlauf einer „Straße“, die durch simple Linien am Boden markiert ist, vier „Häuser“ über das Leben in Westfalen angesiedelt. Der Besucher darf zunächst in eine Amtsstube schauen, in der persönliche Relikte der Freiherren Karl vom Stein und Ludwig von Vincke (erster Oberpräsident der Provinz Westfalen) ausliegen. Ein Bergmann lädt in ein typisch möbliertes Wohnzimmer mit Küche ein. Ein Kneipenszenario bietet Tresen, Biersorten, Zigarren und Preispokale. Im vierten Haus oder besser „Zimmer“ findet man Bettwäsche und Fußball-Devotionalien zweier Zwillingsbrüder, die aus dem Ruhrgebiet stammen, allerdings den beiden Antagonisten Schalke und Borussia Dortmund huldigen.

Thematisch angenehm geschlossen und konzentriert präsentiert sich jener Raum mit dem Titel „Gewächshaus“, der dem Museumsgast im weitesten Sinne Flora, Fauna und Landwirtschaft des ländlich geprägten Westfalen näherbringt. Pflanzen der Region, Ackerbau und Viehzucht werden anhand von Fotos und ausgestopften Tieren sowie Gerätschaften in Szene gesetzt.

Öffnungszeiten und Preise

Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr, So 10-17 Uhr, Do 10-20 Uhr, Sa 12-17 Uhr. Eintritt: 6 Euro, ermäßigt 3 Euro, umfangreiches Begleitprogramm.

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Ein lobenswerter Kniff der Präsentation, bei deren Erstbegehung gestern noch vieles hin- und hergerückt wurde, besteht aus drei Wechselausstellungen, die in die über ein halbes Jahr dauernde Gesamtschau integriert werden. Im ersten „Territorium“ geht es nun um Westfalens Aufbruch in die Moderne . Weitere „Territorien“ werden sich mit „Industrie, Mobilität und Produktion mit Wasserkraft“ sowie mit „Gegensätzen und Toleranz“ befassen. Dazu zählen thematisch die konfessionelle Struktur ebenso wie die Verfolgung der Juden und die Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg sowie die heutige Migrationskultur in Westfalen.

Nicht zu vergessen ist der dem Lebensgefühl vieler junger Museumsgäste geschuldete „Prolog“ der Ausstellung, in dem Selfies vor typischen Schlagwörtern über Westfalen im Hintergrund angefertigt werden können.

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