Deutsche Erstaufführung im Kleinen Haus
Ein Opfer sucht nach Gründen

Münster -

Sie will doch nur verstehen. Claire, die Frau, deren multikultureller Chor von einem jungen Mann niedergemetzelt wurde, macht sich auf die Suche nach Antworten. War der Täter krank oder böse? Was hat ihn zu seiner Schreckenstat getrieben? Und warum hat er mit seiner letzten Kugel nicht sie erschossen?

Sonntag, 06.09.2015, 14:09 Uhr

Claire (Regine Andratschke) begegnet in dem Jungen (Bálint Tóth) verschiedenen Figuren und hofft auf Antworten.
Claire (Regine Andratschke) begegnet in dem Jungen (Bálint Tóth) verschiedenen Figuren und hofft auf Antworten. Foto: Oliver Berg

Der schottische Autor David Greig nimmt in seinem Stück „Die Ereignisse“ die Anschläge des Norwegers Anders Breivik zum Anlass, solchen Fragen nachzuspüren. Daraus könnte ein politisch korrektes, leitartikelndes Thesentheater werden – hätte Greig nicht alle Gegenspieler Claires, von ihrer Lebensgefährtin bis hin zum Täter selbst, in der Figur des „Jungen“ vereinigt. Zudem tritt der Chor auf, als Erinnerung an ein fröhliches Gesangsensemble, als möglicher Nachfolger der Ermordeten, aber auch als antiker Mahner der Heldin, der im Parkett Platz nimmt.

Regisseur Frederik Tidén hat für die deutsche Erstaufführung in Münsters Kleinem Haus das Verwirrspiel des Autors konsequent zugespitzt. Man muss dem Jungen im Schlabberpulli genau zuhören, um zu erkennen, ob gerade ein Priester, ein Psychologe oder ein Parteibonze spricht. Nur den Attentäter, der von seinem frühen Wunsch faselt, ein „Berserker“ zu werden, darf Schauspieler Bálint Tóth drastisch von den anderen Figuren abheben: Der verhaspelt sich beim Sprechen und kratzt an seinem Körper herum wie ein von Zwängen Gepeinigter. Später, im Zusammenhang mit schamanischen Ritualen und archaischen Natur-Visionen, wuselt er als Fuchs oder Wolf über die Bühne, wozu geheimnisvolle Klänge von Bedrohung künden.

Regine Andratschke steht als Claire diesen Verwirrungen, wie sie sich im Kopf der Heldin abspielen mögen, mit zunehmend spürbarer Irritation gegenüber. Und genau darin liegt die eigentliche Stärke von Stück und Inszenierung: Sie liefern der Heldin und den Zuschauern zwar viele Argumente, mit denen Claire die schwere Kindheit des Täters oder seine sexuelle und politische Desorientierung erforschen kann – aber sie zeigen zugleich, wie begrenzt solche Informationen sind, um die Ereignisse begreifbar zu machen

Die Irritationen, denen Claire begegnet, sind auch für den Zuhörer schmerzhaft: So distanziert sich ein Rechts-Politiker wortreich vom Attentäter, um sich gleich darauf mit schneidenden Argumenten zum Rassismus zu bekennen. Und als Claire den Täter in seiner Zelle in Stuttgart-Stammheim aufsucht (womit klar ist, dass es nicht nur um den realen Breivik geht), scheint der Giftmord an ihm ihre Probleme zu lösen. Woraus Tidén die stärkste Szene entwickelt: Wieder und wieder bricht der Vergiftete zuckend zusammen, kehrt dann aber in Claires Bewusstsein zurück, ehe sich die Szene als Albtraum-Vision entpuppt. Ein Theaterbild, das stärker als alle Argumente zeigt, wie sinnlos Rache ist.

Aus dem Chor, der in jeder Aufführung wechselt, unterstützen Stichwortgeber die Schauspieler, denen Regisseur Tidén die Lizenz zu extrovertiertem Spiel gibt. Beide nutzen sie überzeugend, nur gelegentlich (auch beim Gebrauch einer Maske) geht das zu Lasten der Deutlichkeit. Bühnenbildnerin Claudia Irro versucht erst gar nicht, Räume für die einzelnen Handlungsstationen zu finden, sondern schafft mit zwei silbrigen Trauermauern, auf denen sich Stofftiere, verblichene Kinderbilder und Grablichter finden, ein starkes Bild für das Leid, das Attentäter anrichten. So stark wie die ganze Aufführung.

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