Sonderkonzert des Sinfonieorchesters Münster
Orchester erwärmt die fetten Beats

Münster -

Als Francesco Tristano im Januar im H1 auftrat, war er von monumentalen Boxen umringt, die er mittels Laptop und Keyboard befeuerte. Fette elektronische Beats machten andächtiger Klassik-Aura den Garaus und verwandelten den Saal in einen Dancefloor. Nun spielte der vielgerühmte Bach-Spezialist im Großen Haus unter einem sichtlich beschwingten Fabrizio Ventura. Das Publikum, teils deutlich jünger als gewohnt, war von dem jungen Virtuosen hingerissen, mochte auch manch Purist die Stirn runzeln.

Sonntag, 04.10.2015, 17:10 Uhr

Francesco Tristano (l.) und Dirigent Fabrizio Ventura.
Francesco Tristano (l.) und Dirigent Fabrizio Ventura. Foto: zin

Geblieben war der fette Beat, der hier von Perkussionisten des Orchesters getrommelt wurde. Neu hinzugekommen waren die Streicher des Sinfonieorchesters Münster – und das war gut so. Die oft kühl und synthetisch wirkende Klangwelt des komponierenden Pianisten kam erheblich wärmer über die Rampe. Außerdem konnten seine eigens für Münster arrangierten Stücke (die er als „work in progress“ begreift) auf diese Art leichter um Johann Sebastian Bach gruppiert werden.

Obwohl der 33-Jährige aus Luxemburg auf Bachs vitale Rhythmik verweist, wirkt seine Kopplung nicht zwingend. Denn während Bachs barockes Ziselieren Strukturen schafft, die sich entwickeln, tut Tristano eher das Gegenteil. In endlosen Ostinati und kleinteiligen Motiven dehnt er die Zeit. Sein Herz schlägt für die Minimal Music – das kann oft hypnotisch, teils auch langweilig wirken.

Das ist sein Bach-Spiel nie. Tristano hat eine swingende Leichtigkeit des Anschlags, die dem Klavierkonzert BWV 1056 wunderbar zu Gesicht stand. Federnd und wonnig in den Ecksätzen, innig und versonnen im Mittelsatz. Was er manuell wirklich draufhat, zeigte der Pianist mit seiner Zugabe, wo er mächtig die Muskeln spielen ließ. „Wahnsinn!“ rief ein Zuschauer mehrfach.

Wo coole Neutönerei auf swingenden Barock trifft, fordert auch die Romantik ihr Recht. Ventura interpretierte mit seinem Orchester die herrliche d-Moll-Sinfonie von César Franck wie ein Abenteuer in Technicolor. Nachdem sie sich aus düsteren Basstiefen emporgewühlt hatte, klang die „Tristan“-Chromatik plötzlich so französisch, wie es nur geht. Die Spannung hielt bis zum Finale. Und siehe, auch Franck konnte swingen.

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