Großer Erfolg für Opernpremiere
Heißes Blut auf der Probe

Münster -

Normalerweise ist es ein schlechtes Zeichen, wenn jemand vor den Vorhang tritt, um etwas anzukündigen: Schauspieler erkrankt, Sänger indisponiert ... An diesem Abend jedoch fängt der elegante Herr vor dem Vorhang selbst zu singen an und erzählt etwas über Leben und Theater. Wenn sich dann der Vorhang öffnet, erblickt das Publikum ein buntes Theatervölkchen, erstarrt wie im Wachsfigurenkabinett. Schon für dieses Bild hätte sich der Besuch gelohnt.

Sonntag, 22.05.2016, 14:05 Uhr

Der schöne Primadonna Nedda (Sara Rossi Daldoss, l.) im „Bajazzo“ ist zwar mit dem Kollegen Canio (Adrian Xhema) liiert, hat aber ein Techtelmechtel mit dem Korrepetitor. Das endet bei der anschließenden Generalprobe blutig.
Der schöne Primadonna Nedda (Sara Rossi Daldoss, l.) im „Bajazzo“ ist zwar mit dem Kollegen Canio (Adrian Xhema) liiert, hat aber ein Techtelmechtel mit dem Korrepetitor. Das endet bei der anschließenden Generalprobe blutig. Foto: Oliver Berg

Regisseur Philipp Kochheim versetzt Ruggero Leoncavallos Oper „Der Bajazzo“ (im Original: „Pagliacci“) auf eine Theaterbühne. Eine Probe mit Gastkünstlern steht an, während im Hintergrund noch Ausstattungsstücke eines anderen Werks herumstehen (Bühne: Barbara Bloch). Die Zuschauer in Münsters Großem Haus erkennen die Ausstattung wieder: In ihr hat sich zuvor, als erster Teil des Abends, Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana“ abgespielt.

„Cav“ und „ Pag “ sind die zweieiigen Zwillinge der italienischen Oper, und Kochheim reizt ihre Gegensätze aus, verklammert sie aber gleichzeitig zu einem perfekt gerundeten Abend. Schon in der „Cavalleria“ spinnt er die Handlung um Eifersucht und Mord fantasievoll fort und zeigt Turrido und Lola beim Ehebruch in einem aus Fenstern bestehenden Haus. Der rote Baumstamm im Inneren enthält allerdings kein Schwert, sondern symbolisiert das heiße Blut, das den Beteiligten durch die Adern rinnt. Die Symbolbilder geben der Regie viel erzählerische Freiheit: So scheint der gehörnte Ehemann Alfio direkt vom Frühschoppen zu kommen, und die Chorszenen in der Kirche lassen Regisseur Kochheim und Dirigent Fabrizion Ventura unter einem Glockenhimmel direkt ins Publikum singen: Das hat mitreißende Wucht.

Schon in dieser ersten Hälfte der Aufführung zeigt sich auch, dass die Sänger, obwohl schauspielerisch stark gefordert, mächtig auftrumpfen können. So gestaltet Adrian Xhema die Tenorpartie nicht mit übertriebenem Pathos, sondern sehr kultiviert – was sich nach der Pause, wenn er den Canio im „Bajazzo“ singt, besonders auszahlt. Jennifer Feinstein ist der gefeierte Gast in der dramatischen Rolle der eifersüchtigen Santuzza, und Michael Bachtadze gibt mit kernigem Bariton als betrogener Alfio ein Versprechen ab, das er im „Bajazzo“-Prolog vor dem Vorhang einlöst: Seine beiden Spitzentöne sind wie ein Portal, durch das man in das Stück schreitet.

Die Theater-Szenerie im „Bajazzo“ ist ein Fest der Ensemble-Führung und gipfelt in jener Aufführung im Stück, die das Eifersuchtsdrama entlädt: Kochheim inszeniert sie als Generalprobe zu einer Aufführung, die in Aktion und Kostümen (Bernhard Niechotz) dem Beginn der „Cavalleria“ nachgebildet ist. Im „Bajazzo“ schlägt dann auch die große Stunde der lyrischen Stimmen: Sara Rossi Daldoss als Nedda und Birger Radde als Silvio sind tolle Besetzungen, ihr Duett gehört zu den schönsten Momenten des Abends. Dabei werden sie von Fabrizio Ventura und dem Sinfonieorchester Münster auf Händen getragen. Das klingt bei Mascagni etwas trocken, bei Leoncavallo schon süffiger: Es sind doch zwei Handschriften.

Zum Thema

Nächste Aufführung: 26. Mai 

...
Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4022475?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F201%2F4840569%2F4840577%2F
Nachrichten-Ticker