Germanenwall oder Römerlager?
Neue Funde in Kalkriese stützen Zweifel an der Varusschlacht-Theorie

Bramsche/Haltern/Münster -

Nach dem Fund von acht Goldmünzen aus der Zeit des Kaisers Augustus sind Archäologen in Kalkriese jetzt erneut fündig geworden. An der zum Tal hin gelegenen Seite des mutmaßlichen Schlachtfeldes wurden Reste einer Lagerbefestigung entdeckt. Ist also jener Germanenwall, den die Archäologen vor Jahren ausgruben und der in Teilen rekonstruiert wurde, in Wirklichkeit Teil einer römischen Lagerbefestigung? Die Erforschung des mutmaßlichen Varus-Schlachtfeldes bleibt höchst spannend.

Freitag, 12.08.2016, 15:08 Uhr

Was geschah auf dem antiken Schlachtfeld? Nach wie vor graben dort Archäologen, um Licht ins Dunkel zu bringen.
Was geschah auf dem antiken Schlachtfeld? Nach wie vor graben dort Archäologen, um Licht ins Dunkel zu bringen. Foto: Pentermann/Keune

Archäologen haben Geduld: Graben, sichten, dokumentieren, auswerten und schließlich überlegen, wie die Funde in den archäologischen und historischen Kontext einzuordnen sind. Immer wieder kommen bei den sommerlichen Grabungs­perioden am vermuteten Ort der Varusschlacht in Kalk­riese Dinge ans Licht, die Experten aufhorchen lassen. Kürzlich acht Goldmünzen aus augusteischer Zeit. Ein sensationeller Fund, wenn man bedenkt, dass es sich dabei um das Jahressalär eines höheren römischen Offiziers handelte, der die Münzen in höchster Not verloren oder vergraben hat.

Neuer Grabungsfund lässt aufhorchen

Nun aber lässt noch ein weiterer Grabungsbefund aufhorchen. Es geht um an zwei Stellen ergrabene Überreste einer Befestigungs­anlage, die wohl aus einem Wall und einem Graben ­ bestanden haben könnte. Unter Experten zwischen Xanten , Haltern und Kalkriese hat sich die Entdeckung bereits herumgesprochen. Dr. Susanne Wilbers-Rost, Leiterin der Archäologie des Varusschlacht-Museums, bestätigt, dass hier möglicherweise Teile einer Lagerbefestigung gefunden wurden, verweist zugleich auf Grabungsleiter Prof. Salvatore Ortisi , der sich allerdings zurzeit auf Exkursion befindet.

Ausgrabungen zur Varusschlacht in Kalkriese

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  • Ein Bronzeköpfchen wird am 30. Juni 2016 von einer Restauratorin in einer Werkstatt im Museumspark Kalkriese in Bramsche-Kalkriese (Niedersachsen) vermessen.

    Foto: Friso Gentsch
  • Insgesamt acht augusteische Gold-Münzen wurden kürzlich in Kalkriese ausgegraben.

    Foto: Karsten Keune
  • Laut Varus-Geschäftsführer Joseph Rottmann sind die acht Goldmünzen der wohl größte zusammenhängende Münzfund in ganz Europa.

    Foto: Hermann Pentermann
  • Was geschah auf dem antiken Schlachtfeld bei Bramsche-Kalkriese? Derzeit graben dort wieder Archäologen, um mögliche Beweise für das Geschehen rund um die Varusschlacht ans Licht zu bringen.

    Foto: Hermann Pentermann
  • Eine Münze mit dem Kopf des Statthalters Varus wurde 2009 in der Imperium-Ausstellung in Haltern ausgestellt.

    Foto: A9999 Römermuseum Haltern
  • Das spektakulärste Ausstellungsstück in Kalkriese: Die eiserne Maske eines Gesichtshelms eines römischen Legionärs in einer Vitrine im Museum der Varusschlacht.

    Foto: A3634 Friso Gentsch
  • Grabungsspezialisten arbeiten seit vielen Jahren an verschiedenen Stellen in Kalkriese, um Spuren antiker kriegerischer Kämpfe zwischen Römern und Germanen zu sichern.

    Foto: A2942 Ingo Wagner
  • Hunderte Darsteller in der historischen Verkleidung von Römern und Germanen führen auf dem Gelände des Varusschlachtmuseums in Bramsche-Kalkriese (Landkreis Osnabrück) die 2000 Jahre alte Niederlage römischer Legionen unter ihrem Feldherren Varus gegen die Germanen auf.

    Foto: dpa
  • Prächtig kostümiert: Ein Darsteller mit der Gesichtsmaske eines römischen Legionärs.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Eine Ahle wird von einer Restauratorin in einer Werkstatt im Museumspark Kalkriese in Bramsche-Kalkriese (Niedersachsen) begutachtet.

    Foto: Friso Gentsch
  • Ausstellungsbesucher stehen im Juni 2016 hinter dem überdimensionalen Modell einer Maske eines römischen Legionärs im Museumspark Kalkriese in Bramsche-Kalkriese (Niedersachsen).

    Foto: Friso Gentsch
  • Blick auf das Gelände des Museumsparks Kalkriese mit dem Aussichtsturm auf das vermeintliche Schlachtfeld.

    Foto: Friso Gentsch
  • Restauratorin Christiane Matz festigt in einer Werkstatt im Museumspark Kalkriese in Bramsche-Kalkriese eine alte Münze mit Wachs.

    Foto: Friso Gentsch

Dr. Joachim Harnecker , von 1996 bis 2000 verantwortlicher Archäologe auf dem sich kilometerlang hinziehenden Schlachtfeld in der Niewedder Senke bei Kalkriese, kennt aktuelle Details der jetzigen Grabungssession. Er steht mit Ortisi im Kontakt und bestätigt den Fund einer Befestigungsanlage, dessen detaillierte Auswertung allerdings noch auf sich warten lassen werde. Es gebe „Strukturen, die wie Wälle und Graben aussehen“ und sich an der Talseite des bisher vermuteten Schlachtfelds befinden.

Gab es in Kalkriese ein Römerlager ?

Unter Experten sei die Idee aufgekommen, ob es sich bei dieser Begrenzungsstruktur wohl um eine geschlossene Linie handeln könnte. Dies wiederum könnte bedeuten, so Har­necker, dass hier vielleicht ein Römer-Lager, wenn auch nur ein provisorisches, bestanden hat. Ist also, so rätseln die Archäologen weiter, die bisher als Hinterhalt der Germanen gedeutete Gras­sodenmauer, die heute auch in teilrekonstruiertem Zustand in Kalkriese zu besichtigen ist, möglicherweise Teil einer römischen Lagerumfassung?

Spektakulär: Kürzlich wurden acht Goldmünzen aus augusteischer Zeit, also aus der Varus-Zeit entdeckt.

Spektakulär: Kürzlich wurden acht Goldmünzen aus augusteischer Zeit, also aus der Varus-Zeit entdeckt. Foto: Karsten Keune

Wenn das so wäre, und der Konjunktiv ist hier wichtig, dann wäre das laut Joachim Harnecker noch nicht das Aus für die Theorie des Ortes der Varusschlacht. Denn es sei ja möglich – und dafür gebe es auch Hinweise in den widersprüchlichen antiken Quellen –, dass ein Teil der Schlacht auch ein Marsch­lager der Römer einschloss. Diese befanden sich mit drei Legionen und rund 15 000 Mann im Herbst des Jahres 9 n. Chr. bekanntlich auf ihrem Rückmarsch vom Sommerlager an der Weser in Richtung Stammlager Haltern.

Ausstellung im Römermuseum

Das Ende der Germanenkriege ist der letztmögliche Anlass, ein Thema mit einem 2000-Jahr-Jubiläum der Römer in Westfalen zu verknüpfen. Dies war 2009 bei der großen Sonder­ausstellung zur Varusschlacht erfolgreich. 2015 porträtierte das Museum in Kalkriese den jungen Feldherrn Germanicus.

Das Römermuseum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, das ursprünglich schon 2016 eine ähnliche thematische „Jubiläums“-Ausstellung geplant hatte, ist deshalb nach Auskunft von Museums­leiter Dr. Rudolf Aßkamp um ein Jahr aus­gewichen. Sie nimmt nun Bezug auf das Jahr 17 n. Chr., in dem die Germanenkriege offiziell beendet wurden und Germanicus am 26. Mai seinen Triumphzug in Rom abhielt.

Entsprechend soll die Sonderausstellung von Mai bis Oktober 2017 unter dem Titel „Triumph ohne Sieg“ stattfinden, ­wobei der Triumphzug Schwerpunkt der Aus­stellung wird. Ausgehend von dem Großereignis in Rom sollen bei dem veränderten Ausstellungs­konzept weniger die kriegerischen Auseinandersetzungen im Mittelpunkt der Ausstellung stehen als vielmehr die politischen Hintergründe und die langfristigen Auswirkungen auf Europa. Die Ausstellung wird spektakuläre Exponate nach Haltern bringen und ist vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe mit Kosten von rund 1,3 Millionen Euro ver­anschlagt. (pd/loy)

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Nicht auf die Varusschlacht versteifen

Ob es den Experten gelingt, den neuen Fund in den vermuteten Ort der Varusschlacht einzufügen oder ob jene Kritiker Auftrieb er­halten, die Kalkriese eher in Verbindung mit dem Vergeltungsfeldzug des Germanicus zwischen 14 und 16 nach Christus bringen, wird sich weisen. Für Dr. Rudolf Aßkamp, den Direktor des Römermuseums in Haltern, sind die Funde, die sich längst bis zum ihm durchgesprochen haben, ein Grund mehr, den Horizont der Deutung des Schlachtfeldes wieder weiter zu ziehen und sich nicht nur auf Varus zu versteifen.

Wird es jemals Sicherheit geben?

Dabei bezweifeln Kenner der Szene, ob es jemals eine archäologische Sicherheit darüber geben wird, was in Kalkriese geschah. Dazu müsste man schon jenen Grabhügel mit den unzähligen Gebeinen finden, den Germanicus nach dem traumatischen Besuch auf dem Schlachtfeld im Jahre 15 aufschichten ließ. Aber davon dürfte nach 2000 Jahren „sicher nichts mehr übrig geblieben sein“, meint Archäologe Joachim Har­necker.

Nach wie vor aber gibt es kein Fundmaterial wie etwa Münzen, die in die Zeit des Kaisers Tiberius und damit auf Germanicus verweisen. „An der Datierung der Ausgrabungen ändert sich momentan nichts“, sagt Har­necker.

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