Konzerte, Opern und Ballett im Kino
Mahler auf Leinwand

Münster -

Er hat es wieder getan: Klaus Wallendorf, seit Ende der vergangenen Spielzeit pensionierter Hornist und „Hofpoet“ der Berliner Philharmoniker, durfte auch beim Saison-Eröffnungskonzert am Freitag wieder seine liebevoll-spöttischen Sottisen präsentieren. Glück für das Publikum, das nicht in der Berliner Philharmonie, sondern live im münsterschen Schlosstheater zuhörte: Die launigen Ausführungen zur „symphonischen Ferienbetreuung“ bekam es ebenso exklusiv im Vorprogramm wie die einleitenden Bemerkungen von Chefdirigent Sir Simon Rattle. Der erklärte auf bemerkenswert klare Art, was es mit den kuriosen Strukturen des Einleitungsstücks „Eclat“ von Pierre Boulez auf sich hat und welchen Stellenwert er dem Hauptwerk des Abend, Gustav Mahlers siebter Sinfonie, beimisst: ein Schlüsselwerk, an das Berg und Schönberg anknüpften.

Sonntag, 28.08.2016, 17:08 Uhr

Sir Simon Rattle gehört zu den Förderern von Klassik-Live-Übertragungen ins Kino.
Sir Simon Rattle gehört zu den Förderern von Klassik-Live-Übertragungen ins Kino.

Konzert im Kino: Das hat mittlerweile eine eigene Tradition, ist sozusagen die vergrößerte Version der Berliner „Digital Concert Hall“. Den Surround-Sound haben sie gut im Griff: Es klingt unverzerrt und vergleichsweise natürlich. Ein entscheidender Unterschied zum direkten Erlebnis ist, dass man im Kino selektiver hört als im Konzertsaal, sich akustisch fast im Orchester wähnt. Dazu trägt natürlich auch die Bildregie entscheidend bei: Nicht die Totale oder schweifende Kamerafahrten dominieren auf der Leinwand , sondern partiturgerecht eingefangene Bilder der Solisten und Orchestergruppen. Deutlicher noch als beim Konzertbesuch kann man auf diese Weise verfolge, welches Pensum etwa der Solo-Hornist Stefan Dohr zu spielen hatte.

Die Aufführung des knapp 80-minütigen Mahler-Kolosses nach den flirrenden acht Minuten Boulez geriet zum – nicht wirklich überraschenden – Triumph für Rattle und seine Berliner. Deren großes Pfund, die individuelle Brillanz der einzelnen Musiker, prägte besonders die drei Mittelsätze mit ihren nächtlichen Stimmungen, während der spektakuläre Gesamtklang zu einem gleißenden C-Dur-Finale führte. Einige der begeisterten Zuschauer im Kino bedauerten regelrecht, dass sie sich nicht mit Applaus beim Orchester revanchieren konnte.

Auf Sir Simon Rattle folgt demnächst übrigens Sir Antonio Pappano: Der Engländer italienischer Abstammung meldet sich einen Monat nach Rattle aus „seinem“ Royal Opera House in London ins Schlosstheater – mit einer Aufführung von Vincenzo Bellinis Oper „Norma“.

Auch Münsters Cineplex wird wieder zur Bühne: Opern-Aufführungen aus der New Yorker Met und Ballett aus dem Moskauer Bolschoi-Theater gibt es dort. Den Anfang macht auch hier Sir Simon Rattle: Er leitet am 8. Oktober in New York eine Aufführung von Wagners „Tristan und Isolde“. Im Schlosstheater wiederum sind „seine“ Berliner Philharmoniker noch zweimal in dieser Saison zu erleben: mit dem Silvesterkonzert, ebenfalls unter Rattle, und am 9. Juni unter Gustavo Dudamel mit einem Programm „Aus der neuen Welt“.

Dirigenten wie Rattle und Pappano machen allerdings keinen Hehl daraus: So gut der Sound im Kino auch ist, so unmittelbar ist das Live-Erlebnis im Konzertsaal. Wer Mahlers Siebte genossen hat, kann den Vergleich noch in dieser Saison in Münster erproben: Im Juli 2017 spielt das Sinfonieorchester das Stück im Großen Haus.

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