Varus-Experten in Aufruhr
Neue Grabungsbefunde zur Varusschlacht in Kalkriese

Münster/Haltern/Kalkriese -

Archäologische Themen sind nicht generell der Stoff, der Suchmaschinen im Netz zum Glühen bringt. Etwas anders verhält sich das jedoch bei allem, was mit der Varusschlacht im Jahre 9 n. Chr. zu tun hat.

Freitag, 23.09.2016, 13:09 Uhr

Varus-Experten in Aufruhr : Neue Grabungsbefunde zur Varusschlacht in Kalkriese
Ein Darsteller mit der Gesichtsmaske eines römischen Legionärs. Foto: Jürgen Peperhowe

Experten und Privatgelehrte haben gerade in den vergangenen rund 150 Jahren viel Gehirnschmalz, aber auch Fantasie aufgebracht, um das legendäre Schlachtengeschehen zwischen dem Cherusker Arminius und dem römischen Statthalter Varus, über das die antiken Autoren berichten, im nordwestlichen Deutschland zu lokalisieren. Dass Lokalpatrioten ein solches Geschehen gerne für sich reklamieren, sei es in der Nähe des Hermannsdenkmals in Detmold oder sogar in den Beckumer Bergen, mag noch verständlich sein. Weniger verständlich ist der teilweise zutage tretende Fanatismus, mit dem vor allem Privatgelehrte ihre Theorien verbreiten.

 

Ausgrabungen zur Varusschlacht in Kalkriese

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  • Ein Bronzeköpfchen wird am 30. Juni 2016 von einer Restauratorin in einer Werkstatt im Museumspark Kalkriese in Bramsche-Kalkriese (Niedersachsen) vermessen.

    Foto: Friso Gentsch
  • Insgesamt acht augusteische Gold-Münzen wurden kürzlich in Kalkriese ausgegraben.

    Foto: Karsten Keune
  • Laut Varus-Geschäftsführer Joseph Rottmann sind die acht Goldmünzen der wohl größte zusammenhängende Münzfund in ganz Europa.

    Foto: Hermann Pentermann
  • Was geschah auf dem antiken Schlachtfeld bei Bramsche-Kalkriese? Derzeit graben dort wieder Archäologen, um mögliche Beweise für das Geschehen rund um die Varusschlacht ans Licht zu bringen.

    Foto: Hermann Pentermann
  • Eine Münze mit dem Kopf des Statthalters Varus wurde 2009 in der Imperium-Ausstellung in Haltern ausgestellt.

    Foto: A9999 Römermuseum Haltern
  • Das spektakulärste Ausstellungsstück in Kalkriese: Die eiserne Maske eines Gesichtshelms eines römischen Legionärs in einer Vitrine im Museum der Varusschlacht.

    Foto: A3634 Friso Gentsch
  • Grabungsspezialisten arbeiten seit vielen Jahren an verschiedenen Stellen in Kalkriese, um Spuren antiker kriegerischer Kämpfe zwischen Römern und Germanen zu sichern.

    Foto: A2942 Ingo Wagner
  • Hunderte Darsteller in der historischen Verkleidung von Römern und Germanen führen auf dem Gelände des Varusschlachtmuseums in Bramsche-Kalkriese (Landkreis Osnabrück) die 2000 Jahre alte Niederlage römischer Legionen unter ihrem Feldherren Varus gegen die Germanen auf.

    Foto: dpa
  • Prächtig kostümiert: Ein Darsteller mit der Gesichtsmaske eines römischen Legionärs.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Eine Ahle wird von einer Restauratorin in einer Werkstatt im Museumspark Kalkriese in Bramsche-Kalkriese (Niedersachsen) begutachtet.

    Foto: Friso Gentsch
  • Ausstellungsbesucher stehen im Juni 2016 hinter dem überdimensionalen Modell einer Maske eines römischen Legionärs im Museumspark Kalkriese in Bramsche-Kalkriese (Niedersachsen).

    Foto: Friso Gentsch
  • Blick auf das Gelände des Museumsparks Kalkriese mit dem Aussichtsturm auf das vermeintliche Schlachtfeld.

    Foto: Friso Gentsch
  • Restauratorin Christiane Matz festigt in einer Werkstatt im Museumspark Kalkriese in Bramsche-Kalkriese eine alte Münze mit Wachs.

    Foto: Friso Gentsch

 

Leider ist die Diskussion um die neuen Befunde in Kalkriese nicht ganz unproblematisch.

Archäologe Prof. Salvatore Ortisi

Es spricht, auch nach den jüngsten Funden eines möglichen Wallgrabens auf dem mutmaßlichen Schlachtfeld in Kalkriese , viel dafür, dass dieses Gelände am Kalkrieser Berg mit Varus und dem Untergang seiner drei Legionen zu tun hat. Prof. Dr. Salvatore Ortisi , Fachmann für Archäologie der Römischen Provinzen (bislang Osnabrück, nun Universität München ) hatte bei der Grabungssession im Sommer eine erstaunliche Entdeckung gemacht und meint nun auf Anfrage: „Leider ist die Diskussion um die neuen Befunde in Kalkriese nicht ganz unproblematisch. Tatsächlich haben wir dort eine (Wall-?)Anschüttung und einen Graben gefunden. Die Zeitstellung der Befunde (die naturwissenschaftlichen Untersuchungen laufen noch) und die Frage, ob Anschüttung und Graben wirklich zusammengehören, sind noch nicht abschließend geklärt.“

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Varus auf einer römischen Münze. Um ihn dreht sich die Forschung in Kalkriese. Foto: dpa

Grabungen werden 2017 fortgesetzt

Auch mit zeitlichen Abstand zu den Grabungen, die für dieses Jahr abgeschlossen sind, sei die Interpretation der Grabung „als Teil einer römischen Umwehrung“ nur eine der Möglichkeiten, „beim derzeitigen Stand der Forschung aber rein hypothetisch“. Ortisi erklärt auch, warum: „Aufgrund des verregneten Sommers und unserer begrenzten Mittel konnten wir den Befund nur an einer Stelle und nur auf vier Meter Länge freilegen. Für eine wissenschaftlich korrekte und fundierte Interpretation als ,Römisches Lager’ müssten wir ihn aber noch an mindestens zwei anderen Stellen entlang seines hypothetischen(!) Verlaufs am Nordrand des Obereschs nachweisen können.“

Zum Thema

Ist also jener Germanenwall, den die Archäologen vor Jahren ausgruben und der in Teilen rekonstruiert wurde, in Wirklichkeit Teil einer römischen Lagerbefestigung? 

Neue Funde in Kalkriese stützen Zweifel an der Varusschlacht-Theorie

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Es ist geplant, 2017, vermutlich ab Mai, die Grabungen fortzusetzen. „Erst dann können wir mit Sicherheit sagen, ob es sich bei unseren neuen Befunden um römische, mittelalterliche oder neuzeitliche Strukturen handelt und welche Funktion die Anschüttung und der Graben wirklich hatten.“

Gleichzeitig haben die Funde der Grabungskampagne 2016 aber die bisherige Datierung in die Zeit der Varus-Schlacht bestätigt. Es gibt keine Funde, die zwingend nach 9 n. Chr. datieren. Auch dass am Oberesch gekämpft wurde, ist nach wie vor unbestritten. Selbst wenn sich nun bei weiteren Grabungen Münzen aus der Zeit des Kaisers Tiberius fänden, die dann mit dem Feldherrn Germanicus und seinen „Aufräumarbeiten“ sieben Jahre nach der Varusschlacht zu tun hätten, wäre die Varus-Theorie nicht widerlegt. Denn beide Feldherren hielten sich ja im selben Gelände auf. Fund-Ebenen könnten sich vermischt haben.

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Freude im Frühsommer: Ausgegrabene augusteische Goldmünzen ließen (v.l.) Joseph Rottmann, Geschäftsführer der Varusschlacht im Osnabrücker Land, Landrat Michael Lübbersmann, Landkreis Osnabrück, und den wissenschaftlichen Leiter Salvatore Ortisi von der Universität Osnabrück strahlen. Ein neu entdeckter mutmaßlicher Wallgraben hingegen gibt Rätsel auf. Foto: Pentermann

Muss das Schlachten-Szenario in Kalkriese neu gedeutet werden?

Für die Museumsleute in Kalkriese wird sich im kommenden Jahr möglicherweise die Frage stellen, ob das bislang nachgestellte und von einem Aussichtsturm zu besichtigende Szenario eines Germanenwalls, von dem aus sich die Angreifer im sumpfigen Waldgelände auf die vorbeidefilierenden Römer stürzten, Bestand haben kann.

Denn wenn hier ein Römerlager war, dann muss man sich zumindest das Schlachtgeschehen an dieser Stelle in einer ganz anderen Form ausmalen. Bei alledem sehen sich Varus-Experten unterschiedlichster Fachrichtung wie der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Siegfried Schoppe aus Hamburg bestätigt. Er hat in seinem „Weißbuch Hermannschlacht“ das Geschehen um Varus im Lipper Bergland und im Werre-Tal verortet, weil sich dort die vielfach in den antiken Quellen beschriebene Wald- und Sumpflandschaft befand. Solchen Theorien bleibt Archäologe Ortisi skeptisch gegenüber und verweist auf die Fundlage in Kalkriese.

Römerwaffen unter dem Mikroskop

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Was geschah in Kalkriese? In Ausstellungen und bei Römertagen wird immer wieder diese Frage gestellt. Foto: Museum Kalkriese

Dr. Robert Lehmann vom Institut für Anorganische Chemie der Universität Hannover untersucht derzeit mit zahlreichen Mitarbeitern mehrere Hundert Metallfunde aus Kalkriese. Darunter sind Buntmetalle, wie sie sich etwa in Schwertscheiden befinden, und Waffen-Reste. Die Ritzung einer Schwertscheide aus Buntmetall, in der Archäologen den Hinweis „LPA“ als Abkürzung für „Legio Prima Augusta“ vermuteten, was laut Lehmann sowohl auf einen Truppenteil des Varus wie auch des Germanicus hinweisen könnte, konnte „naturwissenschaftlich nicht verifiziert werden“, so der Experte.

Das Metall der Schwertscheide stammt nicht aus Spanien, was eher für dem Varus zugeführte Truppen spräche, sondern aus dem Rheinland. Bei den bisher untersuchten Waffen deutet sich eine große Homogenität an. Sie lassen sich laut Lehmann in ihrem metallischen Befund zum Beispiel eindeutig von den über zwei Jahrhunderte jüngeren Funden am Harzhorn, wo 235 im Zuge der Germanenkriege des Kaisers Maximinus Thrax eine Schlacht stattfand, unterscheiden.

Die Homogenität der Funde in Kalkriese, so sie sich denn großflächig bewahrheitet, spräche für eine gut und gleichmäßig ausgerüstete augusteische Truppe. Dabei würden Metalle aus dem Raum des Balkan mehr für Germanicus, solche aus Spanien mehr für Varus sprechen. In drei Jahren sollen die von der VW-Stiftung  geförderten Untersuchungen komplett vorliegen. Varus gibt weiter Rätsel auf.

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