Der Reformator als Projektionsfläche
„Luther 1917 bis heute“ im Kloster Dalheim

Lichtenau-Dalheim -

„Hitlers Kampf und Luthers Lehr / des deutschen Volkes gute Wehr“. Der Spruch steht auf einem Propagandaplakat zum 450. Luther-Geburtstag im Jahr 1933. Es ist von Montag an in einer Ausstellung zu sehen, die ein bisschen so wirkt wie ihr Protagonist Martin Luther: Sie nimmt kein Blatt vor den Mund.

Dienstag, 25.10.2016, 16:10 Uhr

Dose mit Lackmalerei: Martin Luther und Katharina von Bora nach Lucas Cranach, 1. Viertel 19. Jahrhundert.
Dose mit Lackmalerei: Martin Luther und Katharina von Bora nach Lucas Cranach, 1. Viertel 19. Jahrhundert. Foto: Richard-Borek-Stiftung

Im Leben des sprachgewaltigen Reformators gibt es einige dunkle Stellen. „Erschreckend sind bis heute Luthers zügellose Äußerungen gegenüber den Juden“, sagt Ingo Grabowsky, Direktor des Museums im Kloster Dalheim : „Diese Passagen lassen sich wie eine Anleitung zu den späteren Pogromen der Nationalsozialisten lesen.“ Ein Karl-Jaspers-Zitat im Ausgang der Schau stellt sogar einen direkten Zusammenhang zwischen Luther und Hitler her. Präsentiert der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hier etwa, unterstützt von der Evangelischen Kirche und unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Joachim Gauck, zum Auftakt des Jubiläumsjahres „500 Jahre Reformation“ eine Anti-Luther-Schau?

Das Gegenteil ist der Fall: Martin Luther wird als historische Figur erfahrbar, die in der deutschen Geschichte eine besondere Stelle einnimmt. Eigentlich, so das Konzept, sollen das die letzten hundert Jahre zeigen. „Wie haben unsere Eltern und Großeltern Luther gesehen?“, lautet die Kernfrage, die LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Thale formuliert. Doch ganz auf die Luther-Zeit verzichten mochten die Ausstellungsmacher natürlich nicht. Und haben, obwohl auch Ausstellungen im Osten der Republik bestückt sein wollen, einige Schätze aufgetan, etwa ein Murmelspiel des kleinen Martin oder ein Gewand des Mönchs.

Wo eben möglich wird die Luther-Schau sogar lustig: Wer in die Vitrine mit der Ablasstruhe aus dem 16. Jahrhundert eine Euro-Münze einwirft, wird mit einem aufblinkenden Heiligenschein belohnt. Das gesammelte Geld kommt übrigens einem Kinderhospiz zugute. Und an einigen Stellen gibt ein lebensgroßer Luther, der verblüffende Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Jens Ulrich Seffen aus Münsters Wolfgang-Borchert-Theater aufweist, via Bildschirm kernige Sprüche von sich.

Eine Spieluhr aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts präsentiert auf dem Sockel den Luther zugeschriebenen Satz „Hier stehe ich, ich kann nicht anders ...“

Eine Spieluhr aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts präsentiert auf dem Sockel den Luther zugeschriebenen Satz „Hier stehe ich, ich kann nicht anders ...“ Foto: Ansgar Hoffmann

Durch dunkelrote Stellwände wird man an Schriften, Exponaten oder kleinen Wandkästen vorbeigeleitet, hinter denen Touchscreen-Angebote die Themen vertiefen. Münsters Wiedertäuferkäfige tauchen als Bild auf und zeigen, wie Luther sich mit Phänomenen seiner Zeit auseinandersetzt. Und dann der Zeitsprung ins Jahr 1917: Weil die Soldaten noch im Krieg waren, wurde das Feiern des Jubiläumsjahres zwar in die Gemeinden delegiert – präsent war Luther aber als moralisches Vorbild mit Tugenden wie Mut und Fleiß. Der Text „Ein feste Burg ist unser Gott“ fand sich auf Postkarten und Münzen. Schon hier ging es in der Rezeption weniger um den Reformator und sein Werk als um den historischen „Kerl“ Martin Luther.

Schicksalsfigur: Landrat Manfred Müller, die Vorsitzende der Stiftung Kloster Dalheim Dr. Barbara Rüschoff-Thale, LWL-Direktor Matthias Löb, die wissenschaftliche Projektleiterin der Ausstellung Stefanie Wittenborg und Museumsdirektor Dr. Ingo Grabowsky (v.l.) präsentierten einen ersten Einblick in die Sonderausstellung "Luther. 1917 bis heute", die am 31. Oktober 2016 für das Publikum öffnet.

Schicksalsfigur: Landrat Manfred Müller, die Vorsitzende der Stiftung Kloster Dalheim Dr. Barbara Rüschoff-Thale, LWL-Direktor Matthias Löb, die wissenschaftliche Projektleiterin der Ausstellung Stefanie Wittenborg und Museumsdirektor Dr. Ingo Grabowsky (v.l.) präsentierten einen ersten Einblick in die Sonderausstellung "Luther. 1917 bis heute", die am 31. Oktober 2016 für das Publikum öffnet. Foto: LWL/Alexandra Buterus

Schwarz werden die Stellwände für Luther in der Nazi-Zeit – zu diesem Komplex gibt es aber auch Zitate etwa des aufrechten Theologen Dietrich Bonhoeffer, der sich ebenfalls auf Luther berief. Eine „Projektionsfläche“ sei der Reformator, so der Museumsdirektor.

Im größten Raum der Ausstellung ist dann die Mauer wieder aufgebaut – denn während Luther in der Bundesrepublik hoch respektiert war, hielten es die atheistischen DDR-Herrscher lieber mit seinem Gegenspieler Thomas Müntzer. Bis sie zum Lutherjahr 1983 eine kleine Wende einläuteten – zu verlockend waren die Geschäfte mit dem Reformator, der nun zum Revolutionär stilisiert wurde, etwa als Guerilla-Kumpel auf einem Gemälde von Uwe Pfeifer. „Luthers Wort, Marx’ Lehr, vergehen nimmer mehr“, hieß es nun. Die DDR-Bürger machten sich gewitzt ihren eigenen Reim darauf: „Proletarier aller Länder, um Gottes willen, vereinigt euch!“

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