Stefan Otteni inszeniert packendes Revolutionsstück
Zwischenrufe aus dem Parkett

Münster -

„Anfangen“, so brüllt es nach der Pause aus den Sitzreihen, „das ist keine Universität hier!“ Sondern eine Nationalversammlung, in der über die Erklärung der Menschenrechte debattiert werden soll. Wobei es mitunter tumultuös zugeht – vor allem, wenn Nachrichten über Gewalt auf den Straßen ins Innere des Großen Hauses dringen.

Sonntag, 23.04.2017, 14:04 Uhr

Der König (Hubertus Hartmann) auf seinem Thron glaubt, Adel und Klerus hinter sich zu haben. Sein Premierminister (Ilja Harjes, r.) weiß es besser.
Der König (Hubertus Hartmann) auf seinem Thron glaubt, Adel und Klerus hinter sich zu haben. Sein Premierminister (Ilja Harjes, r.) weiß es besser. Foto: Oilver Berg

Ja, die Szenen spielen in Münsters Großem Haus, das sich zum Plenarsaal verwandelt hat. Denn Staatsverschuldung und Not quälen das Volk, und da der König sein eigenes Wohl im Sinn hat, nimmt der dritte Stand die Sache in die Hand und bringt Adel und Klerus in Bedrängnis. Während drinnen die Abgeordneten streiten, toben draußen die Massen. Nur der König glaubt: „Wir schaffen das schon“.

Ist das noch Französische Revolution, oder ist das schon europäische Gegenwart? Der französische Theatermacher Joël Pommerat zeigt in seinem Erfolgsstück mit dem deutschen Titel „La Révolution #1 – Wir schaffen das schon“, wie schwierig diese Frage zu beantworten ist. Etwa, weil die alten Konflikte immer wieder neu entstehen. Weil Demokratie ein mühevolles Bohren harter Bretter ist. Oder weil aus Idealismus schnell neuer Despotismus wird.

„Sie sind nicht repräsentativer als ich, Sie sprechen nur lauter!“ Pommerats Text, der auf Nationalversammlungs-Protokollen aus dem 18. Jahrhundert fußt, lässt immer wieder staunen. Denn was die Abgeordneten einander um die Ohren hauen, klingt völlig zeitgemäß – oder auch zeitlos. Wenn sie über Gewalt streiten, kann die Debatte selbst zur Prügel-Orgie ausarten. Manches Geschäftsordnungs-Gezeter könnte von einem aktuellen Parteitag stammen. Terror in Paris , Putschversuch in der Türkei , Entmachtung Honeckers und Gorbatschows – alles lässt sich hier wiedererkennen.

Pommerat beschränkt sich auf die Anfänge der Revolution bis zum erzwungenen Umzug des Königs von Versailles nach Paris. Das Terror-Regime der Schreckens-Helden Danton und Robespierre wäre einer Fortsetzung vorbehalten. Aber welche – auch theatralische – Kraft steckt in diesen frühen Ereignissen! „An manchen Tagen . . . ich schwöre ihnen, habe ich den Eindruck, im Theater zu sein“, ruft ein Abgeordneter und spiegelt damit das Erlebnis der Zuhörer. Die sitzen nämlich mittendrin, bekommen den König über einen Laufsteg hautnah mit und mögen sich wundern, dass aus ihren Reihen immer wieder kommentierendes Gemurmel oder wüste Zwischenrufe erschallen.

Regisseur Stefan Otteni spielt im ausdrucksstark-schlichten Bühnenraum von Peter Scior hinreißend mit der Illusion, alles geschähe just im Augenblick und völlig ungeplant. So muss die Sitzungsvorsteherin energisch betonen, dass es zur Pause doch nicht – wie angekündigt – Sekt für alle gibt, und im Foyer wird plötzlich der König angekündigt, um eine zweifelhafte Huldigung über sich ergehen zu lassen. Hubertus Hartmann spielt den zaudernden Regenten mit wunderbarer Scheu.

Otteni stachelt sein starkes Ensemble so an, dass man jede Regung der Schauspieler (in wechselnden Rollen) für authentisch hält und ihr „Spiel“ vergisst. Besonders stark wirkt das in den Szenen der Bezirksversammlungen, wo das aufgewühlte Volk einem Abgeordneten schon mal vorwirft, seine Abkopplung von der Realität zeige sich bereits am Anzug – Kostümbildnerin Sonja Albartus hat den Darstellern hier Jeans verordnet, während sie in der Nationalversammlung Anzüge und Kostüme tragen. Daniel Rothaug zieht sich auf der Bühne um und erntet Lacher.

Ohnehin ist das ernste Thema voller Komik, etwa, wenn Ulrike Knobloch, An­drea Spicher und Bálint Tóth als überkandideltes Reportertrio vom Königshaus berichten. Regine Andratschke und Carola von Seckendorff sind herrlich nervige Gefährtinnen des Königs, und wie Gerhard Mohr, Ilja Harjes, Christian Bo Salle und Frank-Peter Dettmann zwischen Bühne und Zuschauerraum herumwirbeln, wirkt geradezu ansteckend. Schön auch, wie Inspizient Tomasz Zwozniak sich selbst spielt. Dass die brillante Meike Jüttendonk kurzfristig eingesprungen ist – man mag es kaum glauben. Knapp dreieinhalb Stunden Politik der unterhaltsamsten Art.

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Nächste Vorstellungen: 29. April, 11. und 19. Mai  | www.theater-muenster.com

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