Historikerpreis Münster für Prof. David Nirenberg
Das Judentum als „dunkler Spiegel“

Münster -

Anti-Judaismus als irrationale Abweichung vom aufgeklärten westlichen Denken? Der Chicagoer Historiker David Nirenberg, der gestern Abend mit dem Historikerpreis der Stadt Münster ausgezeichnet worden ist, sieht das etwas anders.

Dienstag, 23.05.2017, 17:05 Uhr

Der Historiker David Nirenberg erklärt die Geistesgeschichte der westlichen Zivilisation aus einer erschreckend aufschlussreichen Perspektive: Er sieht den Anti-Judaismus, die Abgrenzung gegenüber dem Judentum, als eine treibende Kraft.
Der Historiker David Nirenberg erklärt die Geistesgeschichte der westlichen Zivilisation aus einer erschreckend aufschlussreichen Perspektive: Er sieht den Anti-Judaismus, die Abgrenzung gegenüber dem Judentum, als eine treibende Kraft. Foto: Wilfried Gerharz

Die Abgrenzung und Distanzierung vom Judentum sei ein Kern westlichen Denkens. Er sei nicht eine dunkle Kammer in diesem Denkgebäude, sondern das grundlegende „Werkzeug“ mit dem das Denkgebäude errichtet wurde. Über diese Hauptthese seines Buchs „Anti-Judaismus. Eine andere Geschichte des westlichen Denkens“ sprach er mit unserem Redaktionsmitglied Martin Ellerich .

Wir reden gewöhnlich über unser christlich-jüdisches Erbe in Europa. Gibt es ein solches gemeinsames Erbe überhaupt?

Nirenberg : In seinem Ullysses macht sich James Joyce darüber lustig: „griechisch-jüdisch, jüdisch-griechisch, bah“. (lacht) Aber ich würde sagen: Es gibt ein christlich-jüdisches Erbe. Ich würde von einem christlich-jüdisch-islamischen Erbe reden. Die geistige Auseinandersetzung zwischen Gesellschaften, die sich als christlich, jüdisch oder islamisch begriffen, war fundamental dafür, wie sich Christentum, Judentum und Islam entwickelten und entwickeln.

Also ist es ein Spiel der Gegensätze?

Nirenberg: Meist ist es ein Spiel mit dem Bild, was man sich vom anderen macht. Es ist wie bei einem Ehepaar: Sie haben ein Bild von ihrem Partner, aber sie kennen ihn nicht so gut wie sich selbst. Durch diese Auseinandersetzung verändern sich die Gesellschaften. Also: Durch die Auseinandersetzung mit Judentum und Islam verändert sich das Christentum – oder eher in der Auseinandersetzung mit den Vorstellungen, die man den anderen zuschreibt. Ich behaupte, dass Anti-Judaismus nicht als eine irrationale Kammer im Gebäude des religiösen Denkens begriffen werden sollte. Vielmehr handelt es sich um eines der grundlegenden Werkzeuge, mit denen dieses Gedankengebäude konstruiert wurde.

Christen und Juden leben in einer Art schlechter Ehe?

Nirenberg: Ich würde es nicht eine schlechte Ehe nennen, sondern eine mit Höhen und Tiefen – furchtbaren Tiefen, sogar Familiendramen. Aber den einen würde es ohne den anderen nicht geben.

Was sind die Ursachen des Konflikts?

Nirenberg: Die Grundlagen der Beziehung – ich würde nicht nur von Konflikt reden – ist, dass beide aus den heiligen Schriften des jeweils anderen und in der Auseinandersetzung damit entstanden sind. Es gab einen Punkt, an dem sich die Juden, die Christus folgten, fragen mussten, was sie von den Juden und deren Interpretation der Texte und Traditionen unterschied. Insofern konnte das Christentum nie vom Judentum loskommen, weil es sich als besserer Interpret der alten Texte und Traditionen sehen musste. Und andererseits ist der Talmud an einigen Stellen eine klare Antwort auf christliche Interpretationen älterer hebräischer Texte. Sie können nicht von einander lassen. Die Eheleute sind – um in der Metapher zu bleiben – vom selben Fleisch.

Also sind wir eher Geschwister als Eheleute ...?

Nirenberg: Kain und Abel wurden oft als Bilder von Christentum und Judentum gebraucht. Nur: Ihren Bruder können Sie töten, aber Christentum und Judentum kommen nicht voneinander los. Oder der Islam: Das christliche Europa, wie wir es kennen, wurde im 12. Jahrhundert in den Kreuzzügen gegen den Islam geboren. Und der Islam hat sich auch in der Auseinandersetzung mit dem Christentum gebildet. Maria kommt im Koran öfter vor als in der Bibel.

Also hat die Abgrenzung die Entwicklung der Weltanschauungen angestoßen?

Nirenberg: Es geht nicht so sehr darum, dass die christliche Weltanschauung die reale jüdische Gemeinschaft und deren Weltanschauung als Gegenüber benutzt. Es geht vielmehr darum, dass das Christentum das Nachdenken über das Judentum nutzt, um sich selbst in der Abgrenzung zu definieren. Dafür braucht es nicht einmal den Kontakt mit Juden. Die meisten Engländer werden zu Shakespeares Zeit nie einen Juden getroffen haben. Die waren im 13. Jahrhundert vertrieben worden. Dennoch nutzt dieser großartige Autor im „Kaufmann von Venedig“ das Nachdenken über das Judentum, um über die größten Probleme seiner Zeit zu reflektieren: die Veränderungen der Wirtschaft, das Aufkommen neuer Medien wie des Theaters oder wie sich das Christentum infolge der Reformation verändert. Er kennt keine Juden. Es geht also nicht um reale Juden, sondern um das Nachdenken über Eigenschaften, die Christen dem Judentum zuschreiben.

Das Judentum als dunkler Spiegel ...?

Nirenberg: Ja! Es gab im übrigen Phasen des Zusammenlebens, die furchtbar und fruchtbar zugleich waren: Im 12. und 13. Jahrhundert gab es im Rheinland einerseits Pogrome an Juden, andererseits lernten die jüdischen Pietisten dort ihren Mystizismus von den Christen.

Wie sehen Sie Deutschland heute – 75 Jahre nach der Shoa?

Nirenberg: Deutschland ist sich seiner Geschichte in einem Maße bewusst, die sich bewundernswert vom Rest des Westens unterscheidet. So wenig Deutschland in den 1920er und 1930er Jahren über seinen Anti-Semitismus reflektiert hat, so sensibel ist die Gesellschaft heute. Deutschland ist vielleicht das Land, in dem am meisten und tiefsten über die Rolle der Religion und ihr Verhältnis zu Gewalt und Frieden nachgedacht wird. Das ist zumindest das Bild, das ich mir davon mache.

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