Burgtheater Wien: Kusej wird Direktor
„Veränderung, Irritation, Aufregung“

Wien/Münster -

Martin Kušej wird neuer Direktor des bedeutendsten deutschsprachigen Theaters. Auch ein Münsteraner übrigens wurde in den Medien zum Kandidatenkreis für das Wiener Burgtheater gezählt: Joachim Lux, derzeit Chef des Thalia-Theaters in Hamburg.

Freitag, 30.06.2017, 16:06 Uhr

Das Burgtheater in Wien ist die bedeutendste deutschsprachige Bühne. Hausherr wird hier ab 2019 Martin Kušej (r.).
Das Burgtheater in Wien ist die bedeutendste deutschsprachige Bühne. Hausherr wird hier ab 2019 Martin Kušej (r.). Foto: dpa

Er wollte nie wieder das Wiener Burgtheater betreten. Das hatte Martin Kušej vor zehn Jahren angekündigt. Im Streit um den Chefsessel am renommierten Theater wollte er sogar alle Zelte in seiner österreichischen Heimat abbrechen. Doch der Sturm legte sich. Immer wieder inszenierte der Kult-Regisseur an der „Burg“. Nun kehrt der 56-jährige Intendant des Münchner Residenztheaters ganz nach Wien zurück. Von der Spielzeit 2019/2020 an hält er als Intendant die künstlerischen Fäden in der Hand. „Ich stehe für Veränderung, Irritation und Aufregung“ – ließ er das Publikum schon mal vorab bei seinem ersten Auftritt wissen. Auch des Residenztheater habe er seit Dienstantritt 2011 aus einer Art Dornröschenschlaf geholt.

So ist die Wahl aus Sicht der Zeitung „Die Presse“ eine „Besetzung nicht ohne Risiko, aber mit Glamour“. Die Bühne könne sich zwar Experimente leisten, aber keine dauerhaft schlechtere Auslastung.

Die stimmte unter der deutschen Intendantin Karin Bergmann, die zugleich viel mit der Aufarbeitung des Finanzskandals beschäftigt war. Es gab Auszeichnungen wie „Theater des Jahres“. Doch spektakuläre Inszenierungen blieben die Ausnahme. Kušej scheint der Richtige, um das Haus aus der künstlerischen Wohlfühlzone zu holen. Für einen „Kuschelkurs“ sei er jedenfalls nicht zu haben. „Dafür habe ich schon viel zu viel in die Fresse gekriegt, als dass ich jetzt anfangen würde, mich anzupassen“, so Kušej 2012 zu Beginn seiner zweiten Saison in München.

  Foto: Hans Punz

Seine Inszenierungen sind Zündstoff für die Gemüter. Da spielt ein Verdi-Stück schon mal im Schlachthof. Die Welt wird so grausam gezeigt, wie er sie empfindet. Geschönt wird nichts: etwa wenn Bräute mit gehäuteten Rehen auf der Bühne tanzen, wie bei Anton Dvoráks Oper „Rusalka“ in München. Die Bilder brennen sich ein und wirken nach, selbst wenn die Tierkadaver nur Reproduktionen waren.

Wichtiger Aspekt ist für Kušej, der stets laut vor der Gefahr durch Rechtspopulisten warnt, die politische Dimension der Kunst. Sozialisiert für das Theater wurde der gebürtige Kärntner dabei von geistlicher Seite. So arbeitet er sich bis heute an der Strenge der Kirche und der Enge seiner provinziellen Herkunft ab.

„Ich habe die ultimative katholische Laufbahn hinter mir“, sagte er dem Nachrichtenmagazin „profil“. Hätte er als Ministrant nicht die Riten und Bräuche des Katholizismus erlebt, wäre er laut eigenen Aussagen wohl nicht am Theater gelandet. Das sei bis heute prägend: „Sünde, Bestrafung, Leiden für Leistung, Sex muss Liebe sein: Solches Zeug schwirrt scheinbar immer noch in meinem Kopf herum.“

In Wien hat sein Arbeitgeber schon mal formuliert, was er sich

Joachim Lux, Münsteraner, bleibt bis 2019 am Thalia Theater in Hamburg

Joachim Lux, Münsteraner, bleibt bis 2019 am Thalia Theater in Hamburg Foto: Lukas Schulze

künftig wünscht. „In Anlehnung an Schiller halte ich das Burgtheater für eine moralische Anstalt und eine Schule praktischer Weisheit. Es ist eine gesellschaftspolitische Institution und ein Instrument der Aufklärung. Ein Ort, an dem Diskurse noch mehr Platz und Zeit haben, als die berühmten 140 Zeichen, die Twitter anbietet“, sagte Kulturminister Thomas Drozda.

Bis in die heiße Phase der Personalentscheidung hinein hielten sich in den Medien Meldungen, wonach auch der gebürtige Münsteraner Joachim Lux zum Kreis der Kandidaten in Wien zählte. Lux, Jahrgang 1957, ist seit 2009 Intendant des Thalia Theaters in Hamburg und zählt deshalb seit vielen Jahren zum Kreis der wichtigsten Intendanten und Regisseure des deutschsprachigen Theaters.

Lux, der am Gymnasium Paulinum 1976 sein Abitur ablegte, absolvierte ein Lehramtsstudium in Münster und Tübingen, arbeitete dann von 1984 bis 1996 als Regisseur, Dramaturg und Chefdramaturg in Köln, Düsseldorf und Bremen. Ab 1999 war er Mitglied der künstlerischen Direktion des Wiener Burgtheaters, 2006 wurde er dort zum Chefdramaturgen ernannt. Lux wurde 2009 Intendant des Thalia-Theaters, sein zweiter Fünfjahresvertrag läuft 2019 aus.

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