Varusschlacht: War da doch ein Römerlager?
Kalkriese präsentiert neue Funde

Münster/Bramsche -

Mit Spannung sehen Historiker und Journalisten der Präsentation neuer Grabungsergebnisse am 21. September am vermeintlichen Ort der Varusschlacht in Kalkriese entgegen. Von einer „geänderten Szenerie“ ist nun die Rede. Die Vermutung liegt nahe, dass die Archäologen nach ersten Befunden 2016 nun sicher sind, dass sich an der Haupt-Grabungsstelle ein Marschlager der Römer befand.

Freitag, 15.09.2017, 18:09 Uhr

Jahr für Jahr wird in Kalkriese eifrig gegraben. Foto: dpa
Jahr für Jahr wird in Kalkriese eifrig gegraben. 2016 tauchten erstmals Verfärbungen auf, die auf eine römische Lagerbefestigung hindeuten. Im März 2017 wurden dann auf einen Schlag über 200 römische Silbermünzen aus der Zeit des Kaisers Augustus im Boden entdeckt und ausgegraben. Foto: dpa

Wenn das Museum Kalkriese zur jährlichen Grabungsabschluss-Pressekonferenz bittet, wächst die Spannung. Wurde auf dem mutmaßlichen Riesengelände der Varusschlacht wieder etwas gefunden? Gibt es neue Szenarien und Deutungshorizonte? Gerade in diesen Tagen fiebern Archäologen und historisch interessierte Journalisten den Befunden entgegen, die Chef-Archäologe Prof. Dr. Salvatore Ortisi präsentieren will.

Der hat zugleich einen Lehrstuhl für Provinzialrömische Archäologie an der Universität in München und verrät auf Anfrage natürlich noch nichts Substanzielles. Aber er spricht auf Anfrage vorsichtig von einer „geänderten Szenerie“ und meint damit vermutlich eine neue Deutung des Schlachtgeschehens. Dass die Varusschlacht-These in der kommenden Woche fällt, damit rechnet eigentlich niemand, und das wäre auch längst durchgesickert. Es deutet sich eher an, dass die Archäologen nach den ersten Funden einer römischen Lagerbefestigung 2016 diesen Befund in der aktuellen Grabungssaison 2017 abgerundet und gesichert haben.

Ausgrabungen zur Varusschlacht in Kalkriese

1/13
  • Ein Bronzeköpfchen wird am 30. Juni 2016 von einer Restauratorin in einer Werkstatt im Museumspark Kalkriese in Bramsche-Kalkriese (Niedersachsen) vermessen.

    Foto: Friso Gentsch
  • Insgesamt acht augusteische Gold-Münzen wurden kürzlich in Kalkriese ausgegraben.

    Foto: Karsten Keune
  • Laut Varus-Geschäftsführer Joseph Rottmann sind die acht Goldmünzen der wohl größte zusammenhängende Münzfund in ganz Europa.

    Foto: Hermann Pentermann
  • Was geschah auf dem antiken Schlachtfeld bei Bramsche-Kalkriese? Derzeit graben dort wieder Archäologen, um mögliche Beweise für das Geschehen rund um die Varusschlacht ans Licht zu bringen.

    Foto: Hermann Pentermann
  • Eine Münze mit dem Kopf des Statthalters Varus wurde 2009 in der Imperium-Ausstellung in Haltern ausgestellt.

    Foto: A9999 Römermuseum Haltern
  • Das spektakulärste Ausstellungsstück in Kalkriese: Die eiserne Maske eines Gesichtshelms eines römischen Legionärs in einer Vitrine im Museum der Varusschlacht.

    Foto: A3634 Friso Gentsch
  • Grabungsspezialisten arbeiten seit vielen Jahren an verschiedenen Stellen in Kalkriese, um Spuren antiker kriegerischer Kämpfe zwischen Römern und Germanen zu sichern.

    Foto: A2942 Ingo Wagner
  • Hunderte Darsteller in der historischen Verkleidung von Römern und Germanen führen auf dem Gelände des Varusschlachtmuseums in Bramsche-Kalkriese (Landkreis Osnabrück) die 2000 Jahre alte Niederlage römischer Legionen unter ihrem Feldherren Varus gegen die Germanen auf.

    Foto: dpa
  • Prächtig kostümiert: Ein Darsteller mit der Gesichtsmaske eines römischen Legionärs.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Eine Ahle wird von einer Restauratorin in einer Werkstatt im Museumspark Kalkriese in Bramsche-Kalkriese (Niedersachsen) begutachtet.

    Foto: Friso Gentsch
  • Ausstellungsbesucher stehen im Juni 2016 hinter dem überdimensionalen Modell einer Maske eines römischen Legionärs im Museumspark Kalkriese in Bramsche-Kalkriese (Niedersachsen).

    Foto: Friso Gentsch
  • Blick auf das Gelände des Museumsparks Kalkriese mit dem Aussichtsturm auf das vermeintliche Schlachtfeld.

    Foto: Friso Gentsch
  • Restauratorin Christiane Matz festigt in einer Werkstatt im Museumspark Kalkriese in Bramsche-Kalkriese eine alte Münze mit Wachs.

    Foto: Friso Gentsch

Wir schauen zurück: Nach der spektakulären Entdeckung von acht Goldmünzen aus der Zeit des Kaisers Augustus im Frühsommer 2016 waren Archäologen in den Folgemonaten in Kalkriese erneut fündig geworden. An der zum Tal hin gelegenen Seite des mutmaßlichen Schlachtfeldes wurden Reste einer Lagerbefestigung entdeckt. Da stellte sich die Frage: Ist jener Germanenwall, den die Archäologen vor Jahren ausgruben und der in Teilen rekonstruiert wurde, in Wirklichkeit doch Teil eines römischen Lagers?

Es ging 2016 um an zwei Stellen ergrabene Überreste einer Befestigungs­anlage, die wohl aus einem Wall und einem Graben ­ bestanden haben könnte. Unter Experten zwischen Xanten, Haltern und Kalkriese sprach sich die Entdeckung in Windeseile herum. Es kam sodann die Theorie auf, ob es sich bei dieser Begrenzungsstruktur wohl um eine geschlossene Linie handeln könnte. Dies wiederum könnte bedeuten, so mutmaßten die Archäologen, dass hier vielleicht ein Römerlager, wenn auch nur ein provisorisches, bestanden habe. Ist also, so rätselten die Archäologen weiter, die bisher als Hinterhalt der Germanen gedeutete Gras­sodenmauer, die heute auch in teilrekonstruiertem Zustand in Kalkriese zu besichtigen ist, möglicherweise doch Teil einer römischen Lagerumfassung?

Ein spektakulärer Münzfund und seine Deutung

Salvatore Ortisi, Professor für Provinzialrömische Archäologie an der Universität München und einer der verantwortlichen Ausgräber auf dem vermuteten Gelände der Varusschlacht Kalkriese, hat erst im Frühjahr 2017 nach dem Fund von etwa 220 römischen Silberdenaren eine erstaunliche Hypothese ins Spiel gebracht: Es könnte sich, so hieß es damals zusammenfassend im Online-Dienst von Welt und N24 bei dem Silberschatz um die Reste einer Truppenkasse einer römischen Einheit gehandelt haben. Das freilich könnte der bisherigen Deutung des Fundorts Kalkriese eine Wendung geben. Das ein Kilo schwere Behältnis mit dem Sold der Legionäre dürfte im Feindesland kaum in größerer Entfernung von der Truppe mitgeführt worden sein. Mögliche Schlussfolgerung: Römische Soldaten könnten hier, am Saum des Wiehengebirges, ein Lager aufgeschlagen haben. Das aber würde bedeuten, dass sich dort, wo man bislang das Aufmarschgebiet der Germanen vermutete, Legionäre verschanzt hatten.

...

Wenn das so wäre, und der Konjunktiv ist hier wichtig, dann wäre das laut Experten noch nicht das Aus für die Theorie des Ortes der Varusschlacht. Denn es sei ja möglich – und dafür gebe es auch Hinweise in den widersprüchlichen antiken Quellen –, dass ein Teil der Schlacht auch ein Marsch­lager der Römer einschloss. Diese befanden sich mit drei Legionen und rund 15  000 Mann im Herbst des Jahres 9 n. Chr. bekanntlich auf ihrem Rückmarsch vom Sommerlager an der Weser in Richtung Stammlager Haltern.

Prof. Salvatore Ortisi (r.) und Landrat Michael Lübbersmann 2016 mit augusteischen Goldmünzen.

Prof. Salvatore Ortisi (r.) und Landrat Michael Lübbersmann 2016 mit augusteischen Goldmünzen. Foto: Pentermann

Ob es den Experten gelingt, die neuen Funde, die am kommenden Donnerstag, 21. September, in Kalkriese vorgestellt werden sollen, in den vermuteten Ort der Varusschlacht einzufügen oder ob jene Kritiker Auftrieb er­halten, die Kalkriese eher in Verbindung mit dem Vergeltungsfeldzug des Germanicus zwischen 14 und 16 nach Christus bringen, wird sich weisen.

Für Dr. Rudolf Aßkamp, den Direktor des Römermuseums in Haltern, das in diesen Monaten eine viel beachtete Ausstellung über den Feldherrn Germanicus und seinen Triumphzug vor 2000 Jahren zeigt, waren die ersten neuen Funde 2016 bereits ein Grund mehr, den Horizont der Deutung des Schlachtfeldes wieder weiter zu ziehen und sich nicht nur auf Varus zu versteifen.

Immerhin: Bislang gibt es kein jüngeres Fundmaterial wie etwa Münzen, die in die Zeit des Kaisers Tiberius und damit auf den Feldherrn Germanicus verweisen. Nächsten Donnerstag weiß man mehr.

Mehr zum Thema
Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5152678?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F201%2F
Polizei sucht auffälligen VW Polo
Das Foto zeigt das mutmaßliche Fluchtfahrzeug.    
Nachrichten-Ticker