Wenn Wolken und Wogen schillern
Picasso-Museum in Münster feiert mit sensationell bestückter Schau die Impressionisten in der Normandie

Münster -

Wer seinen Sommerurlaub an den Gestaden des Meeres verbracht hat, der darf die Erinnerungen an ungetrübten Naturgenuss jetzt in Münster auffrischen. Das Kunstmuseum Pablo Picasso feiert mit der Sonderausstellung „Die Impressionisten in der Normandie“ die Küste Nordfrankreichs als Wiege des Impressionismus. Die Schau ist mit 80 Werken von Claude Monet, Auguste Renoir, Alfred Sisley, Gustave Courbet und weiteren renommierten Malern bestückt und damit die größte Gemälde-Ausstellung seit Bestehen des Picasso-Museums.

Freitag, 13.10.2017, 20:10 Uhr

Eugène Boudin: Trouville, Hafenmole bei Flut, 1888/1895
Eugène Boudin: Trouville, Hafenmole bei Flut, 1888/1895 Foto: Collection Peindre en Normandie, Caen

Was nun ist genau ist Impressionismus? „Der Maler schaut aufs Wasser, sieht die Brechung des Lichts, die Farben des Meeres. Das ist eine visuelle Situation!“ So einfach und doch so komplex erklärt Alain Tapié, Mitbegründer der Kunst-Sammlung „Peindre en Normandie“, das, was die Kunstwelt unter Impressionismus versteht. Ein Bild wie das von Eugène Boudin , der um 1888/1895 die Hafenmole von Trouville bei Flut malte, zeigt es fast idealtypisch: Der Maler fängt einen unmittelbaren Sinneseindruck ein. Er sieht Licht und Schatten in den Wolken, farbige Brechungen im Wasser. Die Schiffe sind zwar vorhanden, werden aber nicht mehr detailgetreu abgebildet. Die „Untergehende Sonne bei Ebbe“, die Boudin um 1880/1885 festhielt, wird dem, was Impressionismus meint, vielleicht noch mehr gerecht. Schiffskonturen hat der Maler hier nur noch angedeutet, das Bild erscheint als Gewirr von Farben und Schattierungen, im Zentrum steht das Farbenspiel der glutrot untergehenden Sonne hinter spiegelnder See.

So einfach freilich ist das mit dem idealtypischen „Impressionismus“ nicht. Denn die Schau in Münster, die zuvor schon in Südostasien, Osteuropa und Skandinavien zu sehen war und für Deutschland nun eine echte Erstaufführung ist, repräsentiert rund 100 Jahre Malerei in der Normandie, jener rauen Region im Nordwesten Frankreichs, wo das Wetter wechselhaft, die Landschaft herb und die Küste schroff ist. So dominieren im ersten Teil der Ausstellung „romantische“ Bilder aus der Zeit um 1830/40. Eugène Le Poittevin hält in einem sehr realistisch gemalten Bild die Abendsonne an der Kanalküste fest. Detailgetreu sind Fischerkähne, Klippen, Masten, Segel und das Spiel der Wolken zu sehen. Fast wäre man geneigt, ein solches Seestück in der klassischen Malerei der Niederlande oder auch in der deutschen Romantik anzusiedeln. 50 Jahre später aber sind die Künstler längst über das eher getreue Bild der Natur hinweg. Sie malen, wie Museumsleiter Markus Müller erläutert, in Windeseile, nach dem ersten Eindruck, konzentrieren sich auf Andeutungen und das Funkeln des Lichts. Die Staffelei steht am Strand. Die Freiluftmaler (Pleinairisten) wollen die Atmosphäre einatmen. Was nicht heißt, dass alle ganz schnell und hektisch malen. Manche fertigen auch noch Skizzen an. Sogar Claude Monet , der 1883 Fischerboote in Étretat festhält.

Den Leuten kam das Arbeiten dieser Freiluftmaler zuweilen kurios vor. Sprüche wie „Wann malst Du das denn zu Ende?“ zeigten damals, wie Markus Müller launig erklärt, dass die Bildbetrachter oder auch Kunstkäufer meinten, die Bilder seien unfertig und müssten noch weiterbearbeitet werden. Was manche Künstler in ihren Ateliers dann auch taten, um dem Publikumsgeschmack nachzukommen.

Die Ausstellung schlägt den Bogen zu den Post-Impressionisten. Die Bilder werden abstrakter, düsterer. Die Pointillisten (Punktmaler) beginnen, das Licht wie Optiker wissenschaftlich in Lichtpunkte aufzulösen. Am Ende der Zeitreise im Picasso-Museum befinden wir uns 1940 schon in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Und doch: Maurice Louvriers „Weißer Brückenpfeiler im Nebel“ könnte noch aus der Hochzeit des Impressionismus 60 Jahre zuvor stammen. Oder sogar von dem legendären William Turner, der schon über 100 Jahre zuvor als Meister der englischen Romantik gefeiert wurde, aber schon die Formen in Licht und Farbe auflöste.

Zum Thema

„Die Impressionisten in der Normandie“. Kunstmuseum Pablo Picasso. Bis 21. Januar 2018. Mo bis So 10 bis 18 Uhr, Fr bis 20 Uhr  | www.kunstmuseum- picasso-muenster.de

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