Welterbe
Orgelbau, Pizza, Fastnacht: Unesco erweitert Kulturerbe

Rund 50 000 Orgeln erklingen in Deutschland. Die «Königin der Instrumente» hat eine lange Tradition, die jetzt von der Unesco gewürdigt wird. Freuen können sich auch Pizzabäcker und Dudelsackspieler.

Donnerstag, 07.12.2017, 11:12 Uhr

Ein Orgelbauer in der Schlosskirche des Residenzschlosses in Ludwigsburg.
Ein Orgelbauer in der Schlosskirche des Residenzschlosses in Ludwigsburg. Foto: Sebastian Gollnow

Jeju (dpa) - Die Tradition von Orgelbau und Orgelmusik in Deutschland zählt jetzt zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Das Unesco-Komitee nahm die deutsche Nominierung am Donnerstag bei seiner Tagung auf der südkoreanischen Insel Jeju in die Welterbeliste auf. 

Grund zur Freude haben auch die neapolitanischen Pizzabäcker: Das «Pizzaiuolo», die Kunst des Pizzabackens, zählt nun ebenfalls zum Kulturerbe.

Neu auf der Liste sind auch das Dudelsackspiel «Uilleann Piping» aus Irland und die Basler Fasnacht aus der Schweiz. Aus den Niederlanden wurden die Wind- und Wassermühlen mitsamt dem Müllerhandwerk zum Immateriellen Kulturerbe erklärt, aus Portugal das Tonfiguren-Handwerk in Estremoz und aus Griechenland die musikalische Aufführungspraxis Rebetiko mit Gesang und Tanz.

Die Liste umfasst nach Angaben der deutschen Unesco-Kommission damit nun 398 traditionelle Fertigkeiten und Wissensformen. Sie soll die Vielfalt des immateriellen Kulturerbes weltweit abbilden. Neu eingetragen wurden beispielsweise auch das Krugfest Kumbh Mela in Indien, das Reitspiel Chogān aus dem Iran, das traditionelle System der Wasserrichter von Corongo in Peru sowie die kulinarische Tradition Nsima in Malawi.

Die Anerkennung von Orgelbau und Orgelmusik wurde in Deutschland mit großer Freude begrüßt. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) erklärte in einer Mitteilung der deutschen Unesco-Kommission: «Orgelbau und Orgelmusik sind auch heute noch ein wichtiger Teil unseres Musiklebens, sie werden von Generation zu Generation weitergegeben, gepflegt und fortentwickelt. »

Durch die Aufnahme in die Unesco-Liste werde die Bedeutung dieses über Jahrhunderte gewachsenen kulturellen Erbes gebührend gewürdigt. Um die Tradition auch in Zukunft zu stärken, fördere die Bundesregierung die Modernisierung national bedeutsamer Orgeln und den Erhalt wertvoller Instrumente in diesem Jahr mit rund fünf Millionen Euro.

Der prominente deutsche Orgelsachverständige Michael Kaufmann sagte, dies sei ein guter Tag für Orgelfreunde. «Hinter der Formulierung des Antrags stehen Jahrzehnte der Beschäftigung als Musikwissenschaftler, Organist und Orgelsachverständiger mit dem Instrument, seiner Geschichte und Gegenwart, seiner Technik und seines Klangs.» Nun müssten personelle und finanzielle Ressourcen für den Erhalt und die Fortschreibung der Orgelkultur eröffnet werden, etwa für die Aus- und Fortbildung von Organisten und Orgelbauern sowie bei Neubau oder Restaurierung von Orgeln.

Nach Angaben der deutschen Unesco-Kommission prägen 400 handwerkliche Orgelbaubetriebe mit etwa 2800 Mitarbeitern, 180 Auszubildenden sowie 3500 hauptamtlichen und Zehntausenden ehrenamtlichen Organisten das Handwerk und die Kunst des Orgelbaus und der Orgelmusik in Deutschland. Über 50 000 Orgeln seien derzeit hierzulande im Einsatz. «Jede Orgel ist einzigartig, denn sie wird eigens für den Raum entwickelt, in dem sie später erklingt», sagte Prof. Christoph Wulf, Vizepräsident der Deutschen Unesco-Kommission.

Die Kunst des neapolitanischen «Pizzaiuolo» wurde als kulinarisch-handwerkliche Praxis gewürdigt. In Neapel leben und wirken heute etwa 3000 Pizzaiuoli. Die Tradition fördere soziale Zusammenkünfte und intergenerationellen Austausch, hieß es. Die Vereinigung Neapolitanischer Pizzaiuoli veranstaltet Kurse, die sich mit der Geschichte, den Hilfsmitteln und den Techniken dieser Kunst befassen.

Unesco Kulturerbe 2017

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  • Botswana: Die Dikopelo-Musik der Volksgruppe Bakgatla-ba-Kgafela in der Gemeinde Kgatleng gehört sogar zur Liste des dringen erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes. Diese Musik besteht aus einstudierten Tänzen und Gesang im Chor. Außerdem vermittelt sie eine Vision des gemeinschaftlichen Zusammenlebens.

    Foto: UNESCO/Legae Digwaamaje
  • Mongolei: Traditionelle Praktiken der Verehrung heiliger Stätten in der Mongolei stellen bei den Nomaden eine bedeutende Kulturpraxis dar. Allerdings war die Verehrung heiliger Stätten während des kommunistischen Regimes in der Mongolei verboten. Daher steht auch diese Tradition auf der Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes.

    Foto: UNESCO/Ayush Duurenjargal
  • Marokko: Der Tanz Taskiwin hat seinen Namen von dem reich verzierten Horn, das jeder Tänzer trägt. Es handelt sich um einen Kampftanz im westlichen Hohen Atlas. Aus mehreren Gründen droht der Tanz zu verschwinden. Daher wurde auch er als dringend erhaltungsbedürftig eingestuft.

    Foto: UNESCO/Association Targa-Aide
  • Vereinigte Arabische Emirate: Al Azi ist die Kunst des Lobes, des Stolzes sowie der kraftvollen Dichtkunst. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurde dieser traditionelle Poesievortrag regelmäßig aufgeführt. Leider geriet die Tradition immer mehr in Vergessenheit und gilt daher als dringend schützenswert.

    Foto: UNESCO/Abou Dhabi Tourism and Cultural Authority
  • Saudi-Arabien: Die traditionelle Innenwanddekoration durch Frauen in Asir steht hinter dem Begriff Al-Qatt Al-Asiri. Diese Kunst wird meist durch die Familie weitergegeben. 

    Foto: UNESCO/Ahmad AlSheme
  • Armenien: Der traditionelle Gruppentanz Kochari wird überall in Armenien zu Festtagen und speziellen Zeremonien aufgeführt. 

    Foto: UNESCO/Gagik Ginosyan
  • Bangladesch: Das Shital-Pati-Weben von Sylhet bildet die traditionelle Kunst, eine handgefertigte Matte herzustellen. Die Menschen in Bangladesch nutzen das Produkt als Sitzmatte, Tagesdecke oder Gebetsmatte.

    Foto: UNESCO/Monirul Masum
  • Bolivien: Bei den rituellen Reisen anlässlich des Alasita-Fests in La Paz erwerben die Teilnehmenden Glücks-Miniaturen, die mit Ekeko, dem wohltätigen Fruchtbarkeitsgott der Stadt La Paz in Verbindung gebracht werden. 

    Foto: UNESCO/Loza
  • Bosnien und Herzegowina: Die Konjic-Holzschnitzerei ist ein Kunsthandwerk mit langer Tradition. Sie bildet einen wichtigen Teil der Kultur der lokalen Gemeinschaft.

    Foto: UNESCO/Rukotvorine doo
  • Italien: Die Kunst des neapolitanischen Pizzabäckers (Pizzaiuolo) stammt aus Neapel, wo heute etwa 3 000 Pizzaiuoli leben und wirken.

    Foto: Cesare Abbate
  • Côte d’Ivoire: Zaouli steht für die Musik und den Tanz der Guro. Die Tänzer sind hierbei verkleidet und tragen Maske sowie ein Kostüm.

    Foto: UNESCO/Aka Konin
  • Aserbaidschan: Dolma ist eine traditionelle Mahlzeit in Aserbaidschan. Die Herstellung und das Teilen von Dolma drückt Solidarität, Respekt und Gastfreundschaft aus.

    Foto: UNESCO/Ministry of Culture and Tourism of Azerbaijan
  • Indien: Das "Krugfest" - Kumbh Mela - ist die größte Versammlung von Pilgern weltweit. Das Fest findet alle vier Jahre in Indien statt.

    Foto: UNESCO/S.A. Murugesan (IAS)
  • Indonesien: In Süd-Sulawesi bestreiten rund 70 Prozent der lokalen Bevölkerung ihren Lebensunterhalt durch den Bootsbau. Pinisi ist hierfür zum Inbegriff des indigenen Segelschiffs des Archipels Süd-Sulawesi geworden.

    Foto: UNESCO/Ministry of Education and Culture
  • Iran: Chogān ist ein Reitspiel, das von Musik und dem Erzählen von Geschichten begleitet wird. In der Literatur, in Sprichwörtern und im Kunsthandwerk kommt dieser Tradition eine hohe Bedeutung zu.

    Foto: UNESCO/Iranian Cultural Heritage, Handicrafts and Tourism Organization (ICHHTO)
  • Irland: Das Dudelsackspiel "Uilleann Piping" vermittelt ein Gefühl von Heimat und Identität. Irische Volksmusik wird häufig mit dieser irischen Version des Dudelsacks gespielt. 

    Foto: UNESCO/NPU
  • Kasachstan: Das traditionelle Assyk-Spiel wird vom größten Teil der Bevölkerung Kasachstans gespielt. Es ist vor allem bei Kinder und Jugendlichen beliebt.

    Foto: Studio 'Mergen'
  • Kirgisistan: Kok Boru ist ein traditionelles Pferdespiel mit zwei Mannschaften. Das Spiel hilft dabei, Gemeinschaften unabhängig von ihrem sozialen Status zu vereinen sowie Teamarbeit, Verantwortung und Respekt zu fördern.

    Foto: UNESCO/National Kok-Boru Federation
  • Kuba: Punto ist die Poesie und Musik kubanischer Bauern. Den Musikern wurde mittlerweile sogar eine eigene Berufsbezeichnung verliehen. 

    Foto: UNESCO/Juan Carlos Borjas
  • Laos: Die Khaen ist ein traditionelles Blasinstrument und gilt als Nationalsymbol in Laos. Die mit ihr gespielten Musik fördert den sozialen Zusammenhalt.

    Foto: UNESCO/Département du cinéma auprès du Ministère de l'information, de la culture et du tourisme
  • Mauritius: Sega Tambour ist eine Aufführung von Musik, Gesang und Tanz, die überall auf der Insel Rodrigues gespielt wird. Der Ursprung liegt in den ehemaligen Sklavengemeinschaften. 

    Foto: UNESCO/George Abungu
  • Peru: Das System der Wasserrichter von Corongo reicht bis in die Zeit vor den Inka zurück. Es dient der gerechten und nachhaltigen Verteilung von Wasser. 

    Foto: UNESCO/Ministry of Culture of Peru
  • Deutschland: Orgelbau und Orgelmusik prägen Musik und Instrumentenbau in Deutschland seit Jahrhunderten. Da jedes Instrument speziell für den Raum geschaffen wurde, in dem es gespielt wird, sind hochspezialisierte Kenntnisse und Fähigkeiten nötig.

    Foto: Sebastian Gollnow
  • Niederlande: Mühlen und das Müllerhandwerk nehmen in den Niederlanden eine bedeutende Rolle ein. Derzeit gibt es ungefähr vierzig hauptamtliche Müller in den Niederlanden, die das Handwerk gemeinsam mit ehrenamtlichen Arbeitern am Leben halten.

    Foto: Peter Dejong
  • Portugal: Das Handwerk der Tonfiguren in Estremoz ist stark mit der Region Alentejo verbunden. Die Figuren werden über mehrere Tage zusammengebaut, in einem Ofen gebrannt, bemalt und mit Lack überzogen.

    Foto: UNESCO/Município de Estremoz
  • Serbien: Bei dem traditionellen Volkstanz Kolo tanzen die Menschen in einem Kreis zu Musik zusammen. Er wird zu wichtigen Feierlichkeiten aufgeführt und erfüllt eine wichtige soziale Funktion. 

    Foto: UNESCO/Ethnographic Museum in Belgrade
  • Slowenien: Die "Tür-zu-Tür-Runden" der Kurent sind ein bedeutender Fastnachtsbrauch, bei dem die zotteligen wilden Gestalten laut der Legende alle böse Wintergeister verjagen. 

    Foto: UNESCO/Andrej Brence
  • Turkmenistan: Zu dem Kushtdepdi-Ritual gehört Poesie. Singen und Tanzen übermitteln gute Wünsche bei Zeremonien und Festen.

    Foto: UNESCO/Secretariat of the Turkmen National Commission for UNESCO
  • Vietnam: In Zentralvietnam bildet Bài Chòi eine vielfältige Kunst, die Musik, Poesie, Schauspiel, Malerei und Literatur miteinander verbindet.

    Foto: UNESCO/Vietnamese Institute for Musicology
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