„Das Orchester ist ja keine Herde“
Innenminister a. D. Otto Schily spricht über das Dirigieren

Das ist ungewöhnlich: Otto Schily dirigiert am 5. Januar in Borken ein Neujahrskonzert. Wie es dazu kommt, erläutert er im Interview ebenso wie Parallelen zwischen Musik und Politik.

Freitag, 15.12.2017, 14:12 Uhr

Kürzlich war er noch Ehrengast beim Parteitag der SPD in Berlin (kl. Foto unten) und demnächst tritt er als Dirigent beim Konzert in Borken auf: Innenminister a. D. Otto Schily verfügt über ungeahnte musikalische Fertigkeiten.
Kürzlich war er noch Ehrengast beim Parteitag der SPD in Berlin (kl. Foto unten) und demnächst tritt er als Dirigent beim Konzert in Borken auf: Innenminister a. D. Otto Schily verfügt über ungeahnte musikalische Fertigkeiten. Foto: dpa

Otto Schily , Mitbegründer der Grünen und ehemaliger Bundesinnenminister, erfüllt sich Anfang Januar in Borken einen Traum: Er dirigiert das Orchester der Musiklandschaft Westfalen. Über seine Leidenschaft, über Musik und Politik sprach er mit unserem Redaktionsmitglied Harald Suerland.

Als sich die Nachricht verbreitete, sie würden in Borken als Dirigent auftreten, waren wir alle sehr überrascht ...

Otto Schily: Für mich war es auch eine große Überraschung, dass Dirk Klapsing von der Musiklandschaft Westfalen mir diese Möglichkeit anbot. Borken passt natürlich sehr gut, weil meine Großmutter Julia Koppers-Schily dorther kommt – eine Malerin in einem klassischen Stil, die ich noch kennengelernt habe.

Welchen musikalischen Hintergrund haben Sie denn?

Schily: Ich bin in Bochum mit Musik aufgewachsen, meine Mutter war eine großartige Geigerin. Wir waren fünf Kinder und haben alle ein Instrument gelernt und Kammermusik gemacht. Ich selbst habe erst Geige gelernt, dann aber zum Cello gewechselt, das lag mir mehr. Mein Lehrer war der Solocellist der Bochumer Symphoniker, die ein sehr gutes Orchester sind. Und ich hatte eine sehr schöne Knabenstimme, so dass ich in Mozart- und Haydn-Messen mitsingen konnte.

Sie sollen jedoch gesagt haben, dass es zum Profi-Musiker nicht reichte?

Schily: Man soll sich ja nicht überschätzen. Für das Cello habe ich eigentlich auch zu kleine Hände, ich bräuchte ein Instrument mit kleinerer Mensur.

Und jetzt arbeiten Sie sich in die Partitur eines Mozart-Klavierkonzerts ein?

Schily: Ich habe ja schon zwei Mal dirigieren können, den langsamen Satz des A-Dur-Konzerts KV 488 sogar mit Justus Frantz am Klavier zu seinem 70. Geburtstag. Diesen Klavierpart würde ich zur Not auch spielen können – im Gegensatz zu den Allegro-Sätzen. Die Orchesterpartitur ist ja sehr gut überschaubar, es ist faszinierend, wie Mozart die Stimmen zusammengefügt hat. Dabei kann man aber auch ins Schleudern kommen. Das Schwierige sind die Tempowechsel – allerdings eher bei den anderen Stücken.

Sie dirigieren auch eine Rossini-Ouvertüre und Ungarische Tänze von Brahms?

Schily: Das Programm ist ja noch im Status nascendi. Tatsächlich liegen mir die Ungarischen Tänze mehr, sie sind etwas leichter zu dirigieren als etwa die Slawischen Tänze von Dvorak. Auch einen kleinen, traumhaft schönen Walzer von Schostakowitsch würde ich gern in das Programm aufnehmen. Das Adagio aus dem Mozart-Konzert, das man meiner Ansicht nach nicht zu langsam spielen sollte, ist eine der größten Kompositionen der Weltliteratur.(An dieser Stelle wird das Telefongespräch durch Störgeräusche unterbrochen, nach einer kurzen Unterbrechung geht es weiter).

Schily: Was war das denn, die NSA vielleicht? Dabei reden wir doch so harmlos!

Dann jetzt ein bisschen politischer: Was ist denn wohl schwerer zu führen, ein Orchester oder ein Ministerium?

Schily: Schwer zu sagen, es gibt durchaus Ähnlichkeiten: Das Zusammenspiel muss klappen, jeder muss auf den anderen hören, es kommt da wie dort auf den Teamgeist an ...

... aber einer ist der Chef?

Schily: Es gibt ja zwei Typen von Ministern: Der eine regiert, der andere wird regiert. Ich gehöre zu denen, die regiert haben.

Apropos: Es gibt den alten Spitznamen „Mister Staat“ für Sie als Innenminister. Mögen Sie den eigentlich?

Schily: Nein, nicht so gern. Ich bin eigentlich ein Liberaler. Aber ich bin auch ein Law-and-Order-Mann. Wir brauchen Recht und Gesetz, um frei zu sein.

Gibt es da auch die Parallele zum Musizieren? Der Dirigent Peter Gülke spricht von einem Innenraum, den der Dirigent einzäunt, damit es darin frei zugeht.

Schily: Das ist wohl so. Das Orchester spielt ja die Werke, der Dirigent fungiert als ein Geburtshelfer – das ist das Wunderbare. Aber das Wort „einzäunen“ gefällt mir nicht. Das Orchester ist ja keine Herde, die der Dirigent in einen Pferch zwängt.

Welche Dirigenten bewundern Sie denn?

Schily: Daniel Barenboim ist natürlich einer der Großen, Ennoch zu Guttenberg schätze ich sehr. Auch Justus Frantz. Die größten Dirigenten der Vergangenheit sind für mich Bruno Walter und Arturo Toscanini.

Mit dem Vater Enoch zu Guttenberg können Sie demnach mehr anfangen als mit seinem Sohn, dem ehemaligen Verteidigungsminister?

Schily: (lacht) Der Karl-Theodor ist eigentlich ein netter Kerl. Auf seinen Vater habe ich kürzlich noch eine Laudatio gehalten, mit ihm bin ich befreundet. Karl-Theodor zu Guttenberg hat damals Mist gebaut, und es wäre ein Fehler, sich jetzt von den USA aus mit guten Ratschlägen in die deutsche Politik einzumischen. Hätte er sich ein Jahr nach Indien zurückgezogen, um in Mutter Teresas Orden Gutes zu tun – dann könnte er jetzt als Kanzlerkandidat auftreten.

Mit welchen Gefühlen verfolgen Sie das derzeitige Ringen um eine neue Bundesregierung?

Schily: Das ist alles nicht erfreulich. Meiner Partei, der SPD, würde ich empfehlen, all ihre Positionen zu überprüfen, sei es zur Energiewende, zur Migrationsfrage, zur Steuerpolitik ... Eigentlich bräuchte sie ein zweites Godesberger Programm, sie müsste sich die Zeit nehmen. Andererseits erwartet man von ihr, auch aus europäischer Perspektive, staatspolitische Verantwortung. Aber ich bin ja nicht mehr so eng dabei ...

Sondern machen Musik?

Schily: Ich bin ja noch in der Wirtschaftsförderung tätig, anwaltlich so gut wie nicht mehr. Zuhause spiele ich oft Klavier, von Bach über Chopin bis Debussy. mitunter Mendelssohn, wenn es technisch nicht zu anspruchsvoll ist. Kürzlich hat mir ein Freund die Klavierversion von Haydns „Letzten sieben Worten des Erlösers“ empfohlen. Und auf das Konzert in Borken bereite ich mich intensiv vor. Ich muss dem Orchester ja auch vermitteln, dass ich es ernst meine und nicht so ein Hanswurst da vorne bin. Lampenfieber habe ich. Aber ich werde schon den Kontakt finden.

Zum Thema

Informationen auf der Homepage und Vorverkauf unter Ticket-Hotline: 0 28 61 / 70 38 586   | www.musiklandschaft westfalen.de

...
Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5360515?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F201%2F
Nachrichten-Ticker