Die Ära des Dirigenten als Diktator am Pult scheint der Vergangenheit anzugehören
Despoten-Dämmerung

Berlin/Münster -

Die Bescheidenheit gehört inzwischen zum guten Ton. Wenn Dirigenten nach vollbrachter Arbeit den Applaus in Empfang nehmen, steigen sie meist vom Podium herab und reihen sich in das Orchester ein. Der Maes­tro auf Augenhöhe mit seinen Musikern. Das war nicht immer so. Sehr lange im 19. und 20. Jahrhundert verstanden sich Dirigenten als höher stehende Wesen und Sachwalter der Musen – nicht immer mit den besten Manieren. Dass es in Proben zu mehr oder weniger kleinen Tobsuchtsanfällen am Pult kam, wissen viele Musiker zu berichten.

Donnerstag, 21.12.2017, 20:12 Uhr

Sir Simon Rattle (gr. Bild) und Herbert Blom­stedt (unten) sind die freundlichen Pultstars. Christian Thielemann (l.) und der verstorbene Sergiu Celibidache gelten eher als autoritär.
Sir Simon Rattle (gr. Bild) und Herbert Blom­stedt (unten) sind die freundlichen Pultstars. Christian Thielemann (l.) und der verstorbene Sergiu Celibidache gelten eher als autoritär. Foto: dpa

Von Sergiu Celibidache (1912-1996) ist der Satz überliefert: „Jeder Dirigent ist ein verkappter Diktator, der sich glücklicherweise mit der Musik begnügt.“ Er lässt erahnen, wie sich Vertreter der Zunft zumindest zeitweise selbst sehen. Dabei ist der Umgang mit den Orchestermusikern keine Frage des Alters, auch wenn Dirigenten manchmal erst am Ende ihrer Karriere Milde ausstrahlen. Sie ist eher eine Typ-Frage. Maestros wie der Schwede Herbert Blomstedt verstanden sich schon immer als Kollegen der Musiker.

In der Staatskapelle Dresden erinnern sich viele noch heute an die große Amerika-Tournee 1979 mit dem damals 52 Jahre alten Blom­stedt. Wochenlang fuhr man durch das Land. „Er kümmerte sich um Kollegen. Er besuchte sie im Krankenhaus, er dolmetschte, er hat sogar für ältere Kollegen den Koffer getragen“, berichtet der Cellist Bernward Gruner. Blomstedt wiederum räumt sogar als 90-Jähriger noch Selbstzweifel im Umgang mit Musikern ein: „Ich habe mir stets die Frage gestellt, ob ich gut genug bin, um ein Orchester anzuführen.“

Solche Bescheidenheit mag eine Ausnahme in der Branche sein. Aber auch andere Grandseigneurs der Dirigentenzunft zogen einen freundlichen Umgang mit ihren Orchestern vor. „Es ist ganz unnötig, bei den Proben zu schreien. Ich brauche alle Energie für das Konzert“, sagte der Brite Sir Colin Davis (1927-2013). Schließlich bringe es nichts, wenn Musiker aus Furcht vor dem Dirigenten spielten.

Solche Bedenken teilen durchaus nicht alle berühmten Dirigenten. Unter Karl Böhm etwa spielten viele Musiker durchaus mit Angst – wer dem alten Probenmitschnitt des „Tristan“ von den Bayreuther Festspielen hört, der kann den Maestro fauchen hören. Legenden wie Hans von Bülow, Fritz Reiner oder der jähzornige Arturo Toscanini waren gefürchtet, an ihnen gemessen muss selbst Herbert von Karajan ein milder Herrscher gewesen sein. Auf der anderen Seite gab es stets freundliche Gestalten wie Bruno Walter oder den vor Hingabe überschäumenden Leonard Bernstein, der am liebsten alle Musiker umarmt hätte.

Dirigenten befinden sich in einer Zwickmühle. Sie müssen „Chef sein“, Autorität ausstrahlen und dennoch einen Draht zu den Frauen und Männern auf der Bühne oder im Orchestergraben finden. Antonello Manacorda, Chef des niederländischen Het Gelders Orkest, sieht darin keinen Widerspruch: „Autorität hat nichts mit Diktatur zu tun.“ Ein Orchester müsse seine eigene Persönlichkeit behalten dürfen: „Wenn es lange unter einem Diktator spielt, hat es keine mehr. So etwas ist mir auch schon begegnet.“ Andererseits verlangen die Orchestermusiker schon, dass derjenige am Pult weiß, was er künstlerisch will und wie er es erreicht. „Als Abbado uns allen anbot, ihn einfach Claudio zu nennen, fand ich das etwas gekünstelt“, erzählte einmal ein Hornist der Berliner Philharmoniker – man habe doch gar nicht das Bedürfnis, miteinander befreundet zu sein. Im Zweifelsfall duldete Abbado auch keinen Widerspruch. Wenn hingegen ein Kumpel-Typ wie Sir Simon Rattle Chef ist, wird er für das Orchester ohne große Ansage zu „Simon“. Einem Christian Thielemann aber sagt man nach, dass er an seiner Führungsposition keine Zweifel duldet.

Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) verweist darauf, dass die Pultstars nicht nur sauber dirigieren, sondern auch führen müssen: „Da gibt es viele Konfliktfelder. Wenn der Dirigent etwas gegen die Mehrheit eines Orchesters durchsetzen will, ist das ein handfester Konflikt. Künstlerisch muss er kompromisslos sein, menschlich aber kompromissbereit.“

Die Frage sei auch, wie gut Dirigenten auf die Führungsrolle vorbereitet werden: „Heute muss ein Dirigent beispielsweise auch mit einem Politiker gut reden können. Ein Daniel Barenboim beherrscht das par excellence. Aber selbst Dirigenten in kleineren Städten müssen mal mit dem Bürgermeister, dem Chef des Kulturausschusses, dem Freundeskreis oder der Presse reden und dann das entsprechende Standing haben.“

Immer mal kommen der DOV Mobbing-Fälle zu Ohren. Mertens kennt den eines prominenten Maestros, der einer Harfenistin mit den Worten „Ich mach‘ sie fertig!“ drohte. Dennoch hält er die Tage der Patriarchen für gezählt. Die jungen Musiker würden inzwischen mit einem anderen Selbstbewusstsein die Hochschulen verlassen. Und auch die jungen Dirigenten seien aus anderem Holz geschnitzt: „Da ist ein neuer Spirit.“

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