Experten-Jury hat entschieden
Das «Unwort des Jahres» 2017 heißt «alternative Fakten»

«Jamaika-Aus» wurde das Wort des Jahres. Das «Unwort des Jahres» 2017 besteht aus zwei Wörtern: «alternative Fakten». Die sprachkritische Jury rügte auch noch zwei andere Begriffe.

Dienstag, 16.01.2018, 12:06 Uhr aktualisiert: 16.01.2018, 12:42 Uhr
«Alternative Fakten» ist zum «Unwort des Jahres» gekürt worden.
«Alternative Fakten» ist zum «Unwort des Jahres» gekürt worden. Foto: Andreas Arnold

Darmstadt (dpa) - Der Begriff «alternative Fakten» ist das «Unwort des Jahres» 2017. «Die Bezeichnung ist der verschleiernde und irreführende Ausdruck für den Versuch, Falschbehauptungen als legitimes Mittel der öffentlichen Auseinandersetzung salonfähig zu machen.»

Das sagte die Jury-Sprecherin, Linguistik-Professorin Nina Janich , in Darmstadt. Der Ausdruck geht auf Donald Trumps Beraterin Kellyanne Conway zurück.

Trump-Beraterin Conway prägte den Begriff

Die Juroren rügten zudem den Begriff «Shuttle Service» im Zusammenhang mit Seenotrettungseinsätzen von Nichtregierungsorganisationen im Mittelmeer für Menschen, die in Schlauchbooten flüchten. Der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Stephan Mayer, habe den Begriff benutzt. Nach Auffassung der Jury steht er «stellvertretend für Tendenzen im öffentlichen Sprachgebrauch, die Grenzen des Sagbaren in eine menschenverachtende, polemisch-zynische Richtung zu verschieben».

Die Unwörter des Jahres

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  • Das „Unwort des Jahres“ 2019 heißt „Klimahysterie“.

    Foto: dpa
  • Sie sind ehrverletzend, diskriminierend, entsprechen nicht den Prinzipien der Menschenwürde und Demokratie: Seit 1991 kürt eine ehrenamtlich und institutionell unabhängige Jury die „Unwörter des Jahres”. Ein Überblick über die „Gewinner” der letzten Jahre.

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  • 2018 wurde „Anti-Abschiebe-Industrie“ zum „Unwort des Jahres“ gekürt. Der Chef der CSU-Abgeordneten im Bundestag, Alexander Dobrindt, hatte den Begriff geprägt.

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  • „Alternative Fakten” ist das Unwort des Jahres 2017. Kellyanne Conway, Beraterin von US-Präsident Trump, hatte mit dieser Formulierung die falsche Tatsachenbehauptung bezeichnet, zur Amtseinführung des US-Präsidenten seien so viele Feiernde auf der Straße gewesen wie nie zuvor bei entsprechender Gelegenheit.

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  • Im Jahr 2016 kürten Sprachwissenschaftler den Begriff „Volksverräter“ zum Unwort des Jahres, mit dem rechte Pöbler oft Politiker beschimpften. Als Sigmar Gabriel im August 2016 das niedersächsische Salzgitter besuchte, brüllten ihm rechte Demonstranten vor „Volksverräter“ entgegen. Gabriel zeigte ihnen daraufhin den Stinkefinger.

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  • „Gutmensch“ wurde 2015 zum Unwort des Jahres gewählt. Als „Gutmenschen“ wurden insbesondere diejenigen beschimpft, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagierten. Mit dem Vorwurf „Gutmensch“, „Gutbürger“ oder „Gutmenschentum“ werden Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom diffamiert.

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  • Das Wort „war bereits im Ersten Weltkrieg ein zentraler Kampfbegriff und diente auch den Nationalsozialisten zur pauschalen Diffamierung unabhängiger Medien“, begründete die Jury 2014 ihre Entscheidung, den Begriff „Lügenpresse” zum Unwort des Jahres zu machen. Das Schlagwort, das bereits Anfang des 20. Jahrhunderts entstand, aber auch von den Nationalsozialisten im „Dritten Reich“ benutzt wurde, skandierten besonders oft Pegida- und Afd-Anhänger.

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  • Mitten in der Debatte über Zuwanderung ist der Begriff „Sozialtourismus” zum „Unwort des Jahres 2013” gewählt worden. Der Ausdruck „diskriminiert Menschen, die aus purer Not in Deutschland eine bessere Zukunft suchen, und verschleiert ihr prinzipielles Recht hierzu”, erläuterte die Jury-Vorsitzende Nina Janich.

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  • 2012 wurde der Ausdruck „Opfer-Abo“ zum Unwort des Jahres gekürt. Jörg Kachelmann äußerte anderthalb Jahre nach seinem Freispruch im Kachelmann-Prozess die Ansicht, dass Frauen in der Gesellschaft ein „Opfer-Abo“ hätten. Die Wortschöpfung selbst stammt von seiner Frau. Die Jury kritisierte den Begriff dafür, dass er Frauen „pauschal und in inakzeptabler Weise“ unter den Verdacht stelle, sexuelle Gewalt zu erfinden und damit selbst Täter zu sein.

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  • 2011 ernannten Sprachwissenschaftler den Ausdruck „Döner-Morde“ zum Unwort des Jahres. Der Ausdruck stehe prototypisch dafür, dass die politische Dimension der NSU-Mordserie, wegen der Beate Zschäpe (M.) angeklagt ist, jahrelang verkannt oder willentlich ignoriert wurde. Durch die Reduktion auf ein Imbissgericht würden die Opfer der Morde in höchstem Maße diskriminiert und ganze Bevölkerungsschichten aufgrund ihrer Herkunft ausgegrenzt, so die Argumentation der Jury.

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  • „Alternativlos” ist das Unwort des Jahres 2010. Die Begründung der Jury: „Das Wort suggeriert sachlich unangemessen, dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe. Behauptungen dieser Art sind 2010 zu oft aufgestellt worden, sie drohen, die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung zu verstärken.”

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  • „Betriebsratsverseucht” ist das Unwort des Jahres 2009. Jury: „In der Sendung „Monitor“ (ARD 14.5.2009) berichtete ein Mitarbeiter einer Baumarktkette, dass dieses Wort von Abteilungsleitern verwendet wird, wenn ein Mitarbeiter von einer Filiale mit Betriebsrat in eine Filiale ohne Betriebsrat wechseln will. Dort könnte ihm vorgehalten werden, dass sein bisheriges Vertrauen in eine Arbeitnehmervertretung die Einstellung gefährde. Die Wahrnehmung von Arbeitnehmerinteressen „stört“ zwar viele Unternehmen, sie als „Seuche“ zu bezeichnen, ist indes ein zumindest sprachlicher Tiefpunkt im Umgang mit Lohnabhängigen.”

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  • Ganz im Zeichen der Finanzkrise stand das Unwort des Jahres in 2008. Der Ausdruck „notleidende Banken“ stelle das Verhältnis von Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise auf den Kopf, so die Begründung zur Wahl. Während die Volkswirtschaften in ärgste Bedrängnis geraten seien und die Steuerzahler Milliardenkredite mittragen müssten, würden die Banken, durch deren Finanzpolitik die Krise verursacht worden sei, zu Opfern stilisiert.

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  • Zum Unwort des Jahres 2007 ist „Herdprämie“ gewählt worden. Die Jury kritisiert, das Wort diffamiere Eltern, insbesondere Frauen, die ihre Kinder zu Hause erziehen, anstatt einen Krippenplatz in Anspruch zu nehmen. „Inzwischen gibt es ein ganzes Wortfeld, das die Diffamierungsabsicht ebenfalls deutlich werden lässt. Dazu gehören u.a. die Varianten 'Aufzuchtprämie', 'Gluckengehalt' und 'Schnapsgeld'.”

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  • Zum Unwort des Jahres 2006 ist der Begriff „freiwillige Ausreise gewählt worden. Die Jury: „Freiwillige Ausreise ist nach Meinung der Unwort-Jury eins der leider zahlreichen Unwörter im Zusammenhang mit der Behandlung von Asylbewerbern (z.B. die Unwörter von 1992 bzw. 2002 aufenthaltsbeendende Maßnahmen im Grundgesetz Art. 16a und Ausreisezentrum für Abschiebehaftanstalten oder die Behördenformulierung kindgerechte Abschiebung). Freiwillige Ausreise meint in Abgrenzung zum amtlichen Begriff Abschiebung, der Zwangsmaßnahmen beinhaltet, die Konsequenz aus der „intensiven Beratung“ abgelehnter Asylbewerber in den sog. Ausreisezentren, die Bundesrepublik doch lieber von selbst wieder zu verlassen. Die Freiwilligkeit einer solchen Ausreise darf in vielen Fällen bezweifelt werden.”

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  • Für 2005 entschied sich die Unwort-Jury für den betriebswirtschaftlichen Begriff Entlassungsproduktivität. Die Jury: „Dieses Wort meint eine gleichbleibende, wenn nicht gar gesteigerte Arbeits- und Produktionsleistung, nachdem zuvor zahlreiche für „überflüssig“ gehaltene Mitarbeiter entlassen wurden. Es verschleiert damit die meist übermäßige Mehrbelastung derjenigen, die ihren Arbeitsplatz noch behalten konnten, was oft auch mit dem ebenfalls beschönigenden Wort von der 'Arbeitsverdichtung' umschrieben wird. Aber auch die volkswirtschaftlich schädlichen Folgen der personellen Einsparung, die Finanzierung der Arbeitslosigkeit, werden mit diesem Terminus schamhaft verschwiegen.”

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  • Für 2004 entschied sich die Unwort-Jury für den Begriff „Humankapital”. Jury: „Der Gebrauch dieses Wortes aus der Wirtschaftsfachsprache breitet sich zunehmend auch in nichtfachlichen Bereichen aus und fördert damit die primär ökonomische Bewertung aller denkbaren Lebensbezüge, wovon auch die aktuelle Politik immer mehr beeinflusst wird. Humankapital degradiert nicht nur Arbeitskräfte in Betrieben, sondern Menschen überhaupt zu nur noch ökonomisch interessanten Größen. Bereits 1998 hat die Jury Humankapital als Umschreibung für die Aufzucht von Kindern gerügt. Aktueller Anlass ist die Aufnahme des Begriffs in eine offizielle Erklärung der EU, die damit die 'Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie das Wissen, das in Personen verkörpert ist', definiert (August 2004).”

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  • Zum Unwort des Jahres 2003 ist der Begriff „Tätervolk” gewählt worden. Jury: „Anlass der Kritik war der Gebrauch dieses Wortes in der umstrittenen Rede des Bundestagsabgeordneten Hohmann. Dieser Begriff ist schon grundsätzlich verwerflich, da er jeweils ohne jede Ausnahme ein ganzes Volk für die Untaten kleinerer oder größerer Tätergruppen verantwortlich macht, also den Vorwurf einer Kollektivschuld erhebt. Die Verbindung dieses Begriffs mit „den“ Juden zumal ist ein aktueller Beleg für den immer noch wirkenden Antisemitismus. Bereits im religiösen, antijudaistischen Ursprung dieser Einstellung wurde das Volk der Juden kollektiv für den Tod Jesu Christi verantwortlich gemacht und sogar als 'Gottesmörder' gebrandmarkt.”

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  • Zum Unwort des Jahres 2002 ist der Terminus „Ich-AG” aus dem „Hartz-Papier“ gewählt worden. Jury: „Diese Wortbildung leidet bereits sachlich unter lächerlicher Unlogik, da ein Individuum keine Aktiengesellschaft sein kann. Selbst als ironisches Bild ist das Wort nicht hinzunehmen, da sich die aktuelle Arbeitslosigkeit mit solcher Art von Humor kaum noch verträgt. Ausschlaggebend für die Wahl war aber die Herabstufung von menschlichen Schicksalen auf ein sprachliches Börsenniveau. IchAG ist damit einer der zunehmenden Belege, schwierige soziale und sozialpolitische Sachverhalte mit sprachlicher Kosmetik schönzureden.”

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  • 2001 hieß das Unwort „Gotteskrieger“. Es diente als Selbst- und Fremdbezeichnung für Taliban und al-Qaida-Terroristen. In der Begründung der Jury hieß es damals: „Kein Glaube an einen Gott, gleich welcher Religion, kann einen Krieg oder gar Terroranschläge rechtfertigen.“

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Außerdem prangerten die Sprachwissenschaftler die Formulierung «Genderwahn» an. Mit diesem Ausdruck würden in konservativen bis rechtspopulistischen Kreisen zunehmend Bemühungen um Geschlechtergerechtigkeit in undifferenzierter Weise diffamiert.

Mit der Formulierung «alternative Fakten» hatte Trump-Beraterin Conway die falsche Tatsachenbehauptung bezeichnet, zur Amtseinführung des US-Präsidenten Anfang 2017 seien so viele Feiernde auf der Straße gewesen wie nie zuvor bei entsprechender Gelegenheit. Conway hatte am 22. Januar in einer NBC-News-Sendung auf die Frage, warum Spicer «widerlegbare falsche» Angaben zu den Zuschauerzahlen bei der Trump-Vereidigung gemacht habe, gesagt: «Sie sagen, dass es eine falsche Behauptung ist, und Sean Spicer, unser Pressesprecher, hat alternative Fakten dazu vorgelegt.»

«Der Ausdruck ist seitdem aber auch in Deutschland zum Synonym und Sinnbild für eine der besorgniserregendsten Tendenzen im öffentlichen Sprachgebrauch, vor allem auch in den sozialen Medien, geworden», sagte Janich. Er stehe «für die sich ausbreitende Praxis, den Austausch von Argumenten auf Faktenbasis durch nicht belegbare Behauptungen zu ersetzen». Der Ausdruck war 65 Mal vorgeschlagen worden.

684 Vorschläge eingegangen

Die sechsköpfige Experten-Jury hat das «Unwort des Jahres» und die beiden anderen Unwörter aus 684 verschiedenen Vorschlägen ausgesucht. Nur etwa 80 bis 90 dieser Vorschläge entsprachen den Kriterien der sprachkritischen Aktion, wie Janich sagte. Daraus habe die Fachjury knapp 20 Wörter in die engere Wahl gezogen. Insgesamt wurden 1316 Einsendungen per Brief oder Mail gezählt. Zudem erhielt das diesjährige Jury-Mitglied Barbara, eine mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete anonyme Street-Art-Künstlerin - etwa 3500 Beiträge zu möglichen Unwörtern über die sozialen Netzwerke.

Zum «Unwort des Jahres» wird seit 1991 jedes Jahr ein Begriff gekürt, der gegen das «Prinzip der Menschenwürde» oder gegen «Prinzipien der Demokratie» verstößt, weil er einzelne gesellschaftliche Gruppen diskriminiere oder «euphemistisch, verschleiernd oder gar irreführend» sei. 2016 war die Wahl auf «Volksverräter» gefallen, 2015 auf «Gutmensch».

Ziel der sprachkritischen Aktion ist es, auf öffentliche Formen des Sprachgebrauchs aufmerksam zu machen und dadurch das Bewusstsein und die Sensibilität für Sprache zu fördern. Die Jury wählt Formulierungen aus der öffentlichen Kommunikation, die gegen sachliche Angemessenheit oder die Humanität verstoßen. Die Wörter sollen zudem eine «gewisse Aktualität» haben und der Kontext, in denen sie gefallen sind, muss belegt sein.

 

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