68. Berlinale: Der deutsche Beitrag „Transit“ ist ein gutes Filmstück
Sperriges, Sprödes und Preiswürdiges

Berlin -

Dass es so etwas wie feste Identitäten oder abriegelbare Heimaten gibt, diese Vorstellung warf Anna Seghers’ Exilroman „Transit“ (1944) über Bord. Christian Petzold („Phoenix“), wichtigster Regisseur der „Berliner Schule“, hat ihn nun zur Grundlage seines neuen Films gemacht. Ein kluger Film auf der Berlinale.

Sonntag, 18.02.2018, 16:02 Uhr

Paula Beer und Franz Rogowski in einer Szene des Films „Transit“. Der deutsche Beitrag lief am Wochenende im Wettbewerb der Berlinale 2018 und weiß für sich einzunehmen.
Paula Beer und Franz Rogowski in einer Szene des Films „Transit“. Der deutsche Beitrag lief am Wochenende im Wettbewerb der Berlinale 2018 und weiß für sich einzunehmen. Foto: dpa

Die Nazis besetzen Paris, ein Mann ( Franz Rogowski ) kann im Zug gerade noch so nach Marseille entkommen. Per Zufall kann er sich die Identität eines verstorbenen Schriftstellers aneignen. Während er in der Hafenstadt auf eine mögliche Ausreise per Dampfer nach Mexiko wartet und dabei anderen Flüchtlingen begegnet (darunter Justus von Dóhnanyi), verliebt er sich in die Frau (Paula Beer) des Toten.

Dass es so etwas wie feste Identitäten oder abriegelbare Heimaten gibt, diese Vorstellung warf Anna Seghers’ Exilroman „Transit“ (1944) über Bord. Christian Petzold („Phoenix“), wichtigster Regisseur der „Berliner Schule“, hat ihn nun zur Grundlage seines neuen Films gemacht. Dabei nutzt der erste deutsche Beitrag im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb einen effektiven Kunstgriff, um Seghers’ Fluchtgeschichte auf das heutige Europa anzuwenden, das sich immer mehr abschottet: Er lässt den Film im Marseille von 2017 spielen. Keine historischen Uniformen, sondern moderne Polizeiautos und Verweise auf Borussia Dortmund rücken das Geschehen erschreckend nah ans Jetzt. Petzolds spröden Inszenierungsstil muss man natürlich mögen – aber wenn man das tut, erweist sich „Transit“ schnell als bislang klügster Beitrag des deutschen Kinos zur Flüchtlingsthematik.

Spröde ist auch „Damsel“, ein Anti-Western, mit dem die US-Regiebrüder David und Nathan Zellner die Stars Robert Pattinson und Mia Wasikowska an den Potsdamer Platz holten. Pattinson kaspert darin als Gegenentwurf zum altbewährten Cowboy in Begleitung eines Zwergponys durch die Prärie, um seine Verlobte zurückzuholen – die aber nichts von ihm wissen will. Mit seinen plötzlichen Gewalt- und Slapstick-Ausbrüchen kam der Film eher mittelgut an, was auch für „Eva“ von Benoît Jacquot gilt, die überflüssige Neuverfilmung eines Romans von James Hadley Chase, den Joseph Losey 1962 mit Jeanne Moreau in Szene setzte. Diesmal spielt eine kalkweiß gepuderte Isabelle Huppert die titelgebende Edelprostituierte, die den Protagonisten um den falschen Finger wickelt.

Ansonsten hat das Rennen um den Goldenen Bären bislang vor allem sperrige Festivalkost zu bieten: ein mürrisches lesbisches Paar im vorgerückten Alter, das aus Finanznot sein Tafelsilber verkaufen muss („Die Erbinnen“ aus Paraguay) oder eine ältliche Hausbesitzerin, die die Bewohner ihres ererbten Wohnkomplexes warmentmietet („The Real Estate“ aus Schweden).

Als Bärenkandidat brachte sich dagegen durchaus das russische Biopic „Dovlatov“ über den gleichnamigen sowjetischen Schriftsteller in Stellung. Regisseur Alexei German nimmt sieben exemplarische Tage im November 1971, um in kunstvollen langen Einstellungen jene Schikanen vorzuführen, die kritischen Autoren in der Breschnew-Ära blühten. Auch für einen Preis vorzumerken: „Das Gebet“ von Cédric Kahn. In dem konzen­trierten Drama mausert sich ein renitenter Junkie in der Obhut einer christlichen Arbeitsgemeinschaft in den französischen Alpen zum verantwortungsvollen Menschen. Fast ein Märchen. 

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