Ministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen im Gespräch
„Westfalen kommt nicht zu kurz“

Düsseldorf -

Selbstbewusst die eigene Leistung zeigen statt Neidgefühle für die Kulturszene Rhein und Ruhr zu hegen: NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen hält die kulturelle Vielfalt Westfalens für konkurrenzfähig, sagt sie im Gespräch mit unserem Korrespondenten Hilmar Riemenschneider. Allein ins Münsterland überwies das Land 2017 rund 838 000 Euro regionale Kulturmittel.

Montag, 30.04.2018, 16:04 Uhr

Isabel Pfeiffer-Poensgen findet, dass die Westfalen stolz auf ihre Kultur sein können und das auch entsprechend ausstrahlen sollten.
Isabel Pfeiffer-Poensgen findet, dass die Westfalen stolz auf ihre Kultur sein können und das auch entsprechend ausstrahlen sollten. Foto: dpa

Frau Pfeiffer-Poensgen, Sie sind als parteilose Expertin in die Politik gekommen. Bereuen oder bejubeln Sie den Schritt?

Pfeiffer-Poensgen: Ich bereue ihn auf keinen Fall. Bejubeln – das wird sich noch zeigen. Nach einem Dreivierteljahr hat man die Welt noch nicht neu gestaltet, man ist eher in einer Zwischenphase: Man muss die Informationen strukturieren und erkennen, wo es Gestaltungsbedarf gibt. In einzelnen Bereichen wie den Theatern und Orchestern bin ich da schon weiter.

Was kennen Sie von Westfalen?

Pfeiffer-Poensgen: Ich bin schon in meinem früheren Leben vor der Berufung zur Ministerin oft in Westfalen gewesen. Ich plane gerade für die kommenden Wochen Begegnungen mit Kulturschaffenden, auch in Westfalen. Einige Orte wie die Skulptur Projekte in Münster aber zum Beispiel auch die Abtei Liesborn habe ich schon besucht. Es gibt viele weitere Anlässe wie beispielsweise die Residenzprogramme für Autoren auf Burg Hülshoff und das Künstlerdorf Schöppingen aber auch die , die Westfälische Kulturkonferenz, die mich nach Westfalen führen.

Wie bewerten Sie das kulturelle Profil Westfalens?

Pfeiffer-Poensgen: Es gibt da viele herausragende Elemente. Ich finde es schwierig, das allgemein für Westfalen oder auch das Rheinland zu benennen. Auch Westfalen hat unterschiedliche Regionen und ein entsprechend diverses Profil. Bürgerlich geprägte Städte wie Münster strahlen mit großen Museen, das Landesmuseum genauso wie beispielsweise das von mir hoch geschätzte Museum für Lackkunst, das tolle Schätze und eine bundesweit einzigartige Stellung hat. Und auf der anderen Seite findet sich ein großer ländlicher Raum, wo sie auf die Abtei Liesborn, die Burg Hülshoff oder auf Festivals wie summerwinds oder das Projekt Tanz OWL stoßen. Die Region ist sehr unterschiedlich geprägt.

Gegenüber Rheinland und Ruhrgebiet fühlen sich die Kulturträger in Westfalen immer wieder zurückgesetzt. Sie finden sich im Kulturbericht, den jüngsten hatten Sie ja noch nicht zu verantworten, unter ferner liefen. Östlich und nördlich von Dortmund ist Diaspora. Woran liegt das?

Pfeiffer-Poensgen: Das würden andere Regionen genauso sehen. Ab 1999 war ich sechs Jahre in Aachen, dort klang das ständige Mantra: Alle Kulturmittel fließen ins Ruhrgebiet. Diese Befindlichkeiten zwischen den einzelnen Regionen gab es immer schon so. Die meisten Mittel aus dem Förderprogramm Regionale Kulturpolitik erhalten aber gerade die Regionen, die sich am lautesten beklagen: das Münsterland, Ostwestfalen-Lippe und die Region Aachen.

Die Wahrnehmung – wir strampeln uns hier ab, aber in Düsseldorf nimmt das niemand wahr - kennen Sie also?

Pfeiffer-Poensgen: Ja! Aber, und das möchte ich noch einmal mit Nachdruck sagen: Ich nehme das wahr. Der Eindruck stimmt so einfach nicht. Nehmen Sie die tolle Kunsthalle in Bielefeld in dem einzigartigen Philip-Johnson-Bau, das strahlt weit über Nordrhein-Westfalen hinaus. Nicht anders Siegen mit dem prägenden Areal von Uni und Museum, einer großartigen Sammlung und dem international beachteten Rubenspreis. Der Anbau von Volker Staab ans Landesmuseum in Münster ist auf der Höhe der Zeit. Der Landschaftsverband ist ein großer Player. Ich weiß, dass die Westfalen selbstbewusst sind, das könnten sie allerdings ruhig noch stärker ausstrahlen. Und sich nicht daran abarbeiten, dass sie zu kurz gekommen oder weniger bedeutend wären. Ich verstehe nicht, warum man nicht erhobenen Hauptes sagt, wir machen hier erstklassige Arbeit.

Es gibt eine Studie des Landes, die für alle Kunstfelder die Schwerpunkte an Rhein und Ruhr verortete – bis auf die Literatur...

Pfeiffer-Poensgen: Das Land ist doch viel zu groß, als dass es für jeden Bereich immer nur einen Schwerpunkt hat. Man muss immer sehen, wo entsteht etwas, das man unterstützen kann. Das gilt für Wissenschaft wie für Kunst. In Dortmund ist die Akademie für Theater und Digitalität entstanden, so etwas entwickelt eine ganz eigene Dynamik, die Bund und Land gerne unterstützen. Ich bin schon seit meiner Zeit bei der Kulturstiftung der Länder mit den Plänen eines Literaturzentrums auf Burg Hülshoff befasst. Auch wenn so etwas viel Zeit braucht, es entfacht eine Langzeitwirkung.

Es gibt die Regionale, in OWL gibt es das Programm Wege ins Land – das sind Kleinode, keine Leuchttürme...

Pfeiffer-Poensgen: Das stimmt so nicht! Das Literatur- und Musikfest beispielsweise hat so viel Schönes zu bieten, das auf dem Land besser funktioniert als in jeder Metropole. Es ist ein wunderbares Konzept, zu dem mir leider oft die Zeit gefehlt hat. Programme wie diese stehen für die Identifikation mit einem Ort.

Wohin wollen Sie Ihre Rundreise unternehmen?

Pfeiffer-Poensgen: Stadt und Land. Es geht mir um Orte, wo man die Situation verbessern kann. Meine Aufgabe ist nicht, immer neue Museen zu eröffnen. Hier in Nordrhein-Westfalen ist eine Stabilisierung der Struktur wichtig, weil das Land bisher nicht so viel Geld dafür ausgegeben hat. Die 100 Millionen Euro, die wir jetzt mehr zur Verfügung stellen, sind toll. Aber es darf da noch nicht zu Ende sein, weil wir von einem ziemlich niedrigen Niveau ausgehen.

Warum leistet sich NRW keine Staatstheater?

Pfeiffer-Poensgen: Ich halte die Diskussion für nicht sinnvoll. Wir haben als Land zwar ein eigenes Museum – die Kunstsammlung. Und zur Hälfte ein Schauspielhaus in Düsseldorf. Aber Nordrhein-Westfalen ist ein kommunal und sehr stark bürgerschaftlich geprägtes Land, etwas Feudales wie ein Staatstheater passt nicht zu uns. Ich halte es für sinnvoller, die Strukturen abzusichern. Bei der Theater- und Orchesterförderung wollen wir zum Beispiel etwas Wettbewerb einbringen, damit sich die Häuser in bestimmten Bereichen profilieren können.

Ist das auch ein Signal an die freie Szene?

Pfeiffer-Poensgen: Absolut. Die freie Szene kommt nach den Orchestern und Theatern als Nächstes dran. Wir bereiten das bereits vor, im Sommer bringen wir unsere Überlegungen in die Gremien. Auch das will ich nicht nach dem Gießkannenprinzip, sondern systematisch umsetzen.

In Münster gab es vor zehn Jahren einen Volksentscheid gegen eine Musikhalle vor dem Schloss, jetzt gibt es einen neuen Anlauf für ein Konzerthaus. Diskutiert wird der Musikcampus an der Uni oder ein eigener Bau in der Innenstadt: Was präferieren Sie als Kulturpolitikerin?

Pfeiffer-Poensgen: Nach der Eröffnung der Elbphilharmonie haben wir noch einmal gesehen, welche Chance in einem guten Ort für Musik steckt. Ich kenne die Idee mit der Uni in Münster, aber nicht alle für den Bau diskutierten Örtlichkeiten. Das Entscheidende ist, dass man vorher ein Konzept hat, wie man eine solche Halle nutzen und wie man sie bespielen will. Der Ort ist nicht sekundär, aber die Nutzung ist das, was die Verankerung in der Bevölkerung bestimmt. Es ist eine konzeptionelle Aufgabe, dass man eine Halle auch tagsüber in ein städtisches kulturelles Leben einbindet.

Sie würden empfehlen, groß zu denken?

Pfeiffer-Poensgen: Aber nicht zu groß. Wenn man andere kulturelle Nutzungen mit einbezieht wie etwa eine Musikhochschule oder Musikschule, wird so ein Haus stärker angenommen. Die Größe muss aber natürlich passen, damit eine Stadt wie Münster sie auch füllen kann. Unverzichtbar ist eine erstklassige Architektur. Es muss nichts Ikonisches werden, aber es muss eine für die musikalische Nutzung sehr geeignete Architektur sein. Ich kenne die Fälle, wo man alles Mögliche, also Kongresse und Musik – auch Popkonzerte - unterbringen wollte: Das funktioniert akustisch überhaupt nicht trotz aller modernen Möglichkeiten. Wort und Musik passen akustisch nicht zusammen. Deshalb muss es eine Musikhalle sein.

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