Grigory Sokolov bot grandioses Meisterkonzert-Finale im H1
Ein halbes Dutzend Zugaben

Münster -

Der große Hörsaal ist in Dämmerlicht getaucht und voll besetzt; eine knisternde Spannung liegt über dem langen Moment, bevor Grigory Sokolov das Podium betritt. Denn es ist ein besonderer Abend: Das letzte Konzert der Schoneberg-Ära im H1. Und wer könnte hier würdiger das Finale bestreiten als Sokolov – jener rätselhafte, geniale Alleskönner, den viele für den bedeutendsten aller noch aktiven Pianisten halten.

Dienstag, 22.05.2018, 18:05 Uhr

Grigory Sokolov beschloss die Reihe der Schoneberg-Meisterkonzerte im Hörsaal 1. Künftig geht es im Theater Münster weiter.
Grigory Sokolov beschloss die Reihe der Schoneberg-Meisterkonzerte im Hörsaal 1. Künftig geht es im Theater Münster weiter. Foto: zin

Es war ein großer Klavierabend, voller Tiefe und pianistischer Meisterschaft. Dazu brauchte der 68-Jährige keine schäumende Donnerpartitur – er suchte wie so oft die Konzentration. Die erste Hälfte Haydn, die zweite Schubert. Und natürlich all das, was er als Überraschung im ausgedehnten Zugabenteil parat hatte. Sokolov ist bekannt für seine großzügigen Zugaben, und auch an diesem Abend sollte es ein halbes Dutzend werden.

Vom ersten Takt an war klar, dass der Interpret Haydns Sonatenwelt ernst nimmt. Keine Tändeleien, kein zopfiger „Papa-Haydn“-Humor – stattdessen eine elektrisierende Spannung, die zwischen Rechter und Linker wie zwischen zwei Polen knisterte. Überhaupt scheint bei Sokolov, dem Mann mit der sphinxhaften Mimik, alle Energie in die Hände zu fließen. Die Rechte hüpft beim Spiel oft steil nach oben, als hätte das Elfenbein ihr einen Stromstoß versetzt.

Auch die Triolen der Sonate Hob. XVI:44 versprühen diese Energie. Was Sokolov gelingt, ist eine kristalline Auffächerung des Klangbildes, das nichts im Pedal verbirgt, sondern mit unerschöpflichem Anschlagsreichtum verzaubert. Der Rokoko-Zierrat in der Rechten (cis-Moll-Sonate!) wird am Ende wie ein Wirbel aus Funken entfacht.

Jeder Schubert-Fan kann wohl kaum zählen, wie oft er dem schlichten Zauber der Impromptus schon gelauscht hat. Jedes Impromptu klingt bei Sokolov vertraut und doch ganz neu. Wenngleich er darin mehr Raffinesse sucht, als darin steckt.

Am Beginn war der Saal leider recht unruhig – am Ende gab es Jubel und stehende Ovationen. Grigory Sokolov bewegte wie immer keine Miene, spielte dafür aber sechs Zugaben. Und allein das in Marmor gemeißelte Regentropfen-Prélude hätte den Abend gelohnt.

Über 50 Jahre lang hatten sich im Hörsaal 1 am Schlossplatz die Größten der Klassik die Ehre gegeben. Im Stadttheater wird die Agentur Schoneberg weitermachen. Zum Abschied gab es beim Hinausgehen ein Kärtchen mit Schokoherz. In Silberpapier.

Anzeige
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5714909?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F201%2F
16-jährige Poetry-Slammerin aus Warendorf geht offen mit Krankheit um
Merle Peters hat gelernt mit ihren Depressionen umzugehen. Die 16-Jährige Poetry-Slammerin textet und spricht offen über ihre Krankheit und möchte noch mehr und besser aufklären
Nachrichten-Ticker