Ruhrepos „Die verlorene Oper“ bei den Ruhrfestspielen uraufgeführt
Am Ende bleiben Kohlebällchen

Recklinghausen -

Könnte so eine Ruhroper anfangen? Geigenklang schimmert aus den Lautsprechern, über den Vorhang flimmern Luftbilder von Bergwerken und Stahlfabriken, und zu diffusen Filmaufnahmen von Kumpels, Kohle und glühenden Schlacken steigert sich die Musik pompös bis zum legendären Beckenschlag: Es ist das „Lohengrin“-Vorspiel.

Donnerstag, 14.06.2018, 16:44 Uhr

Alles flirrt und dreht sich, und auf den Vorhang wird ein Bergmann projiziert, der in den Vorruhestand ging, weil die Zechen schließen. Die Koproduktion der Ruhrfestspiele mit dem Staatsschauspiel Hannover geriet etwas unübersichtlich.
Alles flirrt und dreht sich, und auf den Vorhang wird ein Bergmann projiziert, der in den Vorruhestand ging, weil die Zechen schließen. Die Koproduktion der Ruhrfestspiele mit dem Staatsschauspiel Hannover geriet etwas unübersichtlich. Foto: Katrin Ribbe

Nein, so hätten Bert Brecht, Kurt Weill und Regisseur Carl Koch das gewiss nicht gemacht. Im Jahr 1927 reifte ihr Plan, eine Ruhroper für das Essener Theater zu schreiben. Trotz eines Vertragsentwurfs und längerer Vorbereitungen wurde der Plan politisch hintertrieben; zurück blieben nur die geschichtlichen Dokumente – bis der scheidende Ruhrfestspiel-Intendant Frank Hoffmann mit dem Autor Albert Ostermaier die Idee aufgriff für eine – ja was eigentlich: Rekonstruktion, Neu-Version, theatralische Vision?

Nichts von alledem oder von allem etwas ging am Mittwoch gut vier Stunden lang als Uraufführung über die Bühne des Ruhrfestspielhauses. Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson ließ seine Schauspieler zunächst im 20er-Jahre-Schreiber-Outfit in Stummfilm-Weise grimassieren, ehe sie, die Schwelle zum Tonfilm überschreitend, von der kulturellen Situation im Berlin des Jahres 1927 erzählten. Dass eifrige Kicherer im Parkett jeden Gag vom Richten der Schreibtischlampen bis zum Reparieren eines Stuhls feierten, machte diese Ouvertüre allerdings nicht kurzweiliger, und das chorische Sprechen der anschließenden Geschichtslektion hat man im Theater schon besser gehört. Immerhin: Dass Aljoscha Stadelmann, der sich später in Brecht verwandelte, gegen die Wörter SA, Goebbels und Führerschein protestierte, weil er nicht wieder Hitler thematisiert haben wollte, war ein nettes Kalauer-Leitmotiv.

Wer nun hoffte, mit der Verwandlung in Brecht und Weill und der witzig stilisierten Zugfahrt zum Mahagonny-Songspiel sei der Weg zur Ruhr-Oper endlich beschritten, sah sich indes getäuscht. Selbst als das Klavier Wagners „Rheingold“ intonierte und man an die Bergwerke der Nibelungen dachte, waren Ruhr und Bergbau noch in weiter Ferne – und viele Zuschauer bereits so ermattet wie am Ende einer „Götterdämmerung“. Denn was nun im Zentrum des Abends stand, war pure Theater-Nabelschau: Wie kann ein heutiger Dramatiker dem alten Brecht-Plan hinterherschreiben, wie kann ein Regieteam aus seinen Texten Theater machen?

Dazu wurde aus Briefwechseln des Regieteams zitiert, wurde ein am ersten Satz verzweifelnder Autor präsentiert, und Bemerkungen über Jelinek-Textflächen und die Mülheimer Theaterpreis-Jury erfreuen natürlich die Schauspielfreaks. „Das ganze Stück ist ein Witz“, heißt es an einer Stelle – aber auch Selbstironie ist auf Dauer nicht witzig.

In seinem Textheftaufsatz schreibt Ostermaier darüber, wie sich die Regie das Stück aneignet und den Autor fast überflüssig macht. Gut ein Drittel des Publikums beschloss in der Pause, dieser Demonstration nicht weiter beizuwohnen. Die Dagebliebenen bekamen hernach – erwartungsgemäß – endlich einen Hauch von Ruhr-Oper, zum Teil abermals als Schulstunde mit lustigen Kohle-Bällchen, die die Bühne füllen, zum Teil als Doku-Schnipsel eines Bergmanns vor der Frührente, weil die Zechen geschlossen werden. Dies und die „Lohengrin“-Episode kam in Fernseh-Ästhetik daher, während am Ende Monologe von der Live-Kamera auf den Vorhang übertragen wurden, wozu ein üppig leuchtendes Bühnenbild in Bewegung blieb – Castorf light. Dass Details ebenso schlecht auszumachen waren wie mancher Text im Zusammenklang von Klaviermusik, Einblendungen und akustischer Tücken – es machte diesen Abend zum Dokument eines Scheiterns einst und jetzt. Das Ruhr-Epos und eine Ruhr-Oper gar stehen weiterhin aus.

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Noch am Freitag um 20 Uhr und am Samstag um 17 Uhr, später im Staatsschauspiel Hannover

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