Generalmusikdirektor Golo Berg zieht Zwischenbilanz und hat Wünsche
„Wir brauchen eine Heimstatt“

Münster -

Seit einem Jahr wirkt Golo Berg (50) als Generalmusikdirektor in Münster. Zeit für eine Zwischenbilanz.

Freitag, 27.07.2018, 13:22 Uhr

Im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Harald Suerland mahnt Generalmusikdirektor Golo Berg an, dass ein Konzertsaal für Münster erforderlich ist. Ein solches zentrales Kulturvorhaben dürfe nicht an der Standortfrage scheitern.
Im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Harald Suerland mahnt Generalmusikdirektor Golo Berg an, dass ein Konzertsaal für Münster erforderlich ist. Ein solches zentrales Kulturvorhaben dürfe nicht an der Standortfrage scheitern. Foto: Wilfried Gerharz

Herr Berg , wie war Ihre erste Spielzeit – und was hat Sie in Münster am meisten überrascht?

Golo Berg: Das erste Jahr war voller herzlicher Begegnungen, aber auch arbeitsreich und anstrengend. An einer neuen GMD-Stelle sind in der ersten Saison etliche grundsätzliche Entscheidungen zu treffen, auch personelle, wie die für den neuen Konzertdramaturgen und für die neue Musikpädagogin. Natürlich habe ich auch die Chance wahrgenommen, Münster noch besser kennenzulernen, gerade im Hinblick auf die Erwartungen an das Sinfonieorchester und mich. Es hat mich überrascht, dass die Konzerte mit den Sinfonien von Carl Nielsen und Josef Suk schlechter besucht waren – beide Werke wurden zwar in Münster nie zuvor gespielt, sind aber klangsinnliche, wunderschöne Musik.

Solche Wiederentdeckungen kommen also nicht so gut an?

Berg: Das ist ambivalent – der weitaus größte Teil des Publikums im Saal wusste diese Wiederentdeckungen sehr zu schätzen. Nach Alberto Ginasteras „Estancia“ im letzten Sinfoniekonzert gab es Standing Ovations. An alle, die nicht da waren: Bitte haben Sie Vertrauen in meine Programmwahl und bleiben Sie neugierig!

Sie sprechen Dramaturgie und Musikpädagogik an: Die Vermittlung von Musik ist Ihnen offenbar besonders wichtig?

Berg: Sie gehört meinem Verständnis nach zum Aufgabengebiet des Generalmusikdirektors. Deshalb ist es auch selbstverständlich für mich, die Konzerteinführungen mitzugestalten. Wir können heute nicht mehr davon ausgehen, dass es quasi automatisch den gesellschaftlichen Konventionen entspricht, ins Sinfoniekonzert zu gehen; unser Publikum will immer aufs Neue gewonnen werden. Unser jüngeres Publikum erwartet dabei von uns dieselbe Weltoffenheit und Experimentierfreude, die es selbst längst verinnerlicht hat. Unser älteres Publikum ist vermutlich mehr am klassisch-romantischen Kernrepertoire interessiert, dem wir uns mit ebensolcher Hingabe widmen! Mich würde übrigens freuen, mehr über das Meinungsbild unserer Zuhörer zu erfahren. Sie können sich jederzeit mit allem an mich wenden, was Ihnen gefällt oder nicht gefällt. Unser Umgang mit Musik sollte vital und kommunikativ sein, mit Demut vor dem Werk, aber nicht zu viel Ehrfurcht.

Deshalb gehen Sie auch gern mit dem Orchester raus, zu den AaSeerenaden etwa, oder im nächsten Jahr auf den Prinzipalmarkt?

Berg: Das auch – am Aasee hatten wir ja eine wunderbare Stimmung, es ist eine tolle Location. Und ich will zeigen, dass das Sinfonieorchester eine Institution der Stadt ist, die für die Stadt eine wichtige soziale Aufgabe erfüllt. Auch wenn das pathetisch klingt: Ich bin überzeugt davon, dass unsere Demokratie gebildete Bürger braucht, und ich weiß, dass musikalische Bildung den Menschen sensibler für seine Mitmenschen macht. Wir werden gebraucht.

Von draußen nach drinnen: Wie beurteilen Sie die Situation des Orchesters im Theater, auch was die Proben angeht?

Berg: Der Neubau des Theaters war nach dem Krieg ein bewundernswertes Statement in Münster! Doch bei allem Stolz darauf muss sehr deutlich gesagt werden, dass dieses Gebäude in vieler Hinsicht nicht mehr zeitgemäß ist. Das Große Haus ist als Konzertsaal akustisch völlig ungeeignet – und das Schlimmste ist, dass man sich im Laufe der Jahre daran gewöhnt hat! Noch prekärer ist die Probensituation: Der Probensaal des Orchesters ist viel zu klein, die Arbeit am Klang nahezu unmöglich.

Schildern Sie doch einmal die Anforderungen an eine neue Spielstätte.

Berg: Es gibt viele exzellente Vorbilder, man muss ja nur in die nähere Umgebung fahren, nach Bochum etwa: Das Haus hat einen differenzierten Klang, der ein Orchester fordert und damit qualitativ fördert, es wird vom Publikum angenommen. Das Gebot der Stunde, in der es den politischen Willen für einen solchen Konzertsaal auch in Münster gibt, ist, konsensbereit und schnell zu einem Ergebnis zu kommen. Wir brauchen eine Heimstatt für das Sinfonieorchester, in der gerne auch die Musikhochschule und die Westfälische Schule für Musik sowie die freie Szene ihren Platz haben.

Der Standpunkt, der schon einmal im Freundeskreis des Orchesters zu hören war, dass nämlich die Standortfrage erst in zweiter Linie diskutiert werden sollte, ist auch der Ihre?

Berg: Das ist meine Meinung, denn eine Lösung der Konzertsaal-Problematik darf nicht an einer solchen Frage scheitern. In einer Studie im Auftrag der Stadt und der Universität wird ja nun der Raumbedarf der verschiedenen Institutionen untersucht – und ich glaube, es ist kein kleines Gebäude, das man hier braucht. Wo dafür der geeignete Platz in Münster sei, möge die Stadtgesellschaft mit offenem Visier, wohlwollend und ergebnisoffen diskutieren, aber wir brauchen bald eine verbindliche Perspektive! Für die Möglichkeit, dass auch außerhalb des Promenadenrings attraktive urbane Entwicklungen möglich sind, ist ja im Übrigen der Hafen ein gutes Beispiel.

Jetzt haben wir sehr ausführlich über die Konzerte und noch nicht über die Oper gesprochen. Was war denn eigentlich der größte Brocken, den Sie zu stemmen hatten?

Berg: Die Oper „Angels in America“ von Peter Eötvös war die größte Arbeit – aber ich bin sehr dankbar für die Begegnung mit diesem Werk. Es ist ein hochspannendes Stück, das unsere Zeit spiegelt – auch das Elende und Belastende, das wir alle so gerne ausblenden. Um so mehr bedaure ich, dass das Werk hier durchgefallen ist, während es in anderen Städten gut läuft – und dieser weltberühmte Komponist uns am Premierenabend versicherte, dass wir hier in Münster die Referenzproduktion seiner Oper geschaffen haben. Der „Don Carlo“ mit dem Requiem von Schnittke war für mich ein Beispiel für unseren kritisch-wachen Umgang mit dem Repertoire: Man muss das nicht so machen, aber man sollte sich den Meisterwerken auch nicht aus einer Perspektive der blinden Unterwürfigkeit nähern.

Die nächste Saison eröffnen Sie mit Puccinis „Madama Butterfly“ – sozusagen die zweitbeste Lösung, wenn man nicht wieder den von Ihnen so bewunderten Verdi bieten will?

Berg: (lacht) Keineswegs, ich freue mich darauf. Ursprünglich hatte mich der Exotismus der „Butterfly“ zwar abgeschreckt, aber beim Studium der Partitur habe ich verstanden, was für ein unglaublich spannendes Stück das ist. Für mich übrigens eine persönliche Premiere, ebenso wie Prokofievs „Liebe zu den drei Orangen“ – ich möchte ja genauso beweglich bleiben, wie ich es mir vom Publikum wünsche. Und was die Zukunft angeht: Ich bin überzeugt, dass in Münster wieder Wagner gespielt werden muss.

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