Herfried Münkler eröffnet „Domgedanken“
Gegen die Zerrissenheit

Münster -

„Über Deutschland“ lautet der Obertitel der diesjährigen „Domgedanken“. Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Herfried Münkler sprach zur Eröffnung am Mittwoch über „Die zerrissene Mitte Europas – eine politische, geografische und kulturelle Diagnose“. Der Politologe der Berliner Humboldt-Universität zitierte aus Friedrich Hölderlins Briefroman „Hyperion“: „Ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen“.

Donnerstag, 23.08.2018, 17:34 Uhr
Veröffentlicht: Donnerstag, 23.08.2018, 17:34 Uhr
Der Politologe Herfried Münkler sprach im St.-Paulus-Dom über die Zerrissenheit der Deutschen und Europas Perspektiven.
Der Politologe Herfried Münkler sprach im St.-Paulus-Dom über die Zerrissenheit der Deutschen und Europas Perspektiven. Foto: Matthias Ahlke

Zunächst trat Münkler als „Der Historiker“ auf, wie er im Programmheft genannt wurde, und sprach über Karl den Großen, die Französische Revolution sowie den Einfluss der Flügelmächte auf Deutschland und die damit einhergehende Zerrissenheit. Sein Vortrag nahm Fahrt auf, als er sich als zeitgenössischer Beobachter politischer Bewegungen präsentierte – der Nachkriegsordnung als Zeit deutscher Zweiteilung und Zerrissenheit und der Europäischen Union der Gegenwart.

Münklers These, auf die der gesamte Vortrag abzielte, lautete, dass das Überleben der Europäischen Union besonders von Deutschlands Selbstverständnis abhängt. Hierbei dachte er an das Verhältnis zu Russland, der Türkei oder den USA, aber auch an den Umgang mit Migrationsbewegungen und Populismus. Deutschland könne eine „integrative Kraft“ sein, die eine Balance zwischen Stärke und Schwäche finden müsse.

Münkler forderte, die EU müsse von Deutschland und den anderen Partnern „als langfristige Investition“, durchaus auch eigennützig, gesehen werden. Für das Fortbestehen der EU mit einem starken „Mittelland“ Deutschland formulierte er drei weitere Forderungen: Erstens müsse es ein langfristiges politisches Denken geben, das zweitens auch wirtschaftspolitische Räume denke, die größer als die Bundesrepublik seien, und drittens bedürfe es einer rationalen Perspektive, die sich von Populisten distanziere und diesen keinen Einfluss gebe. Deutschland habe sich während der Bundestagswahl 2017 als „erstaunlich immun“ gegenüber Populismus erwiesen, meinte Münkler, was umso bemerkenswerter sei, da die Deutschen im 20. Jahrhundert oftmals „politisch dumm“ gehandelt hätten. Deutschland und seine Bevölkerung solle sich der Zerrissenheit nicht hingeben, sondern politisch aktiv und wachsam sein. Denn ein Rückzug würde bedeuten, dass das europäische Projekt endgültig scheitern würde.

Trotz der historischen Hintergründe ist der Vortrag Münklers vor allem vom Ende her zu denken: Seine politische Analyse der Gegenwart sowie die Forderungen, die er an das sonst so gespaltene Deutschland stellt, ermöglichen eine spannende Reflexion der deutschen Rolle in der EU.

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