Alligatoah im Interview
Der schockierend reizvolle Rapper

Münster -

Vor drei Jahren ist Alligatoah mit der 1Live-Krone als bester Hip-Hop-Act ausgezeichnet worden. Dabei ist Mastermind Lukas Strobel, der sich hinter dem Pseudonym verbirgt, viel mehr als nur das. Tatsächlich lässt sich der Schauspieler und Sänger in keine Schublade stecken. Will er auch gar nicht. Am Freitag erscheint sein neues Album „Schlaftabletten und Rotwein V“. 

Mittwoch, 12.09.2018, 15:40 Uhr
Veröffentlicht: Mittwoch, 12.09.2018, 14:44 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Mittwoch, 12.09.2018, 15:40 Uhr
Tausendsassa Alligatoah hat bereits vier Alben veröffentlicht. Freitag erscheint mit „Schlaftabletten und Rotwein V“ ein neues Mixtape: eigentlich auch ein Album.
Tausendsassa Alligatoah hat bereits vier Alben veröffentlicht. Freitag erscheint mit „Schlaftabletten und Rotwein V“ ein neues Mixtape: eigentlich auch ein Album. Foto: Norman Z

Dein neues Album ist sehr abwechslungsreich, enthält sogar Jazz-Elemente. Hast du beim Schreiben der Songs eine Zielgruppe vor Augen? 

Alligatoah: Für das, was ich mache, gibt es keine Zielgruppe, weil das, was entsteht, den Anspruch hat, etwas Neues zu sein. Mich würde es stören, etwas zu machen, was wie meine Idole klingt oder nach etwas, was es bereits gegeben hat. Ich verbinde Klänge und Sounds so miteinander, dass sie möglicherweise eine Zielgruppe finden, die es bis dahin auch noch nicht gegeben hat. Das klappt ganz gut, deshalb kommen so ein oder zwei Leudde auf meine Konzerte. 

Welche Idole sind das?

Alligatoah: Meine Idole gehen in unterschiedlichste Richtungen. Das kann man auch auf dem Coveralbum hören, das ich zusätzlich zum aktuellen herausgebracht habe. Mit Songs, die mich über die Jahre beeinflusst und berührt haben. Da ist sowohl Slipknot dabei, weil mich auch eine Metal-Ära geprägt hat, aber auch Rolf Zuckowski, den ich als Kind viel gehört habe. Und auch Johnny Cash und Hannes Wader. 

Dein neuestes Werk heißt “Schlaftablette und Rotwein V” und ist ein Mixtape. Was ist genau der Unterschied zu einem Album? 

Alligatoah: Ich glaube, meine Definition ist anders als die offizielle. Meine “normalen” Alben habe ich immer an einem thematischen roten Faden aufgehängt. Beim Album “Triebwerke” waren es Liebe und Beziehung, bei “Musik ist keine Lösung” waren es soziale und gesellschaftliche Themen. Bei den “Schlaftablette und Rotweine”-Teilen habe ich darauf geachtet, dass die Anarchie wieder herrschen kann, dass ich in alle Richtungen schießen und mal leichtere und mal härtere Themen anpacken kann. 

Apropos Anarchie. Schriftsteller wie Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek haben in den 80er und 90er Jahren immer mal wieder für einen Skandal gesorgt. Rammstein haben sich mit Pornovideo oder mit Riefenstahl-Ästhetik im Gespräch gehalten. Kann man heute als Künstler überhaupt noch jemanden provozieren? 

Alligatoah: Ich versuche dieses Wort “provozieren” aus meiner Kunst herauszuhalten. Provokation klingt wie ein Vorwurf, als würde man bewusst nach Aufmerksamkeit heischen, um mehr CDs zu verkaufen und berühmt werden zu wollen. Das ist nicht mein Ansatz. Als Hörer oder Betrachter von Kunst ist für mich das Schockierende und das Reizvolle begeisternd und spannend. Wenn es an die Grenzen geht, nicht des Grenzgangs wegen, sondern wegen des Gedankens dahinter. Der Song “Meine Hoe” vom neuen Album beispielsweise ist weder skandalträchtig noch reißerisch, aber es ist ein Song, den es bisher so noch nicht gab, und in dem es um Frauen im Rap geht, die dort nur als Sexobjekt betrachtet werden. 

Alligatoah 2016 in der Halle Münsterland

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  • Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Mehr als 6000 Fans feierten Alligatoah und seine Band in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • BRKN im Vorprogramm von Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Mehr als 6000 Fans feierten Alligatoah und seine Band in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Mehr als 6000 Fans feierten Alligatoah und seine Band in Münster.

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  • Mehr als 6000 Fans feierten Alligatoah und seine Band in Münster.

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  • Mehr als 6000 Fans feierten Alligatoah und seine Band in Münster.

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  • BRKN im Vorprogramm von Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

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  • Mehr als 6000 Fans feierten Alligatoah und seine Band in Münster.

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  • Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • BRKN im Vorprogramm von Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • BRKN im Vorprogramm von Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Mehr als 6000 Fans feierten Alligatoah und seine Band in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Battleboy Basti

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Mehr als 6000 Fans feierten Alligatoah und seine Band in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • BRKN im Vorprogramm von Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Mehr als 6000 Fans feierten Alligatoah und seine Band in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Mehr als 6000 Fans feierten Alligatoah und seine Band in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Alligatoah und Battleboy Basti am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Mehr als 6000 Fans feierten Alligatoah und seine Band in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Mehr als 6000 Fans feierten Alligatoah und seine Band in Münster.

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  • Mehr als 6000 Fans feierten Alligatoah und seine Band in Münster.

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  • Mehr als 6000 Fans feierten Alligatoah und seine Band in Münster.

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  • Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

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  • BRKN im Vorprogramm von Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

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  • Battleboy Basti

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Mehr als 6000 Fans feierten Alligatoah und seine Band in Münster.

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  • Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

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  • Alligatoah und Battleboy Basti am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

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  • Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

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  • BRKN im Vorprogramm von Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

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  • Mehr als 6000 Fans feierten Alligatoah und seine Band in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • BRKN im Vorprogramm von Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

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  • Mehr als 6000 Fans feierten Alligatoah und seine Band in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • BRKN im Vorprogramm von Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Alligatoah und Battleboy Basti am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • BRKN im Vorprogramm von Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Alligatoah am 20. März 2016 in der ausverkauften Halle Münsterland.

    Foto: Gunnar A. Pier

Aber mit nacktem Hintern auf dem Cover zu posieren erzeugt schon Aufmerksamkeit, oder? 

Alligatoah: Die Idee vom “Triebwerke”-Cover ist die Illustration des Titels. Sie zeigt einen Maler, der anstatt Akt-Modelle zu malen, vor Bildern mit angezogenen Frauen steht und dabei selbst nichts anhat. Auch hier geht es nicht um die Nacktheit der Nacktheit wegen, sondern wegen der Idee dahinter. Wenn das andere schockiert, dann nehme ich das gerne an und dann ist es auch durchaus so gewollt. 

Der gerade schon erwähnte Thomas Bernhard ist ebenfalls sehr widersprüchlich, ein Übertreibungskünstler, der sich nicht greifen lässt. Ich sehe da eine Parallele. Insbesondere wenn du in Songs wie “Need a Face” damit spielst, ein Gesicht für alle Fälle zu habe. Ist das so? 

Alligatoah: Ja, ich möchte mich in keine Schublade stecken lassen. Und ich mag es mit Musik Verwirrung zu stiften, wenn ich es schaffe verschiedene Gefühlswelten aufeinander zu pressen, damit der Hörer nicht sofort merkt, was er jetzt fühlen soll. Also wenn ich fröhliche Musik mit ernsten Themen verbinde, fasziniert mich das sowohl als Künstler als auch als Konsument. 

Du hast mal Interview gesagt, dass du nicht (viel) liest. Auch, wenn ich dir das nicht abnehme, frage ich mich, woher kommen deine Lyrics. Die ploppen ja nicht aus dem Nichts auf. 

Alligatoah: Bei mir kommt nicht viel aus Büchern, das ist richtig. Wobei Thomas Bernhard mich jetzt anfängt zu interessieren (lacht). Mein Vater ist Theaterschauspieler und hat mich schon als Junge immer mitgenommen. Das hat mich beeinflusst. Und vielleicht muss man an dieser Stelle auch mal das Schulsystem loben, auf das gerne eingedroschen wird, aber ich habe viel ganz klassisch im Deutschunterricht gelernt. Mich überrascht es gerade, dass ich das sage, weil ja das Wenigste in der Schule fürs Leben gelernt wird (lacht). 

Kendrick Lamar hat den Pulitzer-Preis gewonnen. Gut, Literaturpreise für deutsche Rapper sind wahrscheinlich noch fern in diesem Land, aber was bedeuten dir Preise? 

Alligatoah: Ich setze mich nicht wirklich mit Preisen auseinander. Ich glaube, man weiß das erst zu schätzen, wenn man einen verliehen bekommt. Ich arbeite ja nicht auf einen Preis hin, aber wenn ich einen bekomme, dann freue ich mich darüber. Solange man einen Preis nicht bekommen hat, redet man als Künstler schlecht darüber, wenn man ihn hat, ist er natürlich völlig gerechtfertigt (lacht). 

Meine Eltern haben mir mal erzählt, dass ich die besten Schimpfwörter auf Lager hatte, als ich das erste Mal aus dem Kindergarten zurückkam. Wärst du derjenige gewesen, der sie mir beigebracht oder wärst du der liebe Junge gewesen, der sie auch eher abgeschaut hätte?  

Alligatoah: Das ist ein Austausch. Bei Schimpfwörtern denke ich gerne an die Schüleraustausche, die ich hatte. Mit Frankreich zum Beispiel. Schimpfwörter waren das erste, was man sich gegenseitig beigebracht hat und wodurch man sich kennen gelernt hat. Die schönste Erkenntnis ist, dass Schimpfwörter, Wut und Fluchereien etwas Verbindendes haben können. 

Was sagen denn deine Eltern zu deinen Texten: “Junge, wo hast du das nur her”? 

Alligatoah: Mit einer Tänzerin als Mutter und einem Schauspieler als Vater komme ich aus einem alternativen “öko-mäßigen” Hause. Aus der Generationensicht ist ihnen die Sprache zwar manchmal zu derbe, aber darüber können sie hinwegsehen.Ich hatte immer großen Support von ihnen. 

Auf dem neuen Album singt Felix Brummer von Kraftklub bei einem Song mit. Die waren letztens beim Konzert in Chemnitz dabei. Hattest du keine Zeit? 

Alligatoah: Das schöne bei dem Konzert war, dass es nicht etwas mit Links oder Rechts zu tun hatte, sondern darum ging, etwas Schönes für die Chemnitzer auf die Beine zu stellen und sich für Menschlichkeit zu bekennen. Felix hatte mich vorher angeschrieben und ich habe nicht lange gezögert, zuzusagen, obwohl ich niemand bin, der sich auf politisch motivierten Demos rumtreibt. Aber zu dem Zeitpunkt war nicht klar, wann und wie oft es stattfinden würde. Jetzt gab es nur das eine Konzert, und deshalb kam es auch nicht zu meinem Auftritt. Vielleicht ein anderes Mal.    

In dem Song “Meinungsfrei” schlüpfst du in die Rolle von jemanden, der immer beide Seiten nachvollziehen kann. Ist das eine Form der Kritik oder identifizierst du dich tatsächlich mit dieser Person?  

Alligatoah: Es ist ein bisschen so. Deshalb ist der Song nicht nur kritisch sondern eben auch selbstkritisch. Natürlich kritisiere ich auf der einen Seite das Meinungs- und Gesichtslose. Aber ich zeige damit auch in meine Richtung, was mir gerade auf dem neuen Album wirklich wichtig ist: Nicht mit dem Zeigefinger auf andere Leute zu zeigen, die irgendetwas falsch gemacht haben, sondern ich zeige auf Menschen wie mich, die Schwächen haben. Ich bin oft auch in der Rolle desjenigen, der zwischen den Stühlen sitzt und schlichten muss, der dann für beide Parteien Verständnis aufbringen muss. Ich analysiere mein Verhalten. In diesem Song habe ich es überspitzt widergegeben und ad absurdum geführt. 

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Was würde dir besser gefallen: Oscar oder Grammy? 

Alligatoah: Grammy, weil ich darüber nicht so viel weiß. Das bedeutet, dass es der coolere Preis ist, weil Untergrund (lacht). 

Kafka oder Kendrick Lamar? 

Alligatoah: Kendrick, weil ich vor Kurzem erst sein letztes Album gehört habe und großer Fan bin. 

Club oder Stadion? 

Alligatoah: Ich habe diesen komischen Narzissmus immer große Bühnenbilder zu entwickeln. Und die passen nicht in kleine Clubs. Und so lange noch viele Leute kommen, nehme ich die etwas größere Variante, auch wenn es noch keine Stadien sind. 

Links oder rechts? 

Alligatoah: Das kommt auf die Vorfahrtsregel an. 

Eitelkeit oder Demut? 

Alligatoah: Demut. Mit der Anmerkung, dass Demut auch eine Form der Eitelkeit sein kann, wenn man sie zu sehr nach außen trägt. Von Eitelkeit kann man sich nicht wirklich lossagen, dann sollte man besser dazu stehen und keine Demut vorheucheln. 

Gott oder Teufel? 

Alligatoah: Ich glaube, die rebellischere Antwort in diesen Zeiten ist Gott.

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