Borchert-Theater: „Willkommen“ – das Stück zur Zeit
Spießer oder Samariter?

Münster -

Man könnte das pointierte Stück des Erfolgsautorenduos Lutz Hübner und Sarah Nemitz auch „Zimmer frei“ nennen. Dann wäre es freilich nur eine unter vielen „WG-Geschichten“. Doch in „Willkommen“ geht es zuvorderst um „Willkommenskultur“ gegenüber Flüchtlingen. Die ist, wenn sie praktisch umgesetzt werden soll, anspruchsvoller als wohlfeile Sonntagsreden. Das Borchert-Theater hat mit diesem Stück den passgenauen „Opener“ für die Spielzeit 2018/19 gefunden. Die 90 Minuten haben Drive, liefern Dialogwitz und Nachdenklichkeit. Minutenlanger Stakkato-Applaus.

Sonntag, 23.09.2018, 16:20 Uhr
Veröffentlicht: Sonntag, 23.09.2018, 16:20 Uhr
Anglistikdozent Benny (Johannes Langer) will nach New York und sein WG-Zimmer an Flüchtlinge vermieten. Das wirft in der WG mit der resoluten Doro (Monika Hess-Zanger) und der eher sozial engagierten Sophie (Ivana Langmajer, r.) Gräben auf.
Anglistikdozent Benny (Johannes Langer) will nach New York und sein WG-Zimmer an Flüchtlinge vermieten. Das wirft in der WG mit der resoluten Doro (Monika Hess-Zanger) und der eher sozial engagierten Sophie (Ivana Langmajer, r.) Gräben auf. Foto: Klaus Lefebvre

Regisseur Hartmut Uhlemann hat ein eingespieltes Team aus „WG“-Akteuren zusammengestellt, das sich in einem ansehnlichen Loft (Bühne und Kostüme: Stephanie Kniesbeck) zum „Jour fixe“ versammelt. Benny, der Anglistikdozent, hat eine Uni-Stelle in New York bekommen und will dort bei seinem schwulen Freund einziehen. Sein Zimmer, so der Vorschlag, sollen nun für ein Jahr Flüchtlinge aus Syrien bekommen. Der Krisengipfel am langen Tisch nimmt seinen Lauf und hat Rhythmus. Das liegt nicht nur an den Typen, die hier verhandeln, sondern auch an Sprüchen, die wir alle kennen und die uns zum Teil im Halse steckenbleiben.

Da ist also Doro, die bierdurstige Verwaltungsangestellte, der Monika Hess-Zanger die Radikalität einer Alice Schwarzer verleiht. Auf keinen Fall will sie morgens im Bademantel Macho-Typen aus Arabien begegnen. Jonas, der Spießer in der Runde (Jürgen Lorenzen), ist als Banker auf Probe entschieden unentschieden, fürchtet um seine private Ruhe. Anna (Rosana Cleve in der lustigen Dauerpose einer verklemmten Pädagogik-Problemtante und Veganerin) möchte lieber ihren türkischen Freund und Kindsvater bei sich einziehen lassen. Entschieden „Gutmensch“ ist in dieser Runde zunächst nur Fotografin Sophie (temperamentvoll: Ivana Langmajer), die eine Flüchtlingsaufnahme als lohnendes „Projekt“ für ihre Fotografiererei einstuft. Das Stück geriete mit den zunächst klar verteilten Rollen vermutlich schnell an ein Ende, aber Hübner , Nemitz und Regisseur Uhlemann arbeiten geschickt mit Graustufen. So kümmert sich die erst so schroffe Doro reizend um die schwangere Anna, die wie eine Samariterin daherkommende Sophie ist am Ende auch nur eine verwöhnte Mittdreißigerin, und Benny, der Anglistikdozent (typgenau: Johannes Langer) kommt mit seinem Bi-Status entscheidungsschwach daher, zumal er sich ja durch den Wegzug wohlfeil vor jeder direkten Verantwortung drückt.

Noch eine schwungvolle Charakter-Variante bringt Attila Oener als Annas Freund Ahmed ins Spiel: „Ich habe nichts gegen Rassisten, ich bin ja auch einer“, lautet einer der im Publikum Heiterkeit und Frösteln auslösenden Sprüche des Machos, der dann wieder Ernstes zur fehlenden Integration seiner türkischen Vorfahren im Pott zu sagen hat.

Das alles wirkt zu keinem Zeitpunkt überdreht, im Gegenteil: Viele Zuschauer erkennen sich und ihre Vorbehalte gegenüber dem und den Fremden wieder. Hier finden sich weder Spießer noch Samariter in Reinkultur. Das macht diese Komödie und Menschenstudie spannend und unterhaltsam. 162 Mal hat das Borchert-Theater die Grundschul-Geschichte „Frau Müller muss weg“ des Autorenduos geboten. Auch dieses Hübner/Nemitz-Stück hat das Zeug zum Dauerbrenner. Es würde zudem kaum verwundern, wenn es schon bald verfilmt würde. 

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