„Heisenberg“: Ein berührendes Beziehungsstück im Borchert-Theater
Und sie tanzen einen Tango ...

Münster -

Ein 75-jähriger Mann, eine 42-jährige Frau. Was kann daraus werden? Eine ganze Menge, wie sich in dem anrührenden Beziehungsstück „Heisenberg“ zeigt, das am Donnerstagabend im Wolfgang-Borchert-Theater in Münster Premiere feierte. Eine echte Herausforderung für die beiden Darsteller Meinhard Zanger und Ivana Langmajer.

Freitag, 12.10.2018, 15:44 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 12.10.2018, 14:38 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Freitag, 12.10.2018, 15:44 Uhr
Milchreispause auf der Schaukel: Den Mittsiebziger Alex Priest (Meinhard Zanger) und die Mittvierzigerin Georgie Burns (Ivana Langmajer) trennen Jahre und Welten. Doch sie kommen sich offenbar langsam näher.
Milchreispause auf der Schaukel: Den Mittsiebziger Alex Priest (Meinhard Zanger) und die Mittvierzigerin Georgie Burns (Ivana Langmajer) trennen Jahre und Welten. Doch sie kommen sich offenbar langsam näher. Foto: Klaus Lefebvre

Ein 75-jähriger Mann, eine 42-jährige Frau. Was kann daraus werden? Eine ganze Menge, wie sich in dem anrührenden Beziehungsstück „ Heisenberg“ zeigt, das am Donnerstagabend im Wolfgang-Borchert-Theater in Münster Premiere feierte. Intendant Meinhard Zanger als alternder Metzger Alex Priest und Ivana Langmajer als temperamentvolle Mittvierzigerin Georgie Burns ernteten in dieser schlüssigen und zielstrebigen Inszenierung von Tanja Weidner abschließend rhythmischen und stehenden Applaus.

Dabei wirkt der Titel, den der britische Erfolgsautor Simon Stephens dieser „Beziehungskiste“ gegeben hat, einigermaßen rätselhaft. Wer käme ohne zumindest das Studium des Programmheftes auf die Idee, dass der deutsche Physiker Werner Karl Heisenberg (1901-1976) eine besondere Theorie entwickelt hat, wie sich kleinste Elementarteilchen begegnen und zueinander verhalten? Und dass diese berühmte „Unschärferelation“ sozusagen eine Metapher bildet für das, was sich hier zwischen den beiden Menschen auf der Bühne abspielt?

Diese hat Olga Lageda entworfen und mit Bedacht eine Ausstattung gewählt, die wie eine abstrakte Versuchsanordnung anmutet. Wenn die beiden Akteure also in einen neuen Raum wechseln, verschieben sie zwei Stellwände gegeneinander, zusätzlich leuchten Projektionen auf. Der Tisch, an dem das sich allmählich näherkommende Pärchen speist, schwebt einfach als Platte von der Decke.

Die Charaktere, die hier aufeinandertreffen, sind für sich schon kurios genug. Hier der pedantische, im Leben irgendwie zu kurz gekommene und festgefahrene Metzger Alex Priest, dort die temperamentvolle Georgie Burns, die den ergrauten Mann am Bahnhof mit einem Kuss in den Nacken auf sich aufmerksam macht und ein seltsames Spiel der Annäherung betreibt. Meinhard Zanger spielt den intellektuell anspruchsvollen und offenbar lebensklugen Metzger mit einer Mischung aus pedantischem Einzelgängergehabe und einem feinen Ansatz jener köstlichen Komik, die zuweilen bei verkorksten Männerfiguren im Gefolge Loriots zu beobachten ist. Ivana Langmajer verleiht ihrer Figur Georgie ein verbales Temperament, das sich aus Lebenslust, aber auch aus der Not familiären Verlusts speist; denn sie sucht ihren Sohn, was aber erst peu à peu als starke Triebfeder ihrer Sehnsucht nach Partnerschaft und Hilfe sichtbar wird. Wie sich die beiden, die erstaunlich schnell auf der Bodenmatratze landen, um erst dann in tiefere psychologische Schichten vorzustoßen, in diesem Stück auf der Bühne des Borchert-Theaters umkreisen, ist spannend, zuweilen komisch, in jedem Fall aber anrührend. Zumal auch bei dem scheinbar so erkalteten und verkrusteten Senior alte Schicksals-Schichten freigelegt werden und die Tränen fließen.

Die gelegentlichen verbalen Ausfälle in die Gossensprache passen wohl zum britischen Bühnen-Slang, aber eigentlich nicht so recht zu den beiden sonst recht kultiviert auftretenden Typen, die Simon Stephens hier ersonnen hat. Doch die beiden, die sich schließlich auf die Suche nach Georgies Sohn in die Staaten begeben, haben ja schließlich auch noch andere Überraschungen zu bieten und sind eben nicht linear angelegt. So darf sich der Zuschauer sogar noch auf einen feinen Tango in diesem Stück einstellen. Und am Ende erleichtert erkennen, dass Liebe unendlich mehr ist als eine physikalische Versuchsanordnung, ein hormonelles Irresein oder eine chemische Reaktion.  

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