Frank Schätzings „Die Tyrannei des Schmetterlings“
Die flirrende Show des Autors

Münster -

In der Ecke rechts ein kleiner Stehtisch, in der Mitte zwei Boxen, eine riesige Leinwand – und viel Platz zum Schreiten. Wie an einer imaginären Linie entlang quert Autor Frank Schätzing an diesem Abend zigfach die Bühne des Großen Hauses. Während er liest, doziert und debattiert – mit Aria, der Künstlichen Intelligenz, die mehr im Zentrum steht als das Buch, um das es hier geht.

Sonntag, 21.10.2018, 18:05 Uhr
Veröffentlicht: Sonntag, 21.10.2018, 15:52 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Sonntag, 21.10.2018, 18:05 Uhr
Autor Frank Schätzing hat sein Buch – thematisch passend – in der digitalen Version dabei.
Autor Frank Schätzing hat sein Buch – thematisch passend – in der digitalen Version dabei. Foto: Wilfried Gerharz

Wie zu erwarten, beginnt der Abend mit einem Film. Mit einem überraschenden. Idyllische Bilder des Sierra County in Kalifornien sind zu sehen. Eine neue Marlboro-Werbung? Und dann dieser Satz, der sich um die Hälse der Zuschauer schlingt wie einst das Lasso des Cowboys um die der Wildpferde: „Tauchen Sie nur nicht zu tief hier ab, sonst verlieren sie den Verstand!“

Auftritt Schätzing von links, der natürlich kein Buch in der Hand hat, sondern ein IPad. Es geht im voll besetzten Theater schließlich um unseren Freund, den Computer, und seine unerschöpflichen, ja: beängstigend wachsenden Möglichkeiten.

Dabei beginnt er ganz linear, sein jüngster Roman „Die Tyrannei des Schmetterlings“, den Schätzing hier vorstellt. Es ist die letzte Station seiner Lesetour, erzählt der Autor aus Köln. Von Ermüdung keine Spur. Ob Schätzing liest oder frei spricht, der Duktus ist gleich. Hoch professionell ist der Auftritt, der mit einem vorgelesenen Kapitel beginnt, aber gleich die Technik mit ins Spiel bringt. Wie um zu zeigen, wie nützlich sie doch ist.

Dialoge zwischen den beiden Ermittler seines Wissenschaftsthrillers erklingen aus dem Off. Wie und wo er die Figuren ersann und wie er das idyllische Sierra Valley fand, das in seinem Roman zu einem abschreckenden Silicon Valley mutiert, das dokumentiert ein launig von ihm kommentierter Diavortrag. Denn: „Wie Kumpane müssen Leser und Protagonisten sein“, lautet Schätzings Credo. Schließlich sei sein Roman über die Tyrannei der Künstliche Intelligenz aus der Perspektive des Nichtwissenden erzählt. Es sind also die Protagonisten, die dem Leser durch die Schwere der Wissensvermittlung helfen müssen.

Und da das Thema so komplex ist, tritt Aria auf den Plan – die eingespielte, von Schauspielerin Nora Waldstätten verkörperte Künstliche Intelligenz vor Sternengeflitter. Mit ihr beginnt Schätzing einen über 20-minütigen Dialog, der die zen­trale Frage des Romans aufgreift: Wann wird das System Mensch und Computer wohl kippen? Oder besser: „Was geschieht“, fragt Aria, „wenn ich eines Tages zum Leben erwache?“ Und wann wird das sein? Wenn Aria, die Schätzing „mein Goldstück“ nennt, Gefühle entwickelt? Oder ein Bewusstsein für ihre Existenz?

Es bleibt hypothetisch. Als Schätzing nach 80 fesselnden Minuten und einem weiteren wuchtigen Lese-Kapitel plötzlich abtritt, sind manche Zuhörer doch verblüfft. Das Buch bleibt für Nichtwissende ein Rätsel. Und Schätzings Auftritt ein flüchtiger. Der viel Diskussionsstoff hinterlässt.

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