Chris Tall übt sich in Grenzüberschreitung
Mausebär und Zoten-Zimmerer

Münster -

Ein Mann zwischen Mausebär, Volkstribun und Zoten-Apokalyptiker: Chris Tall ist der neue Darling unter den Stand-up-Comedians und kein Punkt unterhalb der Gürtellinie peinlich: „I love it“.

Freitag, 09.11.2018, 15:21 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 09.11.2018, 14:18 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Freitag, 09.11.2018, 15:21 Uhr
Gaga-Parcours und Bombenhagel: Chris Tall lässt bei seinen Gags keine Gürtellinie oder Untiefe aus.
Gaga-Parcours und Bombenhagel: Chris Tall lässt bei seinen Gags keine Gürtellinie oder Untiefe aus. Foto: Moseler

Mit seinem neuen Programm „Und jetzt ist Papa dran!“ empfing er in der ausverkauften Halle Münsterland seine Fans: „Na, was ist denn so’n richtiges Ghetto hier?“, rief Tall ins Publikum und schon schallerten ihm Namen von Borken bis Holland um die Ohren. „Oha, Holland“, wundert sich Tall. Dann vielleicht „Gronau“? „Wie schwul ist das denn?“, kreischt Tall fröhlich.

Personifizierte Grenzüberschreitung

Das Warm-up als Ping-Pong-Dialog mit dem Publikum kurvt um Talls Lieblingsthema Körpergewicht, danach um Namen und Geburtstage, ein Mädchen feiert den am 17. April: „Drei Tage vor Hitler!“, raunzt Tall und das Publikum tobt, als hätte es eine „Eins“ in Geschichte.

Tall mimt die personifizierte Grenzüberschreitung, egal wie und wo. Motto: Dicke sind immer lustig. Irgendwo entdeckt er einen Gewichtsgenossen: „Bin froh, dass ich mal nicht der Fetteste bin“. Die Fahrradmanie in Münster wird flott abgekanzelt: „Ihr seid bekloppt!“, dann schnell ein Idol: „Da stand Manuel Neuer und hielt sich am Geländer fest – der hält wirklich alles!“.

Die Plasmabildschirme links und rechts projizieren jeden Mimik-Millimeter Talls als sollte man ihnen die Winkelzüge ablesen, die stillschweigende Tabus in erlösendes Lachen verwandeln. Im medialen Kinoformat werden Besucher für Sekunden zu Hauptdarstellern gekürt. Einer Dame die Richtung Ausgang strebt, wirft der Mann auf der Bühne eine Frage wie ein Lasso hinterher: „Wo gehst du hin?“ – „Aufs Klo!“ – „Alles über drei Minuten ist Kacken!“, tönt Tall und der Saal tobt.

Tobendes Publikum

Er tobt auch, weil Tall tobt. Nicht selten hat es den Anschein, als würde er gleich in den Mikrofon-Kopf beißen, oder er brüllt, als hätte man ihn im Jurassic Park ausgesetzt. Er rast von Gag zu Gag, kontrolliert mit koketter Scheinheiligkeit deren Wirkung aufs Publikum, strickt kleine „running gags“ und streut freigiebig seine Katastrophen-Affären unters Volk („Bei der musste ich Kohlrabischnitzel essen!“). Der Sexus nagt an ihm wie ein nicht eingelöstes Versprechen, der Sport wie ein ignoriertes Gottesgebot, und „Papa“ ist nur Doppelgänger eines missratenen Filius, der beim Grünkohl-Smoothie „Kacke und Kotze im Mixer“ argwöhnt.

Zwischen Oktoberfest und Olympiade, Smiley-Mozartkugel und rhetorischem Bombenhagel hangelt sich Tall durch den Gaga-Parcours telegener Allerweltscomedy. Alle Welt applaudiert.

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