Franzobels „Rechtswalzer“
Staatsoper und Knast

Natürlich, der Wiener Opernball. Kein Ereignis eignet sich wohl besser für einen Autor, um die Eigentümlichkeiten der österreichischen Gesellschaft zu karikieren. Franzobel, der mit seinem „Floß der Medusa“ für den Deutschen Buchpreis nominiert war, macht den Ball in seinem neuen Roman zum Zielpunkt einer Entwicklung, die den Kommissar Groschen ans Ende seiner Mordermittlungen führt und zugleich der populistischen Bewegung „Limes“ ihren großen Auftritt beschert. Denn darum geht es in einem Buch, das den Genrebegriff „Kriminalroman“ nur führt, weil eben auch ein Mord passiert: um die Rechten in Europa und speziell in Österreich, um Furcht vor Ausländern und die Sehnsucht nach einer Ordnung, die mit drakonischen Strafen aufrechterhalten wird.

Mittwoch, 13.02.2019, 14:18 Uhr
Franzobels „Rechtswalzer“: Staatsoper und Knast

Kurioserweise ist dies nur der zweite Handlungsstrang. Der erste rankt sich um einen Getränkehändler und Barbesitzer, für den sich die Lappalie einer U-Bahn-Fahrt ohne Fahrschein zum großen Justiz-Drama auswächst und der im Knast den „rechten“ Kräften der österreichischen Gesellschaft auf äußerst brutale Art begegnet. Die „wahren Begebenheiten“, auf denen der Roman beruht, finden sich wahrscheinlich in den Berichten einer Germanistik-Professorin aus Istanbul, die in der abschließenden Danksagung erwähnt wird.

Franzobels „Rechtswalzer“ spielt in der nahen Zukunft des Jahres 2024, literarische Paten, auf die er selbst anspielt, sind Haslingers „Opernball“ und Houellebeqs „Unterwerfung“. Ob es sich hier um ein „neues düsteres Wiener Wortspiel-Wunder“ handelt wie ein Zitat auf dem Buchcover vollmundig verkündet, darf man indes bezweifeln: In der österreichischen Literatur wurde schon virtuoser geschimpft, und die Kons­truktion mit den beiden Handlungssträngen führt zu Spannungseinbußen. Kein Krimi eben, sondern eher eine deftige Dystopie.

Zum Thema

Franzobel: Rechtswalzer. Kriminalroman. Paul Zsolnay Verlag, 414 Seiten, 19 Euro

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