Die Berlinale auf der Zielgeraden
Gospel und Tentakel

Berlin -

16 Filme kämpfen um die Berlinale - rechnerisch war es nie einfacher, den Goldenen Bären einzuheimsen. Trotzdem ist kaum abzuschätzen, welcher Film am Ende das Rennen machen könnte.

Freitag, 15.02.2019, 17:52 Uhr aktualisiert: 15.02.2019, 18:09 Uhr
Yong Mei (l.) und Wang Jingchun in einer Szene des Wettbewerbs-Favoriten „So Long, My Son“ aus China.
Yong Mei (l.) und Wang Jingchun in einer Szene des Wettbewerbs-Favoriten „So Long, My Son“ aus China. Foto: dpa

Keine fünf Minuten dauerte es, da waren die vielen anstrengenden Filme der letzten Woche beinahe wieder vergessen. Zum Abschluss seiner Ära als Festivaldirektor ließ Dieter Kosslick , seit jeher ein Freund des Musikfilms, die Doku „Amazing Grace“ vorführen. Sie zeigt unbearbeitete Ausschnitte der Gospel-Konzertabende, die 1972 für Aretha Franklins legendäres Live-Album mitgeschnitten wurden. Star-Regisseur Sydney Pollack ließ damals filmen, aber erst jetzt, ein halbes Jahr nach Franklins Tod, kommt der Film ins Kino. Und verbreitet gute Laune.

So waren die gegen Ende der Berlinale traditionell fahlgesichtigen und triefäugigen Filmkritiker fast wieder versöhnt mit diesem Festival, das in den letzten Tagen für ein paar Misstöne gesorgt hatte. Als vor der Vorstellung von „Elisa und Marcela“ das Netflix-Logo auf der Leinwand prangte, wurde gebuht: Groß ist der Ärger auf den Streamingdienst, der seine Filme gern auf Festivals promotet, um sie den Leinwänden dann vorzuenthalten. Zuvor hatte es einen Offenen Brief der AG Kino gegeben (unterzeichnet auch von den Münsterschen Filmtheaterbetrieben), die vergeblich forderte, den spanischen Netflix-Film zu streichen. Sei’s drum: Das Liebesdrama zweier Frauen im Galizien des frühen 20. Jahrhunderts verblüffte zwar mit einer erfindungsreich mit Tintenfischtentakeln bestückten Sexszene, bot vor allem aber bräsiges Kunstgewerbe.

Ein Film kurzfristig abgesagt

Aufregung gab es um China: „One Second“ von Altmeister Zhang Yimou wurde kurzfristig abgesagt, offiziell „aus technischen Gründen“. Da seit 2018 das chinesische Propagandaministerium für die Zensur von Filmen zuständig ist, wird immer lauter vermutet, dass das vor dem Hintergrund der Kulturrevolution spielende Werk keine Freigabe erhalten haben könnte.

Damit schrumpfte der Wettbewerb auf historisch magere 16 Filme – rechnerisch war es nie einfacher, den Goldenen Bären einzuheimsen. Wer aber das Rennen machen könnte, ist schwer einzuschätzen: Die deutsche Kritik favorisiert in sektenartiger Geschlossenheit Angela Schanelecs formstrenge Konzeptkunst „Ich war zuhause, aber“, ihre internationalen Kollegen indes den anderen Chinesen im Wettbewerb, Wang Xiaoshuais „So Long, My Son“, ein dreistündiges, Jahrzehnte umspannendes Familiendrama.

Auch der israelische Selbstfindungsfilm „Synonyme“ von Nadav Lapid wird hoch gehandelt – ebenso wie der türkische Beitrag „A Tale of Three Sisters“, in dem sich drei anatolische Schwestern gegen das Patriarchat auflehnen. Eine zahnlose Alte rollt sich da immer wieder purzelbaumschlagend einen Hügel hinab – derlei symbolische Selbstbefreiungsgesten kommen bei Festivaljurys stets gut an. Am Samstagabend wissen wir mehr.

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