Würzburgs Operndirektor Berthold Warnecke und sein Wunsch für Münsters Musikszene
„Hauptsache, eine Musikhalle!“

Münster/Würzburg -

Münsters Sinfonieorchester, die Musikhochschule und die Westfälische Schule für Musik feiern in diesem Jahr gemeinsam das 100-jährige Bestehen. In einer Serie blicken Theaterleute, Musiker, Dirigenten und Schauspieler mit Wurzeln oder prägenden Eindrücken in der Westfalenmetropole auf ihre Erfahrungen mit der Musik- und Bühnenwelt der Stadt zurück. Heute: Dr. Berthold Warnecke, Operndirektor am Mainfranken-Theater in Würzburg, im Gespräch mit Johannes Loy. Beide verbinden gemeinsame Jugendjahre in der Dyckburg-Pfarre in Münster, daher das persönliche „Du“.

Freitag, 08.03.2019, 17:14 Uhr
Der Musikwissenschaftler Dr. Berthold Warnecke (48) aus Münster ist nach Stationen als Musikdramaturg an den Theatern Münster und Erfurt nun seit 2016 Operndirektor am Mainfranken-Theater in Würzburg.
Der Musikwissenschaftler Dr. Berthold Warnecke (48) aus Münster ist nach Stationen als Musikdramaturg an den Theatern Münster und Erfurt nun seit 2016 Operndirektor am Mainfranken-Theater in Würzburg. Foto: Nik Schölzel

Dein erster Kontakt zur Musik?

Berthold Warnecke : Im Elternhaus und dann natürlich durch den Klavierunterricht seit 1978. 17 Jahre wurde ich privat von Bernhild Melzer unterrichtet. Sie ist 2017 im gesegneten Alter von 98 Jahren gestorben.

Wie verlief Dein Weg zum Theater?

Warnecke: Der begann eigentlich, wie ich mich erinnere, noch in der Zeit von Intendant Karl Wesseler und Generalmusikdirektor Lutz Herbig. Ich besuchte mit meinem Vater 1984 die Mozart-Oper „Figaros Hochzeit“. Damals war die großartige Suzanne McLeod ganz neu im Ensemble und sang die Marcellina. Tags darauf bin ich zum Schallplattenladen am Alten Fischmarkt gegangen und habe mir die Platte mit der Operneinspielung von Sir Neville Marriner gekauft. Anhand dieser Oper und dieser Platte habe ich Italienisch gelernt. Mein Romanistik-Professor hat später immer gelacht, weil ich ein so altertümliches Italienisch sprach. Das Antrittskonzert von Will Humburg 1992 war sozusagen dann das zweite „Erweckungserlebnis“. Es gab Tschaikowskis „Capriccio Italien“ und Beethovens Siebte, und da stand für mich fest: Ich will mit diesem Dirigenten und diesem Orchester arbeiten!

Dein Weg führte doch recht gradlinig zu den Städtischen Bühnen Münster ...

Warnecke: Das stimmt. Ich habe von da an fast jedes Konzert besucht. Über den damaligen Musikdramaturgen Wolfgang Haendeler (jetzt Intendant in Hameln), der regelmäßig zur Literaturrecherche ins Musikwissenschaftliche Seminar kam, stand ich in zunehmend engerem Kontakt mit dem Theater. 1995/96 habe ich wohl meinen ersten Beitrag für ein Konzertprogrammheft verfasst. Ich hatte dann 1998 nach Abschluss des Studiums Glück, dass ich Haendelers Nachfolger werden konnte. Eigentlich untypisch, dass man so ein Amt in seiner Heimatstadt bekommt, zumal es damals rund 100 Mitbewerber gab ...

Wie würdest Du die Zeit mit Generalmusikdirektor Will Humburg charakterisieren?

Warnecke: Ich habe wirklich alles bei ihm und von ihm gelernt. Vor allem die Gestaltung von Konzert- und Opernspielplänen: Alles war durch und durch dramaturgisch gedacht! Es ging also nicht darum, irgendwelche Wunschkonzerte oder Jubiläen abzuarbeiten, weil sie gerade „dran“ waren. Er setzte seine Stücke und Programme vielmehr in einen übergeordneten Kontext, unter ein Leitthema. Sie sollten auch miteinander in Beziehung stehen. Er hat in seinen Konzerten regelmäßig die oft übliche Routine von Ouvertüre, Solokonzert und Sinfonie durchbrochen, außerdem war die zeitgenössische Musik nach 1945 ganz selbstverständlicher Bestandteil der Programme. In der Oper war sicher Regisseur Dietrich Hilsdorf prägend. Bei Ligetis „Le Grand Macabre“ durfte ich hospitieren, bei Azio Corghis „Senja“ und Verdis „Don Carlo“ war ich später sein Dramaturg. Ich habe in dieser personellen Konstellation am Theater durchaus auch die Reibungsfläche mit schwierigen Temperamenten gesucht. Hilsdorf konnte wettern oder brüllen, legte sich auch schon mal unter den heruntergehenden Eisernen Vorhang, um zu demonstrieren, dass er die Probe beende und nicht ein Techniker. Und Humburg stand mit aller Energie hinter seinen Sängerinnen und Sängern und führte sie. Manchmal habe ich bei Strichfassungen – etwa beim „Tristan“ – noch nachts um 3 oder 4 Uhr mit ihm zusammengesessen. Alles in allem waren das wirklich fruchtbare Lehrjahre.

Dann der Wechsel nach Erfurt ...

Warnecke: Ich erinnere mich gut an die Wechselzeit. Zunächst war da noch 2007 die Zehn-Millionen-Gala zugunsten einer neuen Musikhalle, aus der ja leider nichts wurde. Unterstützung kam selbst von Simon Rattle aus Berlin. In Erfurt kam ich an ein nagelneues Theater. Hatte ich in Münster noch den deutlichen Orchesterschwerpunkt, wurde nun die Oper zur eigentlichen Herausforderung. Schön war vor allem, dass ich dort die internationale Seite der Oper kennenlernen durfte und intensiven Kontakt zu verschiedenen Regisseuren bekam. Seitdem bin ich zum Beispiel eng mit Dominique Horwitz befreundet, mit dem ich zuletzt Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ sowie mehrere Revuen für den WDR herausgebracht habe; aktuell ist ein Offenbach-Programm mit ihm in Arbeit. Auch ergaben sich Kontakte zu Katharina Wagner, die mit mir in Buenos Aires den „Parsifal“ aufführen wollte. Aufgrund eines Intendantenwechsels am Teatro Colón wurde in letzter Minute leider nichts daraus.

Dann Operndirektor in Würzburg, eine neue Stufe.

Warnecke: Als Operndirektor hat man natürlich schöne Möglichkeiten. Man kann nicht nur Empfehlungen für diese oder jene Produktion aussprechen, sondern sie selber von A bis Z aus der Taufe heben und das Profil einer Saison prägen. Natürlich kommt da auch eine Menge Verwaltungskram auf einen zu. Wir sind in Würzburg ein relativ kleines Theater und bringen pro Saison nur fünf neue Produktionen im Großen Haus heraus. Eine besonders schöne Herausforderung stellt sich für unsere Kammer in diesem Jahr: Ich habe erstmals ein Libretto für eine Kinderoper geschrieben: „Siegfried, der kleine Drachentöter“; Premiere ist am 24. März. Im Übrigen muss jetzt auch in Würzburg grundlegend saniert werden, das Haus ist etwa zehn Jahre jünger als das in Münster. Außerdem muss ein neues Kleines Haus her. Gesamtinvestition: 63 Millionen Euro.

Tickt Würzburg kulturell ähnlich wie Münster?

Warnecke: Es ist natürlich kleiner, von der Studentenstruktur aber ähnlich. Ich mag die Mentalität der Franken. Außerdem ist Würzburg eine Weingegend, das wirkt sich auch auf das mitmenschliche Klima aus. Die Leute sind offen, herzlich, zugewandt.

100 Jahre Musik in Münster, was geht Dir da durch den Kopf, was wünscht Du der Stadt zum Jubiläum?

Warnecke: Ich wünsche ihr vor allem, dass sie endlich eine Musikhalle bekommt. 2007 war im Grunde alles bereitet. 30 Millionen hätten vollkommen gereicht, um einen guten Saal zu bauen. Ich verweise auf das Konzert-Theater Coesfeld, das für 18 Millionen entstand, den Kostenrahmen einhielt und bis heute vorbildlich funktioniert. Alles das hätte man in Münster auch haben können, es wurde kleinlich in Neiddebatten zerredet.

Mittlerweile ist ja die Rede von einem Musikcampus, um eine breitere Kulturschicht auf dem Weg mitzunehmen …

Warnecke: Ich kann nur noch einmal betonen, dass ich Münster eine wirklich gute Musikhalle wünsche und nicht ein wie auch immer aussehendes Kongresszentrum, das mit tausend anderen Funktionen überfrachtet wird. Denn dann würde ein solcher Bau möglicherweise wieder ein schlechter Kompromiss.

Was bewegt Dich, wenn Du an Deine Zeit in Münster zurückdenkst?

Warnecke: Für mich ist das Sinfonieorchester immer noch „mein“ Orchester. Ich habe enge Kontakte dorthin bis heute. Das Sinfonieorchester investiert vorbildlich in die kulturelle Arbeit mit Jugendlichen. Münster hat außerdem, wie ich finde, das beste Konzertpublikum. Und das hat eine gute Konzerthalle verdient. Leider haben sich vor zehn Jahren Hinz und Kunz in die Debatte um die Musikhalle eingemischt. Auch jene, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Ich mische mich ja auch nicht in die Debatte um ein Preußenstadion ein, wenn ich davon keine Ahnung habe. Die Debatte damals hat Münster leider weit zurückgeworfen. Meine kulturpolitische Erfahrung über die Jahre zeigt: Nur dort, wo auch Hoch- und Spitzenkultur gefördert und verwirklicht wird und ihren entsprechenden Rahmen erhält, entsteht auch eine fruchtbare freie Szene. Es bringt überhaupt nichts, diese Bereiche gegeneinander auszuspielen.

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