„Willkommen bei den Hartmanns“ im Boulevard Münster gefeiert
„Chill mal dein Gesicht!“

Münster -

Die fremde Welt zu Gast bei Spießbürgern. So könnte man den Filmstoff von Simon Verhoeven treffend betiteln. Das Boulevard Münster hat sich des Kinoerfolgs „Willkommen bei den Hartmanns“ mit beachtenswertem Gespür für Text und Timing angenommen. Nach zwei turbulenten Stunden auf der kleinen Bühne an der Königsstraße gibt es herzlichen Applaus.

Sonntag, 17.03.2019, 17:04 Uhr aktualisiert: 17.03.2019, 19:14 Uhr
Flüchtling Ahmed (Ahmad Dimassi) stellt sich bei den Hartmanns (Roland Heitz, Tilman Rademacher, Jonathan Steinbiß, Miriam Hornik, Angelika Ober, v.l.) vor. Die Jubelstimmung weicht aber bald weltanschaulichen Irritationen.
Flüchtling Ahmed (Ahmad Dimassi) stellt sich bei den Hartmanns (Roland Heitz, Tilman Rademacher, Jonathan Steinbiß, Miriam Hornik, Angelika Ober, v.l.) vor. Die Jubelstimmung weicht aber bald weltanschaulichen Irritationen. Foto: Pittermann

Das liegt nicht nur an der straffen Regie von Prinzipalin Angelika Ober , sondern auch an der geschlossenen Ensembleleistung, in der viele Rollen punktgenau besetzt werden müssen. Auch fördert diese Stück tiefgründigere Gefühlsfacetten ans Licht. Denn was hier verhandelt wird, ist nicht der übliche Boulevardstoff mit Klamotten-Wechsel und knallenden Türen. Spätestens als der 12-jährige Basti ( Jonathan Steinbiß ), sonst eher mit Party und Rap beschäftigt, in der Schule die dramatische Flucht des Syrers Ahmad (Ahmad Dimassi) referiert, der Zuflucht im Hause der Hartmanns gefunden hat, schleicht sich Betroffenheit in die Szenerie.

Dies umso mehr, als Ahmad Dimassi als Gast im Ensemble wirklich einen Flüchtlingshintergrund hat und diese Rolle so authentisch spielt, als sei er direkt aus dem Leben auf die Bühne gesprungen. Wie ein gutmütiger Teddy mischt er da die bürgerliche Familienstruktur der Hartmanns auf: Während Angelika, die pensionierte Lehrerin, ihre soziale Ader hervorkehrt und dabei gern dem Wein zuspricht, ist Vater Richard als alternder Arzt mit Hang zu Botox eher der spießige Skeptiker mit Problemen an vielen Fronten. Der Fremde im Haus stört, die eigene Tochter Sophie (Miriam Hornik) scheint ihr Studium zu verbummeln, und der Sohn Philipp (Tilman Rademacher) schwebt zwischen Business in Fernost und Schulsprechstunde für seinen chillenden statt lernenden Sohn.

Die kleine Bühne, links das plüschige Wohnzimmer, rechts der Garten mit Esstisch (Bühnenbild: Peter Pittermann), wird für rasche Schnitte an andere Orte (Schule, Krankenhaus, Psychiatrie, Joggingrunde) mit einem violetten Vorhang abgetrennt, und flugs geht es wieder zurück in die Stube, wo sich Ahmad mit seiner orientalischen Sicht auf Familie und Geschlechterrollen immer wieder im Clinch mit der westlichen Kultur befindet. Die üblichen Vorurteile der Hartmanns, die Ahmad langsam abbaut, spiegeln die Vorbehalte der westlichen Gesellschaft. Und wenn Ahmad einen Sack Kunstdünger in den Garten trägt, keimen Terror-Ängste. Der wird doch nicht Sprengstoff anrühren!

Doch das bleibt nicht das einzige Thema des Stücks. Vater und Mutter Hartmann müssen sich als Ehepaar neu sortieren, Tochter Sophie muss ins verantwortliche Leben finden und Tarek (Stefan Naszay), der Arztkollege von Vater Hartmann, möchte eine Frau fürs Leben finden, die er in Sophie erblickt. Wie sich das zusammenfügt, das sollte man sich ansehen und dabei auch ein Stück bundesrepublikanischer Geschichte seit 2015 in Theater-Verdichtung erleben. Rap-Einlagen bringen Würze in die Szenerie, und wenn die Hartmanns wieder gar zu ernst gucken, heißt es stets: „Chill mal dein Gesicht!“ 

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