Auch die Niederdeutsche Bühne Münster feiert ihr 100-jähriges Bestehen
Dem Volkstheater verpflichtet

Münster -

Es gibt noch eine 100-Jährige, die es neben Sinfonieorchester, Musikschule und Musikhochschule dieser Tage zu feiern gilt: Auch die Niederdeutsche Bühne nahm 1919 ihren Spielbetrieb in Münster auf. Über die Geschichte des Volkstheaters sprach unser Redaktionsmitglied Petra Noppeney mit der Vorsitzenden Elisabeth Georges.

Mittwoch, 20.03.2019, 18:14 Uhr
Elisabeth Georges ist Vorsitzende der Niederdeutschen Bühne Münster.
Elisabeth Georges ist Vorsitzende der Niederdeutschen Bühne Münster. Foto: pn

Frau Georges , am 12. Mai 1919, kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs , kam es zur Gründung der Niederdeutschen Bühne in Münster. Was war der Anlass?

Elisabeth Georges: Die Literarische Gesellschaft Münster hatte seinerzeit die Sorge, dass die niederdeutsche Sprache untergeht. Also wurde die „Niederdeutsche Bühne der Literarischen Gesellschaft Münster“ gegründet – zum Zwecke der „Pflege und Förderung der niederdeutschen Bühnendichtung insbesondere durch Aufführungen von norddeutschen Bühnenwerken“, wie es in der Satzung hieß. Sie wurde später um den Zusatz erweitert, dass dieses Bemühen auch durch „Lesungen und Veröffentlichungen unterstützt werden soll.

Mit welchem Stück begründete die Niederdeutsche Bühne ihre nunmehr 100-jährige Tradition als Volkstheater in Münster?

Georges: Mit einem Stück namens „Hatt giegen Hatt“ ((Hart gegen hart, Anm. der Redaktion) von Karl Wagenfeld . Wir haben überlegt, ob wir es als Jubiläumsstück noch einmal aufführen, haben uns aber dagegen entschieden, weil es voller heute nicht mehr nachvollziehbarer Dramatik ist. Es geht darin um einen Konflikt zwischen Vater und Sohn in einer Bauernfamilie. Der Sohn will die Magd heiraten, für den Vater ist sie nicht standesgemäß. Im Originaltext erschießt der Vater am Ende seinen Sohn. Bei der Theaterfassung damals wurde aber ein versöhnlicher Schluss gewählt. Wir werden das Stück mit einer kleinen Szene bei unserem Festakt im Mai berücksichtigen.

Ist es denn so, dass die Stücke der Niederdeutschen Bühne in den Anfängen ohnehin eher ernster Natur waren?

Georges: Ja, in der ersten Zeit gab es nur ernste Stücke, und die waren immer erfolgreich. Bis 1935 blieb das so, danach wurden auch Komödien ins Programm genommen.

Und wie ist es der Niederdeutschen Bühne im Zweiten Weltkrieg ergangen?

Georges: Die Niederdeutsche Bühne hat eigentlich die ganze Zeit über durchgespielt. Allerdings wurden während des Krieges nur Komödien aufgeführt, denn Tragödien erlebten die Besucher im Alltag genug. Unser Archiv weist zum Beispiel aus, dass die Niederdeutsche Bühne auf Bestreben der Nationalsozialistischen Gemeinschaft Kraft durch Freude (KdF) zur Truppenbetreuung nach Flandern gefahren ist, um dort zur Erbauung der Truppen zu spielen. Viele deutsche Soldaten waren damals dort stationiert, wie der damalige Geschäftsführer der Niederdeutschen Bühne berichtet.

Wie erging es denn den Akteuren der Niederdeutschen Bühne in den entbehrungsreichen Kriegsjahren?

Georges: Ein Problem war, dass viele Männer fehlten oder ihr Einsatz nicht planbar war. Alte Spieler erzählten, dass sie zumeist in ungeheizten Räumen proben mussten und darum selber Brennmaterial für den Ofen mitbrachten.

War die Niederdeutsche Bühne eigentlich von Anfang an gebunden an das Theater?

Georges: Ja, das gehört zu dem zwischen dem Theater und der Bühne vereinbarten „Gewohnheitsrecht“. Die Spieler der Niederdeutschen Bühne spielen ohne Gage, wir stellen zudem den Souffleur und den Inspizienten. Dafür steht uns der volle Theaterbetrieb zur Verfügung – vom Regisseur über die Maske und den Fundus bis zur Bühnenausstattung und -technik.

Hat die Niederdeutsche Bühne nach dem Krieg sofort wieder gespielt?

Georges: Ja, das ging nahtlos weiter. Nur zwischen 1953 und 1959 gab es eine sechsjährige Spielpause, weil es nach den Erzählungen der „Alten“ interne Konflikte in der NDB gab.

Wie ging es 1959 weiter?

Georges: Am 17.4.1959 wurde der Spielbetrieb mit Josef Bergenthals Stück „Jans Baunenkamps Himmel- und Höllenfahrt“ nach einer Erzählung von Wagenfeld wieder aufgenommen, damals im Annette-Gymnasium als Spielort. Von da an gab es pro Saison ein Stück der Niederdeutschen Bühne im Spielplan des Theaters. Das ist noch heute Inhalt des Vertrages. Vor allem Stadtrat Wilhelm Vernekohl, bis 1957 Kulturdezernent in Münster und Vorsitzender der NDB, war damals maßgeblich an der Wiederaufnahme der Bühnentätigkeit der NDB beteiligt.

Und wann sind Sie selbst zur Niederdeutschen Bühne gestoßen?

Georges: Ich bin 1975 eingestiegen. Da ich mit der plattdeutschen Sprache groß geworden bin, habe ich liebend gern plattdeutsche Hörspiele gehört mit Größen wie Mimi Frenke oder Wilhelm Böckenholt. Ich war damals vier Jahre lang als Bildungsreferentin in der außerschulischen Bildungsarbeit in München tätig gewesen – eine sehr anstrengende Tätigkeit. Als ich zurückkam nach Münster in den Schuldienst, da habe ich mir geschworen, in der Freizeit nur noch zu tun, was ich möchte: da stand das plattdeutsch Theaterspielen obenan.

Sind Sie sofort verpflichtet worden?

Georges: Ja, ich habe mich xxx vorgestellt, habe ein Jahr lang zugeguckt und souffliert und 1976 debütiert in Paul Schureks „Jöppe in’t Paradies“ in der Inszenierung von Werner Brüggemann. Mein Partner hat danach zu mir gesagt: „Ich musste dich ganz stark festhalten, weil Du so gezittert hast.“ Das kam nicht von ungefähr: In der ersten Reihe saßen Verwandte, und die hörte ich permanent zischen: „Libbeth, wir sind da, wir gucken genau, was du machst.“ Das Lampenfieber gehört aber nach wie vor dazu.

Wer waren denn die herausragenden Spieler damals?

Georges: Das waren Herrmann Hartmann, Willi Lingner, Bernhard Frehe, Mieze Habel und die unvergessliche Mimi Frenke, bis 1988 die Grande Dame unserer Bühne, die mir zur richtigen Freundin wurde. Alle Genannten waren echte „Charakterköppe“, Originale, die es so heute nicht mehr gibt, mit Ausnahme von Hannes Demming vielleicht, ein Urgestein und langjähriger Vorsitzender der Bühne. Werner Brüggemann als Regisseur – das war eine harte, aber gute Schule, durch die er mich geschickt hat. Alle genannten Bühnengrößen waren durch das Plattdeutsche geprägt. Das war für sie nicht nur eine Sprache, sondern ein Lebensgefühl.

Und die Zuschauer?

Georges: Sie verändern sich auch. Aber wir haben ein ganz treues Stammpublikum auch aus umliegenden Orten, die seit Jahrzehnten in Gruppen zu uns kommen. Und mit den jüngeren Spielern erreichen wir auch jüngere Zuschauer.

Wie sieht Ihre Prognose für die Zukunft der Niederdeutschen Bühne aus?

Georges: Ich bin sicher, dass es weitergeht, weil wir Akteure haben, die mit voller Energie und Spielfreude bei der Sache sind, auch weil wir stets versuchen, ein Programm auf die Beine zu stellen, das ein gutes Gemisch vieler Genres ist: zB Krimis, Schwänke, Märchen, Komödien, Tragödien, Klassiker und anderes. Der Charakter des Volkstheaters darf dabei natürlich nicht verloren gehen. Wenn wir es schaffen, unser jetziges Niveau beizubehalten und wenn wir weitere junge Mitspieler gewinnen können, ist mir um die Zukunft der Niederdeutschen Bühne nicht bange.

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