Gerd Böckmann: In Münster begann der Weg des Schauspielers durch faszinierende Musikwelten
„Eine elektrisierende Klangwolke“

Münster -

Das Sinfonieorchester der Stadt Münster feiert 2019 mit der Westfälischen Schule für Musik und der Musikhochschule in Münster 100-jähriges Bestehen. In Interviews erinnern sich Musiker, Dirigenten und Schauspieler an prägende Begegnungen mit der münsterischen Musik- und Theaterwelt. Heute: Gerd Böckmann aus Wien, langjähriger Burgschauspieler.

Freitag, 22.03.2019, 18:36 Uhr
Der Schauspieler Gerd Böckmann (l.) und Dirigent Nikolaus Harnoncourt (1929-2016) während und nach einer humorvollen Aufführung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ mit dem Concertgebouw-Orchester Amsterdam.
Der Schauspieler Gerd Böckmann (l.) und Dirigent Nikolaus Harnoncourt (1929-2016) während und nach einer humorvollen Aufführung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ mit dem Concertgebouw-Orchester Amsterdam. Foto: Ronald Knapp

Herr Böckmann , erklären Sie uns bitte Ihre besondere Verbindung zu Münster…

Gerd Böckmann: 1954 bekam mein Vater eine Stelle als Klarinettist und Saxofonist in Münster. Er wirkte jahrzehntelang im Sinfonieorchester und als Lehrer an der Musikhochschule. Eine weitere Verbindung bestand durch zwei Mitschüler, mit denen ich die ungeliebten Jahre am Schillergymnasium verbracht habe. Mit Ulrich Eickhoff, Kulturredakteur in Berlin, war ich bis zu seinem Tod 2016 befreundet. Peter Heisterkamp traf ich zufällig 1976 im Flugzeug von New York nach Frankfurt wieder. Erst da erfuhr ich, dass sich hinter dem Pseudonym „Blinky Palermo“ mein Banknachbar Peter verbarg, der ein Künstler von Weltruf geworden war. Er starb wenig später. Sein Grab auf dem Zentralfriedhof liegt gegenüber dem meines Vaters. Eine sehr lebendige Verbindung aber ist bis heute meine Mutter, die im Per­theshaus lebt. Am 15. April werde ich ihren 99. Geburtstag mit ihr feiern. Große Vorfreude!

Erinnern Sie sich noch an Ihre ersten Besuche im 1956 eröffneten Theater?

Böckmann: Oh ja, im Sommer 1957 hatte mein Vater eine Wohnung für uns gefunden, Gartenstraße 13, Blick über die Promenade auf Überwasser- und Lambertikirche, meine Mutter und ich konnten ihm endlich nach zweieinhalb Jahren von Wuppertal nach Münster folgen. Zu einem ersten Spaziergang führte er mich auf den Prinzipalmarkt und dann zum Theater. Nach dem damals eher hässlichen Wuppertal schien sich mir die große Welt zu öffnen. Mein Vater war unglaublich stolz und erklärte mir alles. Die kleine Metallplastik am Eingang interpretierte er als eine Schleife am Frackhemd. Bald konnte ich ihn dann im Frack auf der Bühne in einem Konzert bewundern. Es war „Till Eulenspiegel“, er spielte auf der Es-Klarinette das berühmte, freche, übermütige Thema. In „Bilder einer Ausstellung“ von Mussorg­sky habe ich ihn kurz darauf an einem anderen Instrument erlebt, dem Zeit seines Lebens seine liebevolle Hingabe galt: In meiner Erinnerung spielte er ungeheuer ausdrucksvoll, mit warmem, singendem Ton das Saxofonsolo. Zu meinen ersten Besuchen zählte dann auch Shakespeares „Romeo und Julia“. Das schlug erneut wie eine Bombe ein. Prägend bis heute bleibt der Eindruck, als ich zum ersten Mal den Zuschauerraum für ein Sinfoniekonzert betrat. Dieses Gewirr von Dutzenden von Instrumenten, diese unverwechselbare Klangwolke hat mich damals elektrisiert. Deshalb ist jeder Konzertsaal dieser Welt in solchen Momenten für mich Kindheit und Heimat.

Hat Ihr Vater Sie auch frühzeitig an den Musik- und Instrumentalunterricht herangeführt?

Böckmann: Natürlich! Mit Blockflöte fing es an. In Münster ging’s dann los mit Klavier, da war ich 13 und schon mitten drin im Schulschlamassel. Trotz meiner Musikalität war es natürlich zu spät für eine Karriere als Pianist. Obwohl meine Tage neben der Schule zum Bersten gefüllt waren, befand mein Vater, es sei nun Zeit für Klarinetteunterricht. Ich habe die Klarinette geliebt, aber wenn mein Vater nach dem Unterricht nebenan im Wohnzimmer das Mozart-Konzert A-Dur geübt hat, war das für mich kein Ansporn, sondern Frust. Ich hatte ein Heft, in das mein Vater die Übungen schrieb, die ich absolvieren sollte. Irgendwann hatten die Proben in der Laienspielschar für Schillers „Die Räuber“ begonnen. Eines Tages griff ich wieder zur Klarinette, öffnete das Heft und las: „,Die Räuber’ von Schiller. Dein Vater.“ Die Klarinette hatte mich ans Theater verloren.

Und nun begeht Münster den 100. Geburtstag seiner Musikinstitutionen ...

Böckmann: ... und ich vernahm, dass dies am 9. Juni auf dem Prinzipalmarkt mit Orffs „Carmina Burana“ gefeiert wird. Wenn ich kann, komme ich und singe mit! Eines meiner ersten zündenden Konzerterlebnisse in Münster waren eben diese „Carmina Burana“, aber: in Anwesenheit von Carl Orff!

Können Sie sich noch an Dirigenten oder Kollegen Ihres Vaters erinnern?

Böckmann: Generalmusikdirektor war zunächst Robert Wagner , ich habe ihn irgendwie distanziert und blutarm in Erinnerung. Es gab viel Bruckner, mit dem ich nichts anfangen konnte. Erst mit Mitte 30 erlebte ich eine Interpretation der Vierten unter Daniel Barenboim, die mir Herz und Verstand für ihn öffneten. Jahre später erzählte ich Barenboim, dass ich ihm meine Bruckner-Erweckung verdanke. Er meinte: „Wie schön, ein Jude bringt einem Protestanten katholische Musik nahe.“ Auf Wagner folgte Reinhard Peters. Temperamentvolle Körpersprache, ein quirliger Vermittler. Schon mehr mein Fall. Sehr präsent sind mir bis heute einige der damaligen Kollegen meines Vaters: Karl Heinz Sonius, Flöte, Kunibert Ebach, Oboe, Hans Myszlewitz, Horn, Alfred Bertram, Trompete. Dann der Fagottist Klaus Thunemann. Unzählige Aufnahmen als Solist bezeugen sein Ausnahmetalent. Keine Fußballer oder Schlagersänger, sondern diese Musiker waren die Popstars meiner Jugend.

Wie haben Sie Ihren Vater als Musiker im Sinfonieorchester erlebt? Welche Rolle hat er im kulturellen Leben gespielt?

Böckmann: Ich denke, dass er innerhalb des Orchesters eine bestimmende Figur war. Wohl wegen seiner konzilianten, höflichen, liebenswürdig ausgleichenden und humorvollen Art war er ja über viele Jahre Orchestervorstand. Für mich war er ein Orchestermusiker, der nicht „Dienst“ geschoben hat, sondern mit Leib und Seele dabei war. Dafür spricht seine Liebe zur Kammermusik, insbesondere die Gründung des „Westdeutschen Saxophonquartetts“. Für meine Inszenierung von „Crimes of the Heart“ von Beth Henley am Stuttgarter Staatstheater habe ich ihn gebeten, ein Saxophonsolo zu komponieren und einzuspielen. So haben wir zumindest einmal wenigstens aus der Entfernung mitein­ander gearbeitet. Ich liebe zudem den Gedanken, dass er in seinen Schülern weiterlebt.

Auf welche Zeitspannen, Rollen und Begegnungen schauen Sie besonders gerne zurück?

Böckmann: Die Arbeit mit Nikolaus Harnoncourt war das Schönste und Lehrreichste meiner gesamten Karriere. Kompetenz und Bescheidenheit, Besessenheit bei respektvollem Umgang, Genialität ohne Allüren. Für Beethovens Bühnenmusik zu Goethes „Egmont“ hatte er eine Fassung erarbeitet, mir aber die Freiheit gelassen, Änderungen vorzunehmen. Auf einer der letzten Orchesterproben in Amsterdam mit dem Concertgebouw Orkest hatte ich plötzlich die Idee, an einer bestimmten Stelle noch einen Satz zu sprechen. Ich unterbrach und fragte, ob er statt einer Viertelpause eine Fermate dirigieren könnte. Die Mutis dieser Welt hätten mir wohl den Kopf abgerissen. Nach kurzem Zögern: „Probieren wir’s.“ Es funktionierte wunderbar. Nach „Thamos“ von Mozart, ebenfalls im Concertgebouw Amsterdam, kam dann dort auch Shakespeares „Sommernachtstraum“ mit der Bühnenmusik von Mendelssohn. Gemeinsam haben wir eine Fassung erarbeitet, in der ich alle Rollen spielen sollte. Bis auf die „Wand“. Er war schnell überredet, in der Szene, in der „Pyramus“ sich mit „Thisbe“ verabredet, auch als Schauspieler mitzumachen. Mit der rechten Hand hielt er einen Ziegelstein auf seinem Kopf, mit der Linken dirigierend spielte er die Szene mit mir und holte sich gekonnt ein paar Lacher ab. Er fehlt.

Der Goldene Saal des Musikvereins ist, wie Sie einmal sagten, Ihr „zweites Wohnzimmer“. Wie sieht Ihre Verbindung zur Musik heute aus?

Böckmann: Aufgetreten bin ich dort bisher leider nur einmal. In Honeggers „Jeanne d’Arc“ unter Bertrand de Billy. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte mit jemandem musizieren, aber mein Klavierspiel ist zu mies. Das lasse ich lieber. Mir bleibt nur die Sprache. Früher bin ich ja Pianisten, die ich besonders verehrt habe, nachgereist. Ein verrückter „Klavieromane“ bin ich immer noch und neugierig auf alles Neue.

Was wünschen Sie dem Sinfonieorchester der Stadt Münster, der Musikhochschule und der Musikschule zum 100. Geburtstag ?

Böckmann: Dass niemals ein verrückt gewordener Politiker auf die Idee kommt, an diesen Institutionen herumzusparen oder sie gar zu schließen. Happy Birthday and many more!

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Eine ausführliche Fassung des Interviews findet sich im Online-Angebot unserer Zeitung.

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