Bilder der Maler von Barbizon und von Otto Modersohn in Tecklenburg
Die Natur in stiller Größe

Tecklenburg -

Otto Modersohn (1865-1943) hatte künstlerische Vorbilder – die Meister von Fontainebleau. Das Modersohn-Museum in Tecklenburg stellt 20 ihrer Meisterwerke vor. Und kontrastiert sie mit zehn Bildern Modersohns. Eine spannende Entdeckungsreise in Natur und Landschaft.

Donnerstag, 28.03.2019, 18:02 Uhr aktualisiert: 28.03.2019, 19:16 Uhr
Himmel, Natur und Landschaft als unmittelbarer Eindruck: Kurator Prof. Dr. Erich Franz steht hier vor einem Gemälde von Théodore Rousseau (1812-1867) mit dem Titel „Landschaft bei den Schluchten von Apremont“, um 1845-1850).
Himmel, Natur und Landschaft als unmittelbarer Eindruck: Kurator Prof. Dr. Erich Franz steht hier vor einem Gemälde von Théodore Rousseau (1812-1867) mit dem Titel „Landschaft bei den Schluchten von Apremont“, um 1845-1850). Foto: Johannes Loy

Otto Modersohn (1865-1943), dessen Andenken das feine Museum in Tecklenburg für das Münsterland vorbildlich pflegt, liebte die Natur. Die Wallhecken, Hohlwege und Bachläufe im Münsterland ebenso wie die Börde bei Soest und die Moorlandschaft bei Worpswede. Die Liebe zum Natur-Sujet und zur Umsetzung in Zeichnung und Gemälde entsprang freilich nicht allein seinem eigenen Naturell und Können. Denn beim Malen hatte er große Vorbilder: „Meine ganze Neigung gilt den Franzosen, ihr Geist umwebt mich beständig. Alle Meister von Fontainebleau haben für mich darin das Gemeinsame, dass sie der Natur ganz allgemein ihre Bilder entnommen.“

Das Otto Modersohn Museum Tecklenburg hat mit seiner Ausstellung 2019 das Glück, nun bis November eine exquisite Auswahl an Werken von Camille Corot, Gustave Courbet , Charles-François Daubigny, Díaz de la Peña, Jules Dupré, Paul Huet, Théodore Rousseau und Constant Troyon – allesamt Spitzenkünstler des 19. Jahrhunderts – aus einer hochkarätigen Privatsammlung zeigen zu können.

In der Ausstellung korrespondieren etwa 20 Werke der französischen Meister mit zehn Gemälden und Zeichnungen Modersohns, der seinen Vorbildern huldigt und zugleich seinen eigenen künstlerischen Weg verfolgt.

Prof. Dr. Erich Franz aus Münster, der die Ausstellung kuratiert, weiß in wenigen Sätzen das Einzigartige, Faszinierende der Barbizon-Maler herauszuschälen. Es war, so erzählt er, der Wunsch der damaligen Künstler, die Natur jenseits der pulsierenden Stadt Paris neu zu entdecken, „die Emotionen und die Musik“ direkt aus er Natur zu entnehmen. In einem Extra-Raum tritt dem Besucher dabei der Künstler Jean­-Baptiste-Camille Corot (1796-1875) exemplarisch entgegen. Ob er nun ein Boot am Fuß einer Baumgruppe malt, vielleicht Felsformationen oder knorrige Eichenbäume bei der Schlucht von Apremont: Die Unmittelbarkeit des natürlichen Erlebens tritt dem Betrachter entgegen; er kann sich gewissermaßen in die Natur versenken. Und: Der Eindruck dieser Natur macht sich nicht fest an naturalistischen Details. Es sind im besten Sinne „unfertige“ Bilder, kein Baumblatt wird einzeln gesetzt, es sind Licht- und Schattenreize, farbige Flecken und Konturen, die den Gesamteindruck dieser Bilder prägen. Modersohn hat diese Form des Malens als junger Mann begeistert übernommen, und wenn man seinen „Abend bei Münster“ (1888) betrachtet, oder sommerliche „Wolkenberge“ (1892), vor denen sich ein einsames Bäumchen auf grüner Wiese duckt, wird die Meisterschaft dieser intimen Malerei sichtbar. Modersohn schreibt dazu: „Ich strebe zu anderen Zielen. Diese genialische Kraftmeierei steht auf einer sehr niedrigen Stufe. Stille, stille Größe ist so recht eigentlich mein Ziel. Mit wenigem viel sagen.“ Dass sich Künstler seit 1830 aus der pulsierenden Stadt Paris in der kleine Dörfchen Barbizon im Wald von Fontainebleau begaben, um den unmittelbaren Natur­eindruck künstlerisch umzusetzen, hat eben durchaus auch seine spätere Entsprechung mit Worpswede, wo Otto Modersohn Mittelpunkt einer Künstlerkolonie war. Schon die Franzosen setzen sich also damals nicht nur von der Stadt ab, sondern auch von einer Malerei, in der Natur nur Staffage oder Metapher war. Dort, in den Wäldern bei Paris, entstanden intime Naturporträts, und auch das vermeintlich Unspektakuläre wird in den Bildern zu neuer Größe erhoben. Das können schneebedeckte Felsen sein in einem wunderschönen Bild von Gustave Courbet (1819-1877). Oder eben Schluchten, die nur von Licht, Himmel, Erd- und Felsformationen leben wie bei Théodore Rousseau (1812-1867), der schon den Impressionismus vorwegnimmt. Bei Paul Huet (1803-1869) freilich geht es da noch etwas naturalistischer und detailfreudiger zu, und es lohnt sich, doch eine Zeit lang seine „Landschaft mit Bäumen und Teich“ zu studieren, um hier eine Kuh und dort Grashalme und einzelne Blüten zu entdecken.

Reduktion als echte malerische Meisterschaft: Otto Modersohns „Wolkenberge“, um 1892, zeigen wahre künstlerische Größe.

Reduktion als echte malerische Meisterschaft: Otto Modersohns „Wolkenberge“, um 1892, zeigen wahre künstlerische Größe.

Man mag den Franzosen, die damals in Barbizon malten, dankbar sein, dass sie ihr neues, freies Kunstverständnis der vorherrschenden Auffassung, die die Professoren der École des ­Beaux-Arts lehrten und die das Erscheinungsbild des Pariser Salons in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts weitgehend restriktiv bestimmte, entgegensetzten.

Die Faszination, die Modersohn beim Anblick dieser Bilder, die er zunächst nur als Fotos kannte, empfand, stellt sich auch heute beim Betrachter in Tecklenburg wieder ein.

Zum Thema

Die Ausstellung mit rund 30 Gemälden wird ergänzt durch die Schau „Natur ohne Farbe“ mit Druckgraphik als Medium französischer Landschaftsmaler im 19. Jahrhundert im Obergeschoss.Öffnungszeiten: Di bis So 11 – 18 Uhr. Öffentliche Führungen: jeden ersten Sonntag im Monat um 16.30 Uhr, Katalog.   | www.ommt.de

...
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6503341?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F201%2F
Nachrichten-Ticker