„Die Mitwisser“ im Borchert-Theater
Gefährlich freundliche Melonenmänner

Münster -

Der Autor Philipp Löhle breitet in dem Stück „Die Mitwisser“, das er selbst als „Idiotie“ bezeichnet, die Errungenschaften und Bedrohungen der Internetwelt aus. Das wirkt Szene für Szene wie eine kabarettistische Sketchparade. Deshalb wird im Borchert-Theater auch viel gelacht.

Freitag, 12.04.2019, 17:12 Uhr
Theo (Florian Bender, l.) wird mit lauter Kwants konfrontiert.
Theo (Florian Bender, l.) wird mit lauter Kwants konfrontiert. Foto: Klaus Lefebvre

Wer im Internet handelt, muss zuerst die Allgemeinen Geschäftsbedingungen akzeptieren. Für diesen Abend im Wolfgang-Borchert-Theater stehen die Geschäftsbedingungen im Programmheft. „Fast wie bei einer Karikatur“, beschreibt Regisseurin Monika Hess-Zanger nämlich das Stück „Die Mitwisser“. Und tatsächlich breitet Autor Philipp Löhle in seiner „Idiotie“ die Errungenschaften und Bedrohungen der Internetwelt Szene für Szene wie in einer kabarettistischen Sketchparade aus: Von Amazon über Google bis hin zu Parship oder YouTube werden die Phänomene durchdekliniert – nicht mit den echten Namen, der klarste ist noch „Gesichtsbuch“ – und von freundlichen Herren namens Kwant personifiziert. Die ähneln in Elke Königs Ausstattung dem liebenswerten Kinderhelden Pan Tau und dem René-Magritte-Melonenmann, erinnern in ihrem Wesen aber auch an die Zeitdiebe aus Michael Endes „Momo“. Herr Kwant und seine Klone indes, die man sich gratis ins Haus holen und als Helfer und Alleswisser benutzen kann, sammeln nicht nur Daten, sondern saugen damit zugleich die Freiheit und Individualität aus den Menschen, denen sie zu dienen scheinen.

In diese Botschaft und den Appell des Helden Theo Glass , der vom Kwant-Bewunderer zum Kritiker wird, münden die an einem dünnen Handlungsfaden aufgereihten Szenen. Denn Theo, von Florian Bender mit Emphase dargestellt, verliert durch den allwissenden Helfer seinen Enzyklopädisten-Job und stellt schockiert fest, wie stark Kwant sogar in sein Intimleben eingegriffen hat, während Theos zunächst skeptische Frau (Ivana Langmajer) ihrerseits einem Kwant verfällt und dadurch ihre Ehe ruiniert.

Monika Hess-Zangers Regie sucht nicht nach Tiefe bei Figuren, die kaum Charaktere sind, sondern setzt auf die Pointen und lässt die Schauspieler beherzt auftragen, etwa Rosana Cleve als erotische Versuchung Theos und Jürgen Lorenzen als gefährlich-freundlichen Kwant, dessen Leitmotiv das Symbol sozialer Netzwerke schlechthin ist: „Gefällt mir“.

Das Schlussbild zeigt als Schreckensvision, wie Theos Kassandra-Rufe verhallen: Die Kwants sind nicht nur Beherrscher der Szene, sondern tragen schon eine Schar krächzender Mini-Melonenbabys mit sich herum. Die Premierenzuschauer, die zu Beginn erfuhren, dass sie ihre Handys zwecks Datentransfer an diesem Theaterabend gern eingeschaltet lassen dürfen, honorierten ihn mit großem Beifall.

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