Sean Scully im Westfälischen Landesmuseum
Vaters Münzen, Vincents Farben

Münster -

Sein Vater war Frisör, erzählt Sean Scully, und das Kleingeld aus dem Geschäft, das sich zum Abzählen auf dem Tisch sammelte, hat er als Kind gern aufgestapelt. Man blickt auf die hohe, rund geformte Skulptur im Ausstellungsraum und denkt sofort: So sieht er also aus, der übergroß nachgeformte Münzstapel.

Freitag, 03.05.2019, 16:50 Uhr aktualisiert: 03.05.2019, 19:49 Uhr
„Blue Note“ hat Sean Scully dieses sechsteilige Großformat genannt. Titel und rhythmische Struktur des Gemäldes entsprechen der Aussage des Malers: „Ich male Bilder, die Rock’n’Roll beinhalten, statt Rock’n’Roll zu machen.“
„Blue Note“ hat Sean Scully dieses sechsteilige Großformat genannt. Titel und rhythmische Struktur des Gemäldes entsprechen der Aussage des Malers: „Ich male Bilder, die Rock’n’Roll beinhalten, statt Rock’n’Roll zu machen.“ Foto: Gunnar A. Pier

Sean Scully , 1945 in Dublin geboren und in London aufgewachsen, schafft ab­strakte Kunst. Und doch ist er keiner, vor dessen Gemälden und Skulpturen man in grüblerischer Andacht versinkt. Deshalb besitzt die Ausstellung, die das Westfälische Landesmuseum des Landschaftsverbandes gemeinsam mit der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe zusammengestellt hat und nun mit einigen gewichtigen Ergänzungen als zweite Station präsentiert, durchaus das Zeug zum Publikumsliebling.

Wovon schon jene gewichtigen Skulpturen künden, die direkt aus dem englischen Yorkshire angeliefert wurden. Die große, aus Stahl, ist schon seit Wochen Blickfang im Eingangsbereich des Museums am Domplatz, ihr kleineres Pendant aus Eisenbahnschwellen steht auf der anderen Seite und scheint sich direkt auf die dort beheimatete Rückriem-Skulptur zu beziehen – was allerdings glücklicher Zufall ist, wie Kuratorin Dr. Tanja Pirsig-Marshall bestätigt. Beide Scully-Werke sehen aus wie zum Kubus gestapelte Scheiben. Blickt man aber von der zweiten Museumsetage aus, wo die eigentliche Ausstellung gezeigt wird, durchs Fenster auf die wuchtigen Werke hinunter, so sieht man, dass sie innen hohl sind. „Schachteln voller Luft“ nennt Scully sie schelmisch und zieht eine Parallele zu seiner Malerei: Auch in den Bildern wirke etwas, das man fühlt, aber nicht sieht.

Die Ausstellung "Sean Scully. Vita Duplex"

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  • "Figure in Blue" (links) und "Blue Note" in der Ausstellung "Sean Scully. Vita Duplex" im LWL-Museum für Kunst und Kultur (Landesmuseum) in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Sean Scully vor dem Bild "Vita Duplex" in der Ausstellung "Sean Scully. Vita Duplex" im LWL-Museum für Kunst und Kultur

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Sean Scully vor dem Bild "Vita Duplex" in der Ausstellung "Sean Scully. Vita Duplex" im LWL-Museum für Kunst und Kultur

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Pressekonferenz (von links): Dr. Tanja Pirsig-Marshall, Frank Tafertshofer, Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger, Sean Scully, eine Dolmetscherin, Dr. Hermann Arnhold und Prof. Dr. Pia Müller-Tamm (Direktorin Staatliche Kunsthalle Karlsruhe)

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Ausstellung "Sean Scully. Vita Duplex" im LWL-Museum für Kunst und Kultur (Landesmuseum) in Münster, fotografiert am 3. Mai 2019.

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  • "Stack of Coins" in der Ausstellung "Sean Scully. Vita Duplex" im LWL-Museum für Kunst und Kultur

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  • Die elf Tonnen schwere Skulptur "Moor Shadow Stack" der Ausstellung "Sean Scully. Vita Duplex" vor dem LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster.

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  • "iPhone Inset Drawings" in der Ausstellung "Sean Scully. Vita Duplex" im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Sean Scully in der Pressekonferenz zur Eröffnung der Ausstellung "Sean Scully. Vita Duplex" im LWL-Museum für Kunst und Kultur

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Pressekonferenz (von links): Prof. Dr. Pia Müller-Tamm (Direktorin Staatliche Kunsthalle Karlsruhe), Dr. Tanja Pirsig-Marshall, Sean Scully, Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger und Dr. Hermann Arnhold.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Die elf Tonnen schwere Skulptur "Moor Shadow Stack" der Ausstellung "Sean Scully. Vita Duplex" vor dem LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Die elf Tonnen schwere Skulptur "Moor Shadow Stack" der Ausstellung "Sean Scully. Vita Duplex" vor dem LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • "Landline Green White" in der Ausstellung "Sean Scully. Vita Duplex" im LWL-Museum für Kunst und Kultur

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  • "Overlay 2" in der Ausstellung "Sean Scully. Vita Duplex" im LWL-Museum für Kunst und Kultur

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  • Ausstellung "Sean Scully. Vita Duplex" im LWL-Museum für Kunst und Kultur (Landesmuseum) in Münster, fotografiert am 3. Mai 2019.

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  • LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger

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  • "Red Mask" in der Ausstellung "Sean Scully. Vita Duplex" im LWL-Museum für Kunst und Kultur

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  • Sean Scully und Museumsdirektor Dr. Hermann Arnhold.

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  • Museumsdirektor Dr. Hermann Arnhold und Prof. Dr. Pia Müller-Tamm (Direktorin Staatliche Kunsthalle Karlsruhe)

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  • Sean Scully

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  • Dr. Tanja Pirsig-Marshall (links, Kuratorin der Ausstellung) und Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger (LWL-Kulturdezernentin) vor dem Bild "Vita Duplex" in der Ausstellung "Sean Scully. Vita Duplex" im LWL-Museum für Kunst und Kultur

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Ausstellung "Sean Scully. Vita Duplex" im LWL-Museum für Kunst und Kultur (Landesmuseum) in Münster, fotografiert am 3. Mai 2019.

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  • "Arles-Nacht-Vincent" in der Ausstellung "Sean Scully. Vita Duplex" im LWL-Museum für Kunst und Kultur

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Ausstellung "Sean Scully. Vita Duplex" im LWL-Museum für Kunst und Kultur

    Foto: Gunnar A. Pier

In den sechs Ausstellungsräumen sind die Bilder nicht chronologisch, sondern nach Themen wie „Gitter und Horizontale“ oder „Wände aus Licht“ angeordnet. Das klingt ein bisschen akademischer als Sean Scullys eigene Kommentare zu seiner Kunst, die er in Münster „beau­tiful“ präsentiert sieht – sowohl durch die Integration unterschiedlicher Werkgruppen als auch durch die Architektur des Museums. Tatsächlich ergeben sich Erklärungsmöglichkeiten für manches farbige Gemälde, wenn man die Schwarz-weiß-Fotografien Scullys von Steinmauern auf den irischen Aran-Inseln betrachtet: Wirken die Farbfelder in den Ölbildern nicht auf ähnliche Weise gefügt und geschichtet?

Und dann gibt es ja noch jenes Phänomen, das zum Titel der Ausstellung „Vita Duplex“ führt: Nicht so sehr die Doppelrolle des wortgewandten Künstlers als Maler und Autor steht hier im Vordergrund, sondern eher seine dialogische Kunst, die der vierte Ausstellungsraum thematisiert. Dem klassischen Diptychon mit zwei zusammengehörigen Bildern setzt Scully die Technik entgegen, ein Bild ins andere zu montieren. Er selbst weist beim Presserundgang auf dass titelgebende großformatige Werk aus senkrechten und waagerechten Blöcken hin, über das sich ein senkrechter Streifen zieht, als sei eine Leiter davorgelegt. Manche seiner Bildoberflächen wachsen in den Raum, ins Relief. Besonders deutlich ist das beim „Badenden“, der im Dauerausstellungsbereich bei den Expressionisten zu sehen ist – einer Matisse-Huldigung. Wer sich, was Traditionslinien angeht, lieber an Vincent van Gogh halten möchte, der findet im fünften Raum eine Dreierserie „Arles-Nacht-Vincent“ von intensiver Leuchtkraft: „Das Gelb van Goghs“ habe es ihm angetan, sagt Scully.

Zum Thema

Die Ausstellung „Sean Scully: Vita Duplex“ im LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster wird an diesem Samstag um 16 Uhr eröffnet und bis 8. September dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr gezeigt (am zweiten Freitag im Monat bis 24 Uhr).   | www.lwl-museum- kunst-kultur.de

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Sean Scully, der Abstrakte, wollte der Abstraktion nach eigenen Worten das Humane zurückgeben und ließ sich auch gern einmal den „Missbrauch der Sprache des Abstrakten“ vorhalten. Wer ihn im letzten Raum vor dem riesigen Bild „Blue Note“ von seiner Mutter erzählen hört, die einst als Sängerin an der englischen Südküste Talentwettbewerbe gewann und dadurch den Urlaub finanzierte, erlebt die Werke womöglich ganz neu.

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