Matthias Brandt und Jens Thomas mit der „Krankenakte Robert Schumann“
Wühlen in Wahn und Paranoia

Münster -

Matthias Brandt und Jens Thomas baden im Applaus, der im voll besetzten Großen Haus bis unters Dach brandet.

Montag, 20.05.2019, 10:14 Uhr aktualisiert: 20.05.2019, 10:30 Uhr
Jens Thomas (l.) und Matthias Brandt
Jens Thomas (l.) und Matthias Brandt Foto: Mathias Bothor

Matthias Brandt und Jens Thomas baden im Applaus, der im voll besetzten Großen Haus bis unters Dach brandet. Das Publikum dieses Weverinck-Abends ist hellauf begeistert – aber was hat es hier eigentlich erlebt? Eine Collage aus Wort und Musik, einen Blick in den Abgrund einer sich auflösenden Künstlerseele, eine Performance von furchtbar trauriger Intensität. Aber hat es auch etwas Wertvolles über Robert Schumann erfahren?

Brandt und Thomas, der Schauspieler und der Jazz-Pianist, haben schon mehrere Projekte gemeinsam bestritten. Matthias Brandt hat überdies eine Rundfunkreihe mit Schumann-Texten bestritten, ist dem genialen Romantiker also offenbar verbunden. Warum aber merkt man so wenig davon?

Was als „Krankenakte Robert Schumann“ annonciert wird, schleudert den Saal direkt die Zimmer-Gruft der „Irrenanstalt“. Die letzten zwei Lebensjahre werden aus der Sicht des Krankenpflegers Tobias Klingenfeld geschildert, wie es Peter Härtlings Roman „Schumanns Schatten“ von 1996 vorgibt. Aber während Härtling dessen jämmerliches Ende nur als einen Aspekt von vielen schildert, wühlen sich Brandt und Thomas ganz und gar hinein in Wahn und Paranoia. Dorthin, wo Syphilis die ohnehin depressive Seele Schumanns am Ende führte.

Dort ist kein Trost mehr und auch keine Musik, denn sie rinnt durch das kranke Gehirn wie Sand. Dort ist auch ein Genie wie Schumann nur noch Körper. Da fließt die Träne aus dem entzündeten Auge, der Sabber aus dem greinenden Mund, und ein Klistier fördert täglich Schumanns Exkrement zutage. Da packt manch einen wohl auch Wut: Die Wut auf das Schicksal, das dieses zuließ, ebenso wie die Wut auf die zwei Performer, die all dies in morbide Kunst transformieren. Und weil Brandt und Thomas so gut sind, tut es noch mehr weh.

Der Jazzer hütet sich meist vor Zitaten (was klug ist) und wütet im romantischen Lied („Ich hab im Traum geweinet“), falsettiert, tiriliert und landet am Ende irgendwo zwischen Tom Waits und buddhistischem Mönchsgesang. Der Schauspieler hingegen lässt die Anteilnahme des Pflegers im Vortrag fühlbar werden. Am Ende jedoch, als Robert und Clara sich ein letztes Mal zulächeln, finden Brandt und Thomas wie durch ein Wunder den richtigen Ton: Reines Mitgefühl für menschliches Leiden.

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