„Jedermann reloaded“ bei den Ruhrfestspielen
Dieser Jedermann rockt

Recklinghausen -

„Jedermann“ in einer Rock-Version? Das funktioniert prima. Philipp Hochmair und seine Band mit dem Namen „Die Elektrohand Gottes“ beweisen dies bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen.

Dienstag, 28.05.2019, 17:22 Uhr aktualisiert: 28.05.2019, 17:24 Uhr
Der reiche Prasser Jedermann (Philipp Hochmair) wird mit Endlichkeit und Tod konfrontiert. Das schmeckt ihm weitaus weniger als offenbar die Zigarre.
Der reiche Prasser Jedermann (Philipp Hochmair) wird mit Endlichkeit und Tod konfrontiert. Das schmeckt ihm weitaus weniger als offenbar die Zigarre. Foto: Heike Blenk

Es ist dunkel im Festspielhaus in Recklinghausen, als Jedermann, der einst grölende Prasser, ins Grab geht und damit seine Reise ins Jenseits antritt. Philipp Hochmair , der in diesem apokalyptischen Sprechkonzert alle Jedermann-Rollen verkörpert, ist jetzt still und fast unsichtbar. Er reckt ein Grablämpchen in die Höhe, stiefelt lautlos die Treppenstufen empor und entschwindet wie ein Seelenhauch durch eine Seitentür. Jetzt löst sich die Spannung im Publikum, bricht Jubel los: stehender, stakkatoartiger Applaus.

In dichten anderthalb Stunden hat das Recklinghäuser Festspielpublikum in der Produktion „Jedermann reloaded“ die zentrale Botschaft eingesogen. Was nützen Reichtum und Schein, wenn das Sein dadurch eine einzige vergängliche Lebenslüge ist? Dieser Jedermann, ein Rockstar, der vor unstillbarer Gier nach Geld, Liebe und Rausch verglüht, kommt dem Lebensgefühl heutiger Menschen durchaus nah. Wer vielleicht vorher skeptisch war, ob sich der in Salzburg zuweilen so betulich-barock daherkommende Jedermann-Stoff mit Rock- und Elektrosound vertragen könnte, ist jetzt überzeugt. Das passt schon!

Dunkel ist die Bühne auch schon zu Beginn, vorne am Bühnenrand steht nur ein Grabkreuz, dahinter flackern wie auf einem Zentralfriedhof die Grablämpchen. Nach etwa zehnminütigem Intro der dreiköpfigen Band „Die Elektrohand Gottes“ schwant den Gästen, dass dieser Abend recht laut werden könnte. Der langjährige Burg- und Thalia-Schauspieler Philipp Hochmair, Fernsehzuschauern unter anderem aus Krimis und der genialen Politsatire „Vorstadtweiber“ bekannt, stiefelt im Kampfdrill und mit Knobelbechern auf die Bühne, pafft Zigarre, trinkt „Bier“ und verfällt sprachgewaltig in die bekannten Hofmannsthal-Verse, die jeder Salzburg-Fan kennt und die doch in ihrer urwüchsigen Kraft so unverwüstlich sind. Einen „Lustgarten“ will er kaufen, dazu jongliert der reiche Rocker mit glitzernden Geldbeuteln. Die anfänglich grenzwertigen Phonzahlen der Musik-Band nimmt dieser Jedermann übrigens selbstironisch aufs Korn. „Es ist zu laut“, tönt er höhnisch bei einem seiner Ausflüge vom höheren Parkett hinunter, und einige, ganz wenige, können das offenbar nicht gut an den Ohren haben und verlassen den Saal. Doch die anderen, fast alle, harren aus und werden nicht enttäuscht! Denn mit zunehmender Spieldauer werden die Klänge vielschichtiger, weniger dröhnend und reißend, fantasievoller, und Hochmair zitiert nicht nur furios die Kernsätze aller Jedermann-Rollen. Nein, er durchlebt sie. Er schüttelt sich, er kämpft, brüllt, säuselt in allen Tonlagen und fast immer mit trefflichem Rock- und Elektrosound unterlegt, der auch Kernsätze aus dem Off als bestärkendes Echo erschallen lässt. Kein Stocken, kein Husten. Hochmair hat es drauf, beweist ungeheure Kondition, skandiert textverständlich gegen zuweilen dröhnende Riffs an. Er begegnet höhnisch dem Bettler, der ein paar Almosen erfleht, er schlüpft in die Rolle der Jedermann-Mutter, die ihn ermahnt, sein Leben gottesfürchtiger zu gestalten. Als Mammon türmt er sich Mengen an Goldbändern, die noch vom Pokalfinale in Berlin stammen könnten, aufs Haupt. Als Tod steht er unter einer roten Lampe und reckt einen Totenschädel in die Höhe. Welche Figur er gerade verkörpert, das steht eingeblendet in gotischen Lettern an der Bühnenrückwand.

Hochmair, der 2018 spontan für den erkrankten Tobias Moretti als Jedermann in Salzburg einsprang und bejubelt wurde, hat diese alternative Jedermann-Version bereits 2013 entwickelt und mit seiner Band über die Jahre stets weiter verfeinert. Salzburg kann den Festspielen im Sommer also wiederum ganz gelassen entgegensehen. Wenn jemand krank wird, Philipp Hochmair hat praktisch alle Rollen drauf.

Als wären die anderthalb Stunden Dauerfeuer auf der Bühne nichts gewesen, unterhält der 45-jährige Wiener die Gäste im Foyer des Ruhrfestspielhauses munter weiter, ordert lautstark Schallplatten und signiert sie fröhlich für seine Fans.  

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