„Jugend ohne Gott“ in Salzburg
Schwächelnde politische Aufklärung

Salzburg -

Da stockt dem gut situierten Salzburger Festspielpublikum zu Beginn der Atem: Kommt doch der Westfale und Dortmunder „Tatort“-Kommissar Jörg Hartmann auf die Bühne des Landestheaters, geriert sich als Spielansager und stellt sich dann als Lehrer vor mit der Frage: „Was verdanke ich Adolf Hitler!“ 

Mittwoch, 31.07.2019, 11:46 Uhr aktualisiert: 31.07.2019, 12:19 Uhr
Der Lehrer (Jörg Hartmann, M.) muss sich vor Gericht für sein Verhalten rechtfertigen.
Der Lehrer (Jörg Hartmann, M.) muss sich vor Gericht für sein Verhalten rechtfertigen. Foto: dpa

Die entwaffnende Antwort: „Alles!“ Es folgt die bekannte Litanei mit früherer Arbeitslosigkeit, Führerqualität und Volksaufschwung – Zitate aus einem 1935 in Braunschweig an Hitler geschriebenen Dankesbrief. Junge Leute in kurzen Hosen stürmen alsdann auf die Bühne und verpassen Hartmann einen graubraunen Pauker-Anzug. Ah ja, wir befinden uns in den 1930er Jahren. Das Spiel beginnt, und in der für die Bühne adaptierten Fassung von Thomas Ostermeier, dem Intendanten der koproduzierenden Berliner Schaubühne, entfaltet sich der beängstigende diktatorische Kosmos im Roman von Ödön von Horváth, den dieser Mitte der 30er Jahre hellsichtig zeichnete.

Die kahlen Baumstämme als Hintergrundkulisse (Bühnenbild: Jan Pappelbaum) mögen andeuten, dass jetzt eine Zeit der totalitären Trockenzeit anbricht. Doch der Wald bietet zugleich Kulisse für ein Hitlerjugend-Zeltlager und Manöverspiele. Jörg Hartmann spielt den Lehrer vielschichtig und überzeugend als Mann zwischen Baum und Borke. Auf der einen Seite die Freude über Lohn und Brot, dann aber das Unwohlsein über seine verrohende Schülerschaft. Ein Wort des Paukers über die Menschenwürde auch für Afrikaner (Horváth hatte noch das Wort „Neger“ benutzt), und schon gibt es gefährlichen Zoff im Unterricht und beim Elternsprechtag.

Es tut dem Stück nicht gut, dass die zentrale Frage nach den Mechanismen von Anpassung und Widerstand überdehnt wird durch einen Krimi und eine Gerichtsszene. Im Dunstkreis des HJ-Wehrertüchtigungslagers ist ein Tötungsdelikt an einem Schüler passiert. Der Lehrer selbst ist unwillkürlich daran beteiligt, hat er doch ein Metallkästchen aufgebrochen, um das Tagebuch eines seiner Schüler zu durchforsten. Nackte Neugier oder Anflug von Spitzelei? Übte der Tagebuchschreiber Rache am vermeintlich schuldigen Mitschüler? War seine aus der Besserungsanstalt entflohene Freundin (herauszuheben ist in dieser Rolle Alina Stiegler) involviert? Erst spät räumt der Lehrer vor Gericht indirekte Mitschuld ein. Ist das Courage? Oder eine Konzessionsentscheidung? Die Auflösung des Falles bringt allerdings einen ganz neuen total verrohten Tätertypus ins Bild.

Neben Hartmann agieren sieben junge Mitspielerinnen und Mitspieler in unterschiedlichen Rollen, die Bezeichnung der Akteure mit Buchstaben wie bei Horváth macht die Chose nicht griffiger. Immerhin gelingt es der Regie, besonders emotionsgeladene Szenen mit geschickten Videoprojektion und Kamera-Großaufnahmen herauszuzoomen. Doch in zweieinviertel Stunden ohne Pause und mit überbordend viel Text (auch die Frage nach Gott und seiner Gerechtigkeit klingt ausführlich an), schafft es Ostermeier letztlich nicht, aus der doch eher historisierenden Ebene auszubrechen und ein packendes Drama mit deutlichen Gegenwartsbezügen und aufklärerischem Impuls zu entwickeln.

So applaudiert das Publikum am Ende zwar freundlich. Ob es aber angesichts heutiger Tendenzen zu Nationalismus, Fremdenhass und Gleichgültigkeit gegenüber Flüchtlingen durch dieses Theaterstück betroffen ist, mag man – gerade in Österreich – doch mehr als bezweifeln.

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