Konzert in Moskau
Rammstein können auch soft provozieren

Sie sind Meister der Ambivalenz. Kaum eine der Provokationen von Rammstein lässt sich eindeutig interpretieren. Nun greifen die Musiker im Kampf gegen Homophobie zu spektakulären Mitteln.

Freitag, 02.08.2019, 10:21 Uhr aktualisiert: 02.08.2019, 10:24 Uhr
Rammstein bei einem Konzert im Berliner Olympiastadion.
Rammstein bei einem Konzert im Berliner Olympiastadion. Foto: Christoph Soeder

Berlin/Moskau/Chorzów (dpa) - Sex geht immer bei Rammstein . Oder Gewalt. Gern auch in Kombination. Die Band aus Berlin ist bekannt für harte Texte und martialisches Auftreten.

Provokationen scheinen dabei gewollt. Umso erstaunlicher, dass nun eine zarte Geste für Aufsehen sorgt. Die Gitarristen Richard Kruspe und Paul Landers küssen sich am Ende eines Songs. Auf der Bühne.

Na und? Es ist in Moskau! Hauptstadt eines Landes, in dem Menschenrechtler immer wieder brutale Übergriffe auf Homosexuelle beklagen. Erst vor wenigen Tagen wurde eine Aktivistin umgebracht.

Das Stück heißt «Ausländer». Schon den Song sehen manche als Provokation, gerade auch in Deutschland. Im Video paddelt die Band per Schlauchboot mit Schwimmwesten übers Meer einem rettenden Ufer entgegen. Während der laufenden Tour lassen sich die Musiker in Schlauchbooten über die Menge zur Hauptbühne tragen. In Frankfurt hielt Sänger Till Lindemann den Booten ein «Willkommen»-Schild entgegen.

Dann spielen sie «Ausländer», auch in Moskau. Kruspe und Landers gehen im finalen Gitarrenduo langsam aufeinander zu, Lindemann zieht sich beobachtend zurück. Dann kommt der Kuss. Das war auch in Berlin so. Die Geste gibt es nicht überall auf der Tour, doch sie wirkt wie ein Teil der Show. Ein Spektakel wie ein Rammstein-Auftritt lässt zwischen Flammen und Böllern auch kaum Platz für Improvisation.

Allerdings postete die Band nach dem Moskau-Konzert ein Foto des Kusses auf ihrem Instagram-Account. Kommentar in kyrillischer Schrift: «Russland, wir lieben dich.» Im Netz und in westlicheren Ländern gab es dafür viel anerkennende Reaktionen für Rammstein.

In Moskau allerdings rief etwa der Parlamentsabgeordnete Vitali Milonow dazu auf, Russland künftig solche Auftritte zu ersparen. «Wenn sie es für möglich halten, sich derartig aufzuführen, dann sollten wir es auch für möglich halten, uns von solchem Müll fernzuhalten», sagte der Hardliner dem Radio NSN. Die Fans der Band seien doch nicht normal. Was Milonow auch nicht freuen wird: Es sind viele. Ins Moskauer Central Dynamo Stadion kamen gut 80 000. Russische Rammstein-Fans zählen zu den treuesten Anhängern.

Zuvor hatte sich Kremlchef Wladimir Putin einen Schlagabtausch mit Elton John geliefert. Der britische Popstar hatte in einem offenen Brief an Putin kritisiert, dass in Russland im Kinofilm «Rocketman» über sein Leben alle schwulen Liebesszenen geschnitten wurden.

Ein deutliches Statement der Solidarität mit der LGBTIQ-Gemeinde zeigte Rammstein schon beim Konzert im polnischen Chorzów, auch in Polen werden Homosexuelle immer wieder drangsaliert. Landers und Schlagzeuger Christoph Schneider schwenkten in den Schlauchbooten die Regenbogenfahne für Akzeptanz der Vielfalt lesbischer, schwuler, bisexueller, transsexueller, intersexueller, queerer Lebensformen.

In Chorzów war Rammstein rund 40 Kilometer entfernt von jenem Ort, der als Synonym für die Abgründe deutscher Geschichte steht: Auschwitz. Eine KZ-ähnliche Szene hatte gerade erst für einen jener Skandale gesorgt, die Gegnern von Deutschlands wohl erfolgreichstem Musikexport immer neue Munition liefern.

Im März kündigte die Gruppe per Teaser für die Auskopplung «Deutschland» nach zehn Jahren ein neues Studioalbum an. In der kurzen Sequenz, die im kompletten Video kaum noch eine Rolle spielt, sind Mitglieder der Band in Kleidung zu sehen, die an die von KZ-Häftlingen erinnert. Für das Internationale Auschwitz Komitee kritisierte Christoph Heubner, die Band mache «auch vor den deutschen Konzentrationslagern nicht halt». Für Überlebende seien solche Videos empörend und abstoßend.

Rammstein wurde häufig am rechten Rand vermutet. Ihre Coverversion von «Stripped» unterlegten sie mit Filmmaterial der Nazi-Ikone Leni Riefenstahl. Anschließende Vorwürfe und daraus resultierende Selbstkritik mündeten im Bekenntnissong «Links 2 3 4» - und doch wurde «Stripped» später nochmals per Youtube-Kanal platziert.

Die Musiker lassen sich nicht festlegen, Rammstein bleibt ambivalent und provokant. «Wir wollen provozieren, Leute in Bewegung bringen. Das ist das Gegenteil von Entertainment. Wenn man das Publikum unterhalten will, hat man in meinen Augen den Endpunkt der Kunst erreicht. Dann kann man eigentlich auch aufhören», sagte Keyboarder Christian «Flake» Lorenz dazu im «Rolling Stone».

Auch «Deutschland» ist eine brutale und wenig nationale Abrechnung mit 2000 Jahren Geschichte eines Landes, dem Rammstein sagt: «Meine Liebe kann ich dir nicht geben.» Im Video dreht sich alles um Germania, verkörpert von einer Frau. Die Hautfarbe lässt sich als Geniestreich oder Provokation interpretieren: Germania ist schwarz.

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