Geigerin Mirijam Contzen und Pianist Tobias Bredohl in der Bagno-Konzertgalerie
Großstadtlärm und Liebessehnsucht

Steinfurt -

Keine Saalschlacht, kein Aufruhr und auch kein Skandal: Als am Samstag im Bagno die letzten Töne der Sonate des Bad Boy of Music, George Antheil, verklungen waren (ein „allegro frenetico“), brandete tosender Applaus durch die barocke Konzertgalerie.

Sonntag, 29.09.2019, 14:50 Uhr
Geigerin Mirijam Contzen und Pianist Tobias Bredohl in der Bagno-Konzertgalerie
Geigerin Mirijam Contzen und Pianist Tobias Bredohl in der Bagno-Konzertgalerie Foto: Lüttmann

Im Paris der 1920er Jahre endeten Antheils Konzerte ja nicht selten mit wüsten Tumulten, weshalb er, nach seiner Schilderung, nie ohne Pistole in den Konzertsaal ging. Aber natürlich hatte Mirijam Contzen nur ihre 285 Jahre alte Carlo Bergonzi im Geigenkasten und wie ihr Duo-Partner am Flügel, Tobias Bredohl, nur Gutes, ach was: Allerbestes im Sinn. Und die gebürtigen Münsteraner spielten das Sonderkonzert mit dem Titel „Neueys­ Bauhaus 100“ (bis auf den beinahe verunglückten Einstieg in die Bach-Sonate) nicht nur auf einem absolut perfekten und souverän spieltechnischen Niveau – das war bei den beiden zu erwarten – nein, sie verlebendigten die Werke mit einer beneidenswert hinreißenden Musikalität.

Die Sonate von Leos Janacek war für schwerromantische Zuhörer schon der Höhepunkt: Entstanden während des Ersten Weltkriegs, stellen die vier Teile alle erdenklichen Stimmungen der dunklen Zeit mit unerschrocken böhmischer Volksliedverliebtheit recht schroff gegeneinander.

Eine Quasi-Premiere war Kurt Weills Intermezzo für Piano solo: Das 1917 geschriebene Stück wurde erst 1999 uraufgeführt, offenbar erst jetzt aber im Bagno für WDR 3 erstmals aufgezeichnet.

Und dann – ja, was war das? George Antheils (kennt den jemand?) 1923 geschriebene, provokante Sonate explodierte in einem Kampf zwischen wild-perkussivem Klavierspiel und aggressiv-kratzbürstiger Violine, die sich im nächsten Moment wieder zärtlich flüsternd in sich selbst verlor. Antheils kompositorische Eruption beamte die Zuhörer in einen verstörenden Stummfilm von Friedrich Murnau oder Fritz Lang, man hörte Zahnräder rattern, Züge pfeifen, den Lärm der Großstadt und die Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Liebe in einer unruhigen Zeit.

Die auch das Bauhaus bisweilen erschütterte. Dort wurde sie zwar nicht gelehrt, aber im Hintergrund spielte immer Musik. Und es gab die legendär schräge Bauhauskapelle, die recht eigenwillige Effekte erzeugte mit dem Flexaton, der Lotusflöte, mit Drähten, Nägeln, Stühlen – und hin und wieder auch mit Revolverschüssen. Als tröstliches Zusatzzuckerl gab’s Kreisler und Weill im Dreivierteltakt. Herausragend.

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