Striesow besucht Robert Walsers Welt
Wurst, Schnee und ein Büromensch

Münster -

Wie kommt man wohl als Dichter auf die Idee, über das Wesen und die Substanz von „Asche“ zu schreiben? Oder über eine „Wurst“, die man gerade mit Wonne verzehrt hat und der man nun wortreich nachtrauert? Oder über das Leben des „Zündhölzchens“, das artig mit vielen Kompagnons in der Schachtel liegt und kaum, dass es lebendig wird und entflammt, auch schon wieder verglüht?

Sonntag, 29.09.2019, 15:18 Uhr aktualisiert: 29.09.2019, 15:20 Uhr
Devid Striesow war zu Gast beim Weverinck-Abend.
Devid Striesow war zu Gast beim Weverinck-Abend. Foto: Johannes Loy

Der Schweizer Schriftsteller Robert Walser (1878-1956) war so ein Poet, der die kleine Form liebte, in den Feuilletons deutschsprachiger Zeitungen damit reüssierte und erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Meister der Sprache so richtig wiederentdeckt wurde. Eine solche Entdeckung war auch der Weverinck-Abend mit dem Schauspieler Devid Striesow , der in 80 Minuten einen plastischen Einblick in das Schreiben und die „Denke“ Walsers lieferte, der lange an einer psychischen Erkrankung litt.

Zunächst als Aufwärmer sozusagen die Beobachtungen Walsers am Beispiel der kleinen Dinge des Alltags, dann mit Romanauszügen: Zum Beispiel aus dem Opus „Jakob von Gunten“ in dem der Ich-Erzähler über sein Leben in einer Dienerschule berichtet. In diesem Kosmos aus Gehorsam und Biedersinn kannte sich Walser durch eigene Erfahrung bestens aus, und so lässt er den Ich-Erzähler Jakob über seine Diener-Kollegen berichten. Dieser Jakob sieht seine Welt und sich selbst mit einem Gleichmut, der an Gleichgültigkeit grenzt und in Sätzen wie „Ich werde als reizende kugelrunde Null zugrunde gehen“ gipfelt. Striesow präsentiert diesen „Angestellten“-Kosmos Walsers humorvoll und munter, deklamiert glasklar, reißt mitunter erstaunt die Augen auf, setzt Pausen, in denen das Publikum lachen kann, imitiert ein polnisches Freudenmädchen („Ich glaube, das war jetzt eher Tschechisch!“) und schmunzelt auch schon mal über sich selbst, wenn er an einer Zungenbrecherstelle ausrutscht. So landet Striesow, über dessen Lesetisch an der Wand zunächst ein Jugend- und später ein doch sehr grüblerisches Altersbildnis Walsers auf der Leinwand prangt, beim Bankangestellten „Helb­ling“, der über seine Mittelmäßigkeit plaudert: „Mir mangelt es an allem!“ Alle Mittel der Lautmalerei setzt Striesow bei der seltsamen Betrachtung über die verzehrte Wurst ein, schmatzt, schnalzt und schlürft. Und am Ende wird er dann doch ganz leise. Da deckt Robert Walser nämlich unnachahmlich die ganze Welt leise und sachte mit Schneeflocken zu.

Herzlicher Applaus für einen spannenden Walser-Abend und einen sympathischen Rezitator.

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