Eingedampfte Jubiläumsfestspiele in Salzburg haben begonnen
Gewitterzelle verjagt den „Jedermann“

Salzburg -

Die Jubiläumsfestspiele in Salzburg haben begonnen. 100 Jahre nach dem ersten „Jedermann“ mussten die Akteure mit Tobias Moretti und Caroline Peters an der Spitze am Samstagabend allerdings schnellstens ins Festspielhaus umziehen. Eine garstige Gewitterzelle verscheuchte die 1200 Gäste kurz vor Premierenbeginn vom Domplatz.

Sonntag, 02.08.2020, 11:59 Uhr aktualisiert: 02.08.2020, 12:06 Uhr
Tobias Moretti als „Jedermann“ mit „Buhlschaft“ Caroline Peters.
Tobias Moretti als „Jedermann“ mit „Buhlschaft“ Caroline Peters. Foto: Barbara Gindl/APA/dpa

Auch das noch! Müssen die Salzburger Festspiele in bitteren Corona-Zeiten schon ein eingedampftes Programm, gedrittelte Zuschauerzahlen und scharfe Hygiene-Regeln verkraften, so zog am Samstagabend von Bayern her auch noch ein Gewitter auf. ORF2 und BR wollten den Jubi-läums-Jedermann mit Tobias Moretti und der neuen Buhlschaft Caroline Peters eigentlich zeitversetzt vom Domplatz aus übertragen, doch daraus wurde nichts.

Kurz vor der Premiere der Wiederaufnahme der modernen Inszenierung in der Regie von Michael Sturminger mussten die 1200 Gäste dann doch noch ins Festspielhaus umziehen, BR und ORF2 hatten in weiser Voraussicht aber die Generalprobe vom Tag zuvor aufgezeichnet, so dass sich die Salzburg-Freunde schon einmal ein Bild machen konnten. Sie sahen eine temperamentvolle Buhlschaft, die tanzt und wie Marilyn Monroe ein Geburtstagsständchen singt, und einen sehr fidelen Gustav Peter Wöhler als „dicken Vetter“, der ebenfalls neu an der Festtagstafel sitzt und dem Jedermann das „trockene Hirn“ mit Wein erfrischen will.

Vereinzelte Coronafälle konsequent eingrenzen

Das überraschend schnell aufziehende Gewitter – ein böses Omen für die von Corona überschatteten Festspiele? Das will in Salzburg niemand hoffen. Aber eine neue Nachdenklichkeit im Blick auf globale Prasserei und Unfrieden allerorten geht natürlich auch in Salzburg um. Tobias Moretti sagte in der ARD, es drehe sich ja im Jedermann-Mysterienspiel „um die Verfügbarkeit von allem“. Moretti wörtlich: „Da sind wir in diesem Jahr alle ausgehebelt worden.“ Die neue Buhlschaft, Burgschauspielerin Caroline Peters, hatte im Interview mit unserer Zeitung kürzlich zu bedenken gegeben: „Im Augenblick kann man nicht einfach alles verdrängen. Die Menschen sehen die Masken in den Straßen und denken: Ich schütze mich und andere davor, dass wir hier schnell sterben. Dieser Kontext wird die Jedermann-Aufführung aufregender machen.“

Der Kaufmännische Direktor der Festspiele, Lukas Crepaz, rechnet im Verlauf der Festspiele durchaus mit einzeln auftretenden Coronafällen. Das werde nicht anders sein als sonst in der Stadt Salzburg und in den gastronomischen Betrieben, sagte er. Es gehe dann vor allem darum, solche Fälle konsequent einzugrenzen.

Vorreiterrolle unter schwierigen Bedingungen

Besucher der Festspiele dürfen ihre Maske nur auf den Sitzplätzen abnehmen, die Abstandsregeln sollen durch die Begrenzung der Tickets und Verteilung der Zuschauer nach Schachbrettmuster eingehalten werden. Im 100. Jahr des Bestehens des bedeutendsten Kulturfestivals der Welt werden statt rund 240.000 Karten nur 76.000 verkauft. Etliche Tickets sind noch zu haben. Pausen wurden gestrichen, folglich gibt es auch keine Buffets und Snacks, Premierenfeiern schon gar nicht.

„Wir sind sehr aufgeregt“, sagte Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler kurz vor der Eröffnung. Sie sieht Salzburg auch in einer Vorreiterrolle, von der man hofft, dass sie unter schwierigen Bedingungen gelingt. Die Corona-Situation in Österreich hatte sich wie auch in Deutschland in den vergangenen Tagen zwar verschlechtert, ist aber laut Gesundheitsministerium unter Kontrolle.

Den künstlerischen Auftakt machte am Samstagnachmittag Richard Strauss‘ Oper „Elektra“ unter der Leitung von Franz Welser-Möst. Mit Spannung wird am Sonntagabend die Premiere des Stückes „Zdenec Adamec“ von Literatur-Nobelpreisträger Peter Handke erwartet.

Kommentar

Kulturelles Wagnis

Geduldig haben die Salzburger gewartet, ob sie das Risiko der Sommerfestspiele in Corona-Zeiten eingehen sollten. Es stand viel auf dem Spiel. Die komplette Absage des geplanten großen Aufschlags zum 100. Geburtstag der Festspiele wäre einem Desaster gleichgekommen. Es fügte sich, dass sich Österreich mit seinem spätwinterlichen Virus-Brennpunkt Ischgl vergleichsweise schnell wieder aus den Pandemie-Tiefen herausarbeitete. Ende Mai fiel an der Salzach die Entscheidung. Nun also gibt es verkürzte Festspiele, Vorstellungen ohne riskante Begegnungspausen, halbierte Platzzahl, penible Hygiene- und Distanzregeln, wie man sie von überallher kennt. Die Jubiläumsfestspiele gleichen einem kulturellen Wagnis, von dem wir erst in einigen Wochen wissen, ob es gelingt. Bleibt alles ruhig, dann dürfte man Salzburg in diesen für den Kulturbetrieb schwierigen Zeiten als Vorzeige- und Vorreiterprojekt loben. (-loy-)

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