Peter Handkes „Zdeněk Adamec“ in Salzburg
Kunstvolles Erinnerungsgewölbe

Salzburg -

Um Peter Handke ist es nach der Verleihung des Literaturnobelpreises ruhiger geworden. In Salzburg wurde sein neues Theaterstück freundlich begrüßt.

Mittwoch, 05.08.2020, 12:28 Uhr aktualisiert: 05.08.2020, 13:48 Uhr
Hanns Zischler (l.) redet auf seine herumhockenden Mitspieler (v. l.) Sophie Semin, André Kaczmarczyk, Christian Friedel, Eva Löbau, Luisa-Céline Gaffron und Nahuel Pérez Biscayart ein.
Hanns Zischler (l.) redet auf seine herumhockenden Mitspieler (v. l.) Sophie Semin, André Kaczmarczyk, Christian Friedel, Eva Löbau, Luisa-Céline Gaffron und Nahuel Pérez Biscayart ein. Foto: Barbara Gindl/dpa

Der atmosphärisch, ja sogar spirituell beeindruckendste Moment in dem in Salzburg uraufgeführten Stück „ Zdeněk Adamec “ von Literaturnobelpreisträger Peter Handke ist nach gut einer Stunde erreicht. Da steht André Kacz­marczyk, der in diesem Moment in die Rolle der Titelfigur schlüpft, auf einem Podest, so als wolle er den selbst herbeigeführten Flammentod des Lebensmüden noch einmal nachspielen. Dazu erklingt mehrstimmig Luthers Lied „Aus tiefer Not schrei ich zu Dir“, die bis heute berührende Vertonung jenes alttestamentarischen Psalms 130, der ja nichts anderes ist als der Aufschrei eines Depressiven gegenüber seinem Gott. Es ist düster. Schnee fällt. Todeskälte macht sich breit. Auch im Publikum. Doch nicht alles, was hier in zwei Stunden im Landestheater verhandelt wird, erschließt sich spontan. Für ein Theaterstück ist Handkes Text, im Programmheft sogar noch mit einem Glossar literaturgeschichtlicher Vorlagen ergänzt, viel zu dicht geflochten. Regisseurin Friederike Heller hat folglich ihre Mühe, das Gesprochene in Gespieltes umzusetzen.

Sieben Leute stehen zumeist statisch auf der Bühne. Diese hat Sabine Kohlstedt mit abstrakten Säulen und gotischen Bögen ausgestattet, die der Zuschauer als Erinnerungsgewölbe deuten mag und die im Spielverlauf durch Beleuchtungswechsel eine meditative, ja sogar sa­krale Stimmung evozieren. Die sieben Figuren, deren Namen nicht von Belang sind, bilden eine Art Recherche-Netzwerk. Warum diese Leute zusammenkommen? Einerlei. Sie sind einfach da und verhandeln im Gespräch ein Schicksal, eine berührende menschliche Tragödie. Es geht um den Tschechen Zdeněk Adamec. 18 Jahre jung war der Mann aus Humpolec im böhmischen Hoch­land, als er sich Anfang März 2003 auf dem Wenzelsplatz in Prag verbrannte. Der historische Fall wird zum roten Faden in einem filigranen Textgewebe aus Fragen und Ant­worten, Vermutungen, Zweifeln, Informationen und Anekdoten. Während sich die Figuren um eine annähernde Rekonstruktion des Ereignisses in seinem politisch­-historischen Kontext bemühen, entsteht zugleich ein fiktives Psychogramm des jungen Tschechen Zdeněk Ada­mec, der sich mit seiner verstörenden Tat zum brennenden Fanal machen wollte gegen den Zustand der Welt zwischen Machtgier und Mammon. Die Selbstverbrennung weckte vor 17 Jahren nicht nur in Tschechien Erinnerungen an Jan Pallach, der sich 1969 aus Protest gegen den Einmarsch der Roten Armee auf dem Wenzelsplatz verbrannt hatte.

Doch wie verhielt es sich mit der Motivlage des Zdeněk Ada­mec? Schnell drehte sich in der offiziellen politischen Lesart der jungen Tschechischen Republik alles in die Richtung, hier habe sich ein depressiv verstimmter, gar gestörter junger Mann aus dem Leben gestohlen. Öffentlicher Mainstream mit dem Anspruch zur Deutungshoheit – das ist freilich das Thema, das Peter Handke aus der Haut fahren lässt. Zum Teil, wie beim Balkan-Konflikt, mit absurden subjektiven Fehldeutungen. Aber das steht hier nicht zur Debatte.

Das vom reifen Intellektuellen bis zur temperamentvollen jungen Dame reichende Recherche-Team auf der Bühne nähert sich also der Kindheit und Jugend der Titelfigur. War er nicht Einzelkind? Litt er unter traumatischen Erlebnissen? Wie war das damals beim Blaubeerensuchen in Böhmens Wäldern, wo hatte der junge Mann seine Heimat, seinen Sehnsuchtsort? Wollte er nicht mal mit Computerfreaks in Prag das Licht ausknipsen? Während Routinier Hanns Zischler, der Mann mit der besten Sprachkultur auf der Bühne, eher den professoralen Typ herauskehrt und seine Erkenntnisse analytisch über die Rampe raunt, sind Eva Löbau und Luisa-Céline Gaffron in ihren Rollen eher um den Abgleich des vermuteten Psychogramms Adameks mit dem je eigenem Weltschmerz befasst. Das ist streckenweise langweilig und sprachlich anstrengend. Die Regisseurin gönnt den Akteuren nur wenig mehr Bewegung, als umherzugehen, auf einem Stuhl zu sitzen, einen Apfel wegzukicken oder Schneeflocken wegzufegen. Ein Lichtblick des Abends ist Christian Friedel, der so etwas wie den zentralen Erzähler und Deuter des Stückes und der Lebensgeschichte Adameks gibt. Sophie Semin, Ehefrau Handkes, bringt in ihrer Sprachfärbung eine französische Note ins Spiel, der argentinische Schauspieler Nahuel Pérez Biscayart eine spanische. Handke wollte diesen internationalen Touch, dramaturgisch erschließt sich das nicht. Musik einer dreiköpfigen Band, auch Leonards Cohens „Halleluja“ ist darunter, liefert Stimmungsträger.

In Zeiten, in denen die Welt durch Corona, Krisen und Konflikte in ihrer banalen Diesseitigkeit erschüttert wird, hat Handkes Stoff durchaus einen Sitz im Leben und passende inhaltliche Parallelen zum „Jedermann“ in Salzburg. Ob sich seine „Szene“ im Spielplan der Theater flächendeckend durchsetzt, mag man allerdings eher bezweifeln. Trotz freundlichen Beifalls in Salzburg.

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