Eine Nachlese des Berliner Musikfests 2020
Ganz im Zeichen Ludwig van Beethovens

Berlin -

Das diesjährige Musikfest Berlin stand trotz mancher Corona-Einschränkungen ganz im Zeichen von Ludwig van Beethoven, dessen 250. Geburtstag die Musikwelt elektrisiert. Eine Nachlese des vielschichtigen Programms.

Donnerstag, 24.09.2020, 13:06 Uhr
Igor Levit bot beim Berliner Musikfest wie schon in Salzburg sämtliche Klaviersonaten von Ludwig an Beethoven.
Igor Levit bot beim Berliner Musikfest wie schon in Salzburg sämtliche Klaviersonaten von Ludwig an Beethoven. Foto: imago images/Future Image

„Die Kunst will von uns, dass wir nicht stehen bleiben“ – eine Sentenz Beethovens , die nicht nur den musikalischen Großmeister bei seiner schöpferischen Arbeit zeitlebens geleitete. Das Diktum ist die Grundidee auch des alljährlich stattfindenden Musikfestes Berlin. Wobei der anregende Dialog von traditioneller und zeitgenössischer Musik stets als Fundament einer innovativen Programmgestaltung betrachtet wird. Zum 250. Geburtstag Beethovens setzte heuer das Musikfest einen Schwerpunkt mit etlichen gewichtigen Werken des Klassikers. Neben Orchesterwerken bezeichnete da der in acht Teilen angelegte Zyklus seiner sämtlichen Klaviersonaten einen markanten Programmpunkt. Wobei der hervorragende Pianist Igor Levit seine Recitals zu Sternstunden werden ließ.

Der Brückenschlag zur Tonkunst der Gegenwart in ihren unterschiedlichsten Erscheinungsformen ist jedoch erklärtes Anliegen des Festivals. Und da spielte in der Auseinandersetzung um die Neue Musik zu Beginn der 1970er Jahre der Tonsetzer Wolfgang Rihm eine wesentliche Rolle. Sein Opus „Jagden und Formen“ (1995/2001) für großes Ensemble verlieh dem von George Benjamin geleiteten Konzert mit dem Ensemble Modern ein markantes Gepräge. „Jagden und Formen“, aus dem Orchesterstück „Gejagte Form“ entstanden, wird ständig erweitert, ist mithin ein „work in progress“. Mittlerweile ist die Komposition zu einem fünfzigminütigen Musikfluss angewachsen. Rihms Interesse gilt da betont der Sprachfindung und dem Ausdruckspotential, weniger einer Materialerneuerung. George Benjamin vermochte mit den ausgezeichneten Streichern des Ensemble Modern gleichsam ein erregendes instrumentales Weben zu entwickeln, wobei Holzbläser signifikante Akzente setzten. Musik von Rihm wird auch den Schlusspunkt des Musikfestes setzen.

Nicht nur als Tonsetzer ist Rihm beim Berliner Musikfest präsent. Er ist auch der Lehrmeister der 1967 geborenen englischen Komponistin Rebecca Saunders, die von 1991-94 bei ihm ein Kompositionsstudium absolvierte. Zu den Besonderheiten ihres kompositorischen Prozesses gehört die enge Zusammenarbeit mit Musikern, die Saunders als „Inspiration“, als „treibende Kraft“ betrachtet. Von der Komponistin stellte das Musikfest in sieben Konzerten eine Vielzahl ihrer Werke vor. Wobei sich da betont das Ensemble Musikfabrik und das Klangforum Wien engagierten.

So facettenreich die Ensembles die Palette Neuer Musik ausloteten, so markante Programmpunkte setzten die Berliner Orchester an ihren Abenden. Das war um so wichtiger, da große ausländische Klangkörper wegen der Corona-Pandemie nicht anreisen konnten. Mit zwei unterschiedlichen Programmen verliehen die Berliner Philharmoniker dem Festival gleichwohl Fulminanz. Daniel Harding konfrontierte in seinem Programm die Lyrische Suite für Streichorchester (1926/28) von Alban Berg mit Beethovens 6. Sinfonie. Und Chefdirigent Kirill Petrenko stellte dem Violinkonzert von Alban Berg (Solist: Frank Peter Zimmermann) Dvoraks 5. Sinfonie gegenüber.

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) spannte in seinem 1. Festivalkonzert unter dem Chefdirigenten Vladimir Jurowski einen Bogen von J.S. Bach bis hin zu Alfred Schnittke. Anton Weberns Orchesterfassung von Bachs sechsstimmigem Ricercar aus dem „Musikalischen Opfer“ versucht den motivischen Zusammenhang der Vorlage so klar wie möglich zu verdeutlichen. Ein Opus, dessen Gestus die Instrumentalisten des RSB diffizil ausleuchteten. Bei Anton Weberns aphoristisch-spröden zwölftönigen „Variationen für Orchester“ op. 30 vermochte Jurowski mit seinen Musikern dennoch charakterisierende Klangfarben zu entdecken. Ein Höhepunkt des Abends – die Drei Bruchstücke für Gesang und Orchester aus Alban Bergs Oper „Wozzeck“ . Ein Werk, in dem der Komponist die sozialen Verwerfungen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert mit musikalischer Eindringlichkeit gestaltet hat. Der Sopranistin Anne Schwanewilms gelang es beeindruckend, mit hoher Intensität der an den gesellschaftlichen Abgründen leidenden Marie, der weiblichen Hauptfigur der Oper, Glaubwürdigkeit zu verleihen. Zum Finale des Abends Alfred Schnittkes Concerto grosso Nr. 1 für zwei Violinen, Cembalo, präpariertes Klavier und Streichorchester (1977). Frappierend, wie der Komponist hier in das Panorama seiner neoklassizistischen Tonsprache einige Fragmente aus seiner früheren Filmmusik eingefügt hat. Facettenreich, gar polystilistisch das Klanggeschehen. Da begegnen dem Hörer ein frischer Kinderchor, ebenso eine nostalgisch-atonale Triosonate wie auch „der Lieblingstango meiner Großmutter“ (so Schnittke).

Unter den Berliner Klangkörpern ist das Konzerthausorchester, das seit der Saison 2019/20 von Christoph Eschenbach als Chefdirigent geleitet wird, gleichfalls ein engagierter Protagonist zeitgenössischer Musik. Zum Musikfest brachte es jetzt, umrahmt von Haydns Sinfonie Nr. 21 und Beethovens Achter, das 2. Violinkonzert mit dem Beinamen „Concerto Noir Redux“ von Christian Jost (geb. 1963) zur vielbeachteten Uraufführung. Der Komponist berichtete, dass die Corona-Pandemie seine Arbeit am kompositorischen Prozess des Werkes beeinflusst habe. So konzipierte er das Opus als „eine einsätzige organische Struktur, die von drängenden rhythmischen Zellen geprägt ist, bei der sich ständig das Eine in das Andere ergibt und die mit nur einer Tempoangabe versehen ist: Viertel 76 espressivo“. Für die Redux-Fassung hat Jost die ursprünglich opulente Orchesterbesetzung reduziert. Von dunkel gefärbtem Charakter geprägt, ist das Werk von energetischer Kraft erfüllt und wird von vorwärts peitschenden Rhythmen getrieben. Wobei nur wenige Ruhepunkte den Tonfluss unterbrechen, Christian Tetzlaff war der hervorragende Interpret, der den hohen technischen Ansprüchen des Stückes gerecht wurde. Wobei das Orchester unter Eschenbach ein kongenialer Begleiter war.

 

 

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