Einblicke in die Bestattungsgeschichte der Stadt Münster
Wo Generäle und Gelehrte ruhen

Nach der Unterwerfung der Sachsen im Jahre 785 verfügte Kaiser Karl den Großen in Artikel 22 der Capitulatio des partibus Saxoniae (eine Sammlung von 34 Einzelgesetzen, welche die Sachsen nach ihrer Unterwerfung betreffen): „Wir befehlen, dass die Leichen der christlichen Sachsen zu den Friedhöfen der Kirchen, nicht zu den Grabstätten der Heiden gebracht werden“. So wurden mit dem Bau der Kirchen neben diesen auch gleich die Begräbnisstätten angelegt. Als man sich zur Zeit der Aufklärung bewusst wurde, dass es nicht gesund sein könnte, die Friedhöfe inmitten der Stadt zu haben und nicht weit entfernt davon Trinkwasserbrunnen, begann man, die Friedhöfe auf Flächen außerhalb der Stadtmauern zu verlegen. Diesem Umstand verdanken wir die offenen Plätze neben den Kirchen der münsterischen Altstadt.

Mittwoch, 05.11.2014, 19:11 Uhr

 
  Foto: Ernst Feix

Am 28. Februar 1780 veröffentlichte Minister Freiherr Franz von Fürstenberg im Auftrage des Fürstbischofs das Verbot, nach welchem „das Begraben der Leichen innerhalb der Stadt Münster in sämtlichen Pfarrkirchen sowohl als auch auf derenselben vormahligen Kirchhöfen, auch bei den Hospitälern ohne Ausnahme“ nicht mehr gestattet wurde. Nachdem seit dem Jahre 1764 mit der Entfestung der Stadt begonnen worden war und mit dem Erdwall zwischen innerem und äußeren Graben der innere zugeschüttet wurde, wurden für die Kirchengemeinden im Bereich des vormaligen inneren Grabens neue Begräbnisstätten angelegt: Zuerst 1770 vom Buddenturm aus nach Westen der Friedhof für die Überwasserpfarre. Ein zweiter wurde 1774 für die Lamberti- und Martinipfarre zwischen Mauritz- und Hörstertor angelegt, ein dritter um 1780 zwischen Ludgeri- und Aegidiitor für die Verstorbenen der gleichnamigen Pfarreien.

Bereits nach wenigen Jahrzehnten waren diese Friedhöfe im Gelände des ehemaligen Stadtgrabens voll belegt. Am 29. Mai 1808 fand die letzte Bestattung auf dem Friedhof des Überwasserkirchspiels am Buddenturm statt. Neue Flächen mussten bereitgestellt werden. Der Friedhof beim Hörstertor wurde weiter nach außen verlegt zu dem heute als Anlagen erhaltenen Hörsterfriedhof, derjenige der Pfarreien Aegidii und Ludgeri an die Stelle der heutigen Antoniuskirche. Der von der Überwassergemeinde genutzte wurde im Jahre 1808 vom Buddenturm auf das Gelände nördlich des Schlossgartens verlegt. Er wurde gleichzeitig auch für die Domgemeinde bestimmt, da innerhalb der Promenade überhaupt keine Bestattungen mehr vorgenommen werden sollten. Wie der Hörsterfriedhof ist auch dieser ehemalige Überwasserfriedhof heute noch durch die vielen erhaltenen Grabsteine als ehemaliger Friedhof erkennbar.

Die erste Bestattung auf dem heutigen Überwasserfriedhof erfolgte am 7. Juni 1808. Schon zwei Jahre später wurde hier auch Freiherr Franz von Fürstenberg zu Grabe getragen, der am 16. September 1810 verstorben war. Er hatte sich durch die Gründung der Universität, die Anlage der Promenade auf den ehemaligen Befestigungswällen und viele weitere Maßnahmen zuerst als Minister, später nur noch als Generalvikar unendliche Verdienste für die Stadt und das Stift Münster erworben. Als nach Anlage des Zentralfriedhofes der Überwasserfriedhof aufgelassen und in eine öffentliche Anlage umgewandelt wurde, wurden die Überreste Fürstenbergs in eine Grabstelle im Zentrum des Domherrenfriedhofes vor der Totenleuchte innerhalb des Kreuzganges umgebettet, wo sie seit dem 21. Oktober 1929 ruhen.

Eine zweite auf dem Überwasserfriedhof beigesetzte bedeutende Persönlichkeit war der große Pädagoge und Schulreformer Bernhard Overberg. Nach seinem Tod am 9. November 1826 wurde auch er auf dem Überwasserfriedhof bestattet. Da er über seine pädagogischen Ämter hinaus auch Dekan und Pfarrer von Liebfrauen-Überwasser gewesen war, wurde sein Sarg bereits 1904 in den Chorraum der Überwasserkirche überführt.

Heute noch auf dem Überwasserfriedhof vorhanden ist das Grab des Königsberger Philosophen Friedrich Georg Hamann . Auf Einladung seines Freundes und Verehrers Franz Caspar Bucholtz war er im Jahre 1787 von Königsberg nach Münster gereist, hatte auf Haus Welbergen, Bucholtz‘ Besitz, gearbeitet und sich erholt und hatte schließlich auch seinem Freund Friedrich Heinrich Jacobi in Pempelfort bei Düsseldorf einen Besuch abgestattet. Am Tag seiner geplanten Rückreise nach Königsberg verstarb er im Hause Bucholtz. Während seines Aufenthaltes in Münster hatte Hamann enge Kontakte zu der sogenannten „Familia Sacra“ um die Fürstin von Gallitzin geknüpft. Es war ihr dringender Wunsch, das Grab Hamanns in ihrem Garten zu haben.

Mit der Genehmigung dazu wurde auch die mögliche Schwierigkeit umgangen, die hätte entstehen können, wenn der evangelische Hamann auf einem katholischen Friedhof beigesetzt worden wäre. Als nach dem Tode der Fürstin von Gallitzin ihr Haus und Garten zwischen der Grünen Gasse und der Schützenstraße verkauft worden waren, verfiel Hamanns Grab, fand sich zeitweilig sogar auf einem Kartoffelacker. Einige Bürger Münsters restaurierten es auf eigene Kosten. Im Jahre 1851 schließlich verfügte der preußische König Friedrich Wilhelm IV. die Umbettung und die Umsetzung des Grabsteins auf den Überwasserfriedhof, wo sich das Grab heute noch befindet. Auf dem vormaligen Grundstück der Fürstin von Gallitzin steht heute das Annette-Gymnasium samt Schulhof.

Von den bis heute verbliebenen Grabsteinen sind zwei weitere besonders auffällig. Beide gehören sie vormaligen Kommandierenden Generälen, die in Münster verstarben. Der erste deckt das Grab des Generalleutnants und Kommandieren Generals Wilhelm von Horn, *31.10.1762, † 31.10.1829. Horn war ein volkstümlicher General der Freiheitskriege. Auf hohem Sockel über seinem Grab ruht ein liegender Löwe in Eisenguss nach einem Modell des bedeutenden Bildhauers Christian Daniel Rauch.

Das zweite ins Auge springende Grabdenkmal ist jenes des Generalleutnants und Kommandierenden Generals Freiherr Ludwig Roth von Schreckenstein, * 16.11.1789, † 30.05.1858. In Bronze gegossen liegt Roth von Schreckenstein in Lebensgröße auf seinem Grabstein, in voller Uniform mit Kragenmantel. Nach dem Leben porträtiert ist sein Gesichtsausdruck. Der Säbel, der auf seiner Brust ruhte, ist leider vor einigen Jahren mutwillig abgebrochen worden und bis heute nicht ersetzt. Er würde vermutlich nur erneuert werden können, wenn man nicht neuen Vandalismus befürchten müsste. Obwohl Roth von Schreckenstein katholisch war, war er der militärische Erzieher des späteren Kaisers Friedrich, der im Jahre 1888 Kaiser wurde und bereits nach neunundneunzig Tagen verstarb. Als dieser sich – noch Kronprinz – anlässlich von Manövern im Herbst 1884 in Münster aufhielt, besuchte er mit seinem Vater Kaiser Wilhelm I. und seinen beiden Söhnen am 24. September den Überwasserfriedhof und legte einen prachtvollen Lorbeerkranz am Grabe seines früheren Erziehers nieder. Die Straße, auf der die kaiserlichen Herren sich damals zum Friedhof begaben, heißt seitdem nach Kaiser Wilhelm I. Wilhelmstraße.

Ein weiteres, fast zwei Meter hohes massives Steinkreuz im Stil vermutlich der 1950er Jahre fällt auf: Es ist das erneuerte Grabkreuz von Bernhard Georg Kellermann. Am 13. Dezember 1846 war er vom Domkapitel als Nachfolger von Bischof Kaspar Max Droste zu Vischering gewählt worden. Die Wahl wurde von der Preußischen Regierung ohne Einwände genehmigt. Er wäre der erste nicht-adlige, also bürgerliche Bischof von Münster gewesen. Aber am Tage der Wahlbestätigung durch den Heiligen Stuhl starb er im Kreuzgang des Domes nahe dessen Westeingang im Alter von 71 Jahren an einem Schlaganfall. Da die Bischofsgruft im Dom erst nach dem Krieg angelegt wurde und der Domherrenfriedhof noch nicht wieder belegt, fand er sein Grab auf dem Überwasserfriedhof.

Die vor den Toren der Altstadt gelegenen drei Friedhöfe – Überwasser-, Hörster- und Aegidiifriedhof – mussten im Jahre 1886 wegen Überfüllung geschlossen werden. Man hatte diese Entwicklung kommen sehen. Bereits zehn Jahre zuvor hatte sich der damalige Oberbürgermeister Caspar Offenberg an die Regierung in Berlin gewandt mit dem Hinweis, der Hörsterfriedhof sei voll belegt, läge inzwischen dazu inmitten neuer Bebauung. Oberbürgermeister Caspar Offenberg wies auf mögliche Gefahren für die Bewohner hin, die von dem naheliegenden Friedhof ausgehen könnten. Einige Jahre vergingen, bis man sich schließlich auf das heutige Gelände für die Anlage eines neuen Friedhofes geeinigt hatte. 1887 wurde er mit dem Namen Central-Kirchhof eingeweiht, zunächst der evangelische Teil am 2. Januar, am 30. März auch der Teil der katholischen Gemeinden. Damit war der heutige Zentralfriedhof seiner Bestimmung übergeben.

Auf den drei bisherigen Friedhöfen wurde nun nicht mehr beerdigt. Der bisherige Friedhof der Aegidii- und Ludgerigemeinde wurde 1913 für den Bau der heutigen Antoniuskirche zur Verfügung gestellt; die beiden anderen wurden am 1. Juni 1926 offiziell in die Pflege der städtischen Gartenbauverwaltung übertragen und damit zu öffentlichen Parkanlagen umgewidmet.

Während des Krieges fielen auf dem Gelände des Zentralfriedhofes so viele Bomben, dass er mit Bombenkratern förmlich übersät war. Wegen der schweren Verwüstungen – aufgerissene Gräber, zerstörte Wege – musste er im Oktober 1944 geschlossen werden. Der Waldfriedhof Lauheide war zwar schon 1942 eröffnet worden, war aber vom 1. April 1945 bis zum 5. Mai 1946 von alliierten Truppen besetzt. Aufgrund dieser Umstände wurde nun der Überwasserfriedhof erneut für Beerdigungen geöffnet. Im Ganzen haben hier zwischen 1945 bis 1947 625 Beerdigungen stattgefunden.

Auch von diesen Bestattungen nach dem Krieg sind heute noch einzelne Grabsteine vorhanden. Das frühere Friedhofsgelände wurde allerdings im Laufe der Jahre an drei Seiten beschnitten: Die Wilhelmstraße wurde auf Kosten des Friedhofsgeländes verbreitert, aus der gegenüberliegenden Seite wurde ein Stück für einen Kindergarten abgeschnitten, und auf einer dritten Seite ein Spielplatz angelegt. Die verbliebene Restfläche ist eine stille Oase am Rande der Altstadt, leicht zugänglich vom heutigen Schlossplatz aus und weiterführend in die Anlagen nördlich des Schlossparks. 

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